Ehrenmitglied 2010

© Foto: Amélie Losier

Die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften verleiht

 

Herrn Professor Dr. phil. Dr. h. c. Eberhard Lämmert

 

ihre Ehrenmitgliedschaft in Anerkennung seiner außerordentlichen wissenschaftlichen Leistungen.

 

Eberhard Lämmert gehört zu den großen Gelehrten der älteren Generation in der Allgemeinen und germanistischen Literaturwissenschaft, der sich große Verdienste um die Neubegründung der Germanistik nach dem Zweiten Weltkrieg erworben hat. Er wurde 1924 in Bonn geboren und studierte Geologie und Mineralogie in Bonn sowie Germanistik, Geschichte und Geografie in München und Bonn, wo er auch promoviert und habilitiert wurde. Zunächst lehrte er von 1961 bis 1970 als Professor für Deutsche Philologie und Allgemeine Literaturwissenschaft in Berlin, wechselte dann nach Heidelberg, um schließlich von 1977 bis zu seiner Emeritierung 1992 erneut an der Freien Universität Berlin Allgemeine Literaturwissenschaft zu lehren. Gastprofessuren führten ihn nach Aarhus (Dänemark), Princeton (USA), Cambridge (Großbritannien), St. Louis (USA) und São Paulo (Brasilien). Von 1976 bis 1983 war Eberhard Lämmert zugleich Präsident der Freien Universität Berlin, steuerte sie in sehr schwieriger Zeit und richtete in dieser Funktion auch das Institut der „Universitätsvorlesung“ für eine breitere Öffentlichkeit ein. Des Weiteren war er von 1996 bis 1999 Gründungsdirektor des Zentrums für Literatur- und Kulturforschung Berlin und von 1998 bis 2004 Direktor am Forschungszentrum für Europäische Aufklärung Potsdam.

 

In der seit dem 19. Jahrhundert bestehenden wissenschaftlichen Tradition ist Eberhard Lämmert Philologe: in der Germanistik bedeutet dies, dass das Fach sowohl die ältere als auch die neuere Literatur umfasst. E. Lämmert wurde in der neueren Literatur promoviert und hat sich in der älteren (mit einer editionsphilologischen Arbeit zum Spätmittelalter) habilitiert. Seine bahnbrechende Dissertation ist eines der bedeutendsten Werke der deutschen Nachkriegsgermanistik: Die „Bauformen des Erzählens“ markieren eine wissenschaftsgeschichtliche Zäsur, weil sie die an der traditionalen Hermeneutik Diltheys orientierte Interpretation durch eine Strukturanalyse ablösen und eine moderne Narratologie begründen. Durch den verstärkten Austausch zwischen Sprach- und Literaturwissenschaft konnte sich dann auch ein neuer Literaturbegriff entwickeln, der für die Folgezeit in allen Philologien wichtig wurde.

 

Der zweite für die Entwicklung der neueren Philologien zentrale Forschungsbereich Eberhard Lämmerts ist die moderne Fachgeschichtsschreibung. Wiederholt und zu Recht ist darauf hingewiesen worden, dass erst mit dem bedeutsamen Münchner Germanistentag von 1966 eine selbstkritische Analyse der Geschichte der Literaturwissenschaft einsetzte, die in der Wissenschaftsgeschichtsschreibung bis heute weiterwirkt. Vor allem zusammen mit Karl Otto Conrady hat Eberhard Lämmert diesen historischen Moment noch vor der 68er-Bewegung genutzt, um auf die Notwendigkeit einer Wissenschaftsgeschichte der Geisteswissenschaften aufmerksam zu machen.

 

Über die Jahrzehnte hinweg hat Eberhard Lämmert als Wissenschaftler, Wissenschaftsorganisator, öffentlicher Intellektueller und engagierter Bürger das kulturelle Leben Berlins gefördert, im Wissenschaftsbereich der Region eine wirkungsvolle Rolle gespielt und die öffentliche Diskussion im Überschneidungsfeld von Wissenschaften, Kultur und Politik nachhaltig bereichert. Über die Jahrzehnte hinweg ist er ein herausragender Vertreter der deutschen Geisteswissenschaften auf nationaler und internationaler Ebene geblieben. Gleichzeitig blieb er der produktive Wissenschaftler – 2009 erschien der Sammelband „Respekt vor den Poeten. Studien zum Status des freien Schriftstellers“, der literaturwissenschaftliches und historisches Denken verbindet und seinem Fach unverwechselbare Anstöße gegeben hat. Er gehört zu den Mitbegründern eines neuen Faches, der Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft, an der Freien Universität Berlin.

 

Ob als langjähriger Präsident der Deutschen Schillergesellschaft, ob als Präