Berlin, Europaplatz

Berlin, Europaplatz

Die Frühjahrsstaffel 2014 des „Schülerlabors Geisteswissenschaften“ widmete sich einem Experiment: einer möglichst umfassenden, kumulativen „Bestandsaufnahme“ des Berliner Europaplatzes. Sie griff damit eine Idee des französischen Autors Georges Perec auf, der in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts an verschiedenen Orten in Paris ähnliche Versuche unternommen hat. Die Ergebnisse sind auf dieser Webseite dokumentiert.

An drei Tagen im Oktober 1974 bezog Georges Perec (1936-1982) in verschiedenen Cafés rund um die Pariser Place Saint-Sulpice Posten, um zu notieren, „was passiert, wenn nichts passiert außer Zeit, Menschen, Autos und Wolken“. Seine Aufzeichnungen erschienen im darauffolgenden Jahr unter dem Titel „Versuch, einen Platz in Paris zu erfassen“ („Tentative d´épuisement d´un lieu Parisien“).

Das ästhetische Programm seines größer angelegten Projekts ist in dem ebenfalls 1974 entstandenen Essay „Träume von Räumen“ („Espèces d´espaces“) entfaltet. Perec ging es darum, den Raum durch verfremdende Kunstgriffe der menschlichen Wahrnehmung überhaupt wieder zugänglich zu machen, ihn seiner vermeintlichen Selbstverständlichkeit zu entkleiden. Durch ihre möglichst vollständige, „ausschöpfende“ Beschreibung – so die Grundbedeutung des französischen Verbs épuiser – wollte er die Dinge vor dem Vergessen bewahren.

Was Perec im Alleingang geleistet hat, haben wir vierzig Jahre später an sechs Tagen zwischen Mai und Juli mit mehreren Gruppen von Schülerinnen und Schülern in Angriff genommen: den „Versuch, einen Platz in Berlin zu erfassen“, und zwar den Europaplatz nördlich des Hauptbahnhofs. Methodisch ließen wir uns dabei von den bei Perec empfohlenen Techniken und praktischen Übungen anregen, ergänzten sie aber um die modernen Möglichkeiten multimedialer Dokumentation. Fruchtbar gemacht wurden für die Projektarbeit die Vorkenntnisse und Interessen der beteiligten Gruppen. So gingen etwa Geographie-Kurse der Geologie des Platzes nach, während ein Geschichtskurs Recherchen zur Historie des Ortes beisteuerte.

Das Projektkonzept erwuchs aus der Zusammenarbeit von Künstlern und (Rechts-) Wissenschaftlerinnen. Performances zur ästhetischen Raumwahrnehmung gingen daher einher mit propädeutischen Übungen und juristischen Planspielen. Einen Schwerpunkt unserer Untersuchungen bildete das Themenfeld „Recht und Raum“, das in seinen verschiedenen grund-, aber auch einfachrechtlichen Dimensionen (u.a. Planungs-, Denkmalschutz- und Straßenrecht) erkundet wurde. Den Besuchern unserer Seite bietet die Rubrik „Fragen und Antworten“ einen Überblick über einige der untersuchten Inhalte.

Nach vielen Tagen und Stunden vor Ort ist der Europaplatz im Sinne Perecs gewiss noch nicht „ausgeschöpft“. Doch haben wir von seiner Unwirtlichkeit und staubigen Hitze einen mehr als nur oberflächlichen Eindruck gewinnen und auch einige seiner regelmäßigen Besucher und Bewohner kennenlernen können. Einen Platz von etwa acht Quadratkilometern nach allen Regeln der Kunst und der Wissenschaft, ja teilweise sogar buchstäblich umzugraben, heißt nicht zuletzt sensibler zu werden für die Bedeutung des Realraums in einer zunehmend virtuellen Welt. Geschichte kristallisiert sich, Freiheit wird behauptet oder preisgegeben: wo, wenn nicht hier?

Kontakt
Dr. Yvonne Pauly
Koordinatorin Schülerlabor Geisteswissenschaften
Akademie und Schule
Tel.: +49 (0)30 20370 372
pauly@bbaw.de 
Jägerstraße 22/23
10117 Berlin
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