Ehrenmitgliedschaft 2004

Professor Dr.-Ing. Dr. h.c. mult. Werner Albring

 

wird im Jahre 2004 in Würdigung seines wissenschaftlichen Lebenswerkes zum Ehrenmitglied der Akademie gewählt.

 

Professor Dr.-Ing. Dr. h.c. mult. Werner Albring, geboren 1914 im westfälischen Schwelm, ist einer der maßgeblichen Strömungsdynamiker unserer Zeit – mit reichem Schrifttum und zahlreichen praktischen Weiterungen gilt er als einer der Väter der heutigen Strömungsmechanik. Die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften nimmt seinen bevorstehenden 90. Geburtstag zum Anlass Werner Albring in besonderer Weise zu ehren.

 

Das Curriculum vitae von Werner Albring ist in hohem Maße durch die Brüche und politischen Wechsel des vergangenen Jahrhunderts geprägt: Von 1934 bis 1939 studierte er Maschinenbau an der Technischen Hochschule (heute: Universität) Hannover, wo er 1941 mit einer Arbeit über „Kraftmessungen am schwingenden Tragflügel“ zum Dr.-Ing. promoviert wurde. Nach zweijähriger Assistenz arbeitete er von 1941 bis 1945 als Stellvertretender Leiter am Institut für Aeromechanik und Flugtechnik an der Technischen Hochschule in Hannover. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nahm W. Albring eine Tätigkeit bei den Zentralwerken im thüringischen Bleicherode auf und wurde 1946 zum Abteilungsleiter für Aerodynamik berufen. Noch im gleichen Jahr wurden er und seine Familie gemeinsam mit anderen ausgewählten Spezialisten in die damalige Sowjetunion zwangsverpflichtet. Für die Dauer von sechs Jahren arbeitete W. Albring als Aerodynamiker auf der im Seligersee gelegenen Insel Gorodomlia (Institut Nr. 88, Ostaschkow). In strenger Abgeschiedenheit war er in dieser Zeit maßgeblich an der Entwicklung und Konstruktion von Trägerraketen beteiligt. Über dieses wenig bekannte Kapitel deutscher Wissenschaftsgeschichte, das erst vergleichsweise spät in den Blickpunkt des öffentlichen Interesses rückte, berichtete Albring selbst in eindrucksvoller Weise in der 1991 erschienenen Publikation „Gorodomlia. Deutsche Raketenforscher in Rußland“. 1952 kehrte Werner Albring aus der Sowjetunion zurück und wurde zum ordentlichen Professor an der Technischen Hochschule (später: Technische Universität) Dresden und zum Direktor des neugegründeten Instituts für Angewandte Strömungslehre berufen. Ab 1955 war er zugleich für die Dauer von fünf Jahren nebenamtlicher Bereichsleiter für Forschung in der Forschungs- und Versuchsanstalt für Strömungsmaschinen in Dresden. Für mehr als ein Vierteljahrhundert prägte Werner Albring mit seinen herausragenden wissenschaftlichen Leistungen den Stil des Instituts für Angewandte Strömungslehre der Technischen Universität Dresden und begründete dessen hohes Ansehen sowohl im In- als auch im Ausland. Auch nach seiner Emeritierung im Jahre 1979 blieb er seiner Dresdner Wirkungsstätte auf das engste verbunden.

 

Zu Albrings Hauptarbeitsgebieten gehören Strömungsprobleme der Turbomaschinen und die Turbulenzforschung sowie insbesondere die strömungstechnische Auslegung und Optimierung von Turbomaschinen und Schaufelgittern, die vielgestaltige Anwendung der Ähnlichkeitsmechanik bei Strömungsvorgängen und das Turbulenzproblem, also die Beschreibung der Bewegung von Einzelwirbeln, von ganzen Wirbelfeldern und Wirbelsystemen. Zu diesen und weiteren Themen hat er eine Vielzahl wissenschaftlicher Vorträge gehalten sowie zahlreiche Publikationen vorgelegt – exemplarisch genannt seien in diesem Zusammenhang Albrings „Angewandte Strömungslehre“ (erstmals 1961), die zu einem Standardwerk der Strömungsmechanik avancierte und in mehreren Auflagen vorliegt, sowie sein Beitrag über „Elementarvorgänge fluider Wirbelbewegungen“ (1981).

Werner Albring war und ist zunächst ein Spezialist der Strömungsmechanik von exzellenter Fachkompetenz. Dabei hat er jedoch immer versucht, die Forschungsergebnisse seines eigentlichen Fachgebiets in größere Kontexte einzuordnen. Auch wenn er in seinen Forschungen bestimmte spezielle Strömungsprobleme behandelte, so leitete Albring daraus meist neue, physikalisch begründete Systematiken ab. Sein interdisziplinäres Denken und Wirken ging dabei weit über den Bereich der Technikwissenschaften hinaus: So beschäftigten ihn Fragen der Folgen des technischen Fortschritts auf das menschliche Zusammenleben ebenso wie Probleme der gesellschaftlichen Umwelt des Technikwissenschaftlers, strömungsmechanische Arbeiten auf dem Gebiet der Biologie und der Lebewesen sowie wissenschaftshistorische Aspekte und Problemstellungen. Ein bei Albring immer wiederkehrendes Thema ist seine Auseinandersetzung mit ethischen Fragen, insbesondere mit dem Problem der Entwicklung und des Baus von Waffen – davon zeugen u.a. Arbeiten wie z.B. „Entwicklungsimpulse von Physik und Technik: Anwendungen zum zivilen Gebrauch und zu Waffen“ (1985) sowie „Gedanken eines Technikers über die Ethik“ (1987).

 

Während seines Wirkens als Hochschullehrer und Wissenschaftler an der Technischen Universität Dresden, hat er den Lebensweg seiner Schüler entscheidend beeinflusst. Seine wissenschaftliche Exzellenz, seine auf Forschung und die Grundlagendisziplinen bezogene universitäre Ausbildung, seine anschauliche, verständliche und anwendungsfreundliche Darstellungsweise als Hochschullehrer sowie eine immer wieder bewiesene Balance zwischen theoretischen und experimentellen Untersuchungen ermöglichten es einer Persönlichkeit vom Format Werner Albrings, das Technikstudium ganzer Studentengenerationen von der Mitte der 50er bis in die 80er Jahre hinein in maßgeblicher Weise zu prägen. Zahlreiche Lehrstühle für Strömungstechnik und verwandte Gebiete an den Hochschulen und Universitäten der ehemaligen DDR wurden von Albrings Schülern eingenommen.

 

Von der hohen Wertschätzung seiner wissenschaftlichen Leistungen und Verdienste zeugen eine Reihe von Auszeichnungen und Ehrungen: So gehörte er der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin (später Akademie der Wissenschaften der DDR genannt) seit 1959 als korrespondierendes Mitglied, seit 1961 als ordentliches Mitglied an und wirkte auch hier in aktiver Weise weit über sein unmittelbares Fachgebiet hinaus. 1972 wurde Albring mit dem Nationalpreis der DDR für Wissenschaft und Technik ausgezeichnet, 1984 erfolgte die Berufung in die Evangelische Forschungsakademie Berlin. Die Technische Universität Leningrad (St. Petersburg) und die Technische Universität Budapest verliehen ihm 1985 bzw. 1991 die Ehrendoktorwürde; 1995 erhielt er mit dem Ludwig-Prandtl-Ring die höchste Auszeichnung, welche die Deutsche Gesellschaft für Luft- und Raumfahrt „für Verdienste durch hervorragende eigene Arbeiten um die Flugwissenschaften in all ihren Disziplinen“ zu vergeben hat. Humanistischen Idealen verpflichtet, hat Werner Albring seine Integrität als Wissenschaftler und seine politische Unabhängigkeit im System der DDR bewahrt. Die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften wählte ihn bereits 1994, unmittelbar nach ihrer Neukonstituierung, zum Außerordentlichen Mitglied. Seit 2002 ist W. Albring Mitglied von „acatech – Konvent für Technikwissenschaften der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften e.V.“.

 

Indem die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften ihrem Außerordentlichen Mitglied Werner Albring nunmehr die Ehrenmitgliedschaft der Akademie verleiht, würdigt sie mit dieser Auszeichnung das wissenschaftliche Lebenswerk dieses international anerkannten Strömungsmechanikers und Hochschullehrers.
 

Kontakt
Dr. Karin Elisabeth Becker
Leiterin des Präsidialbüros
Präsidialbüro
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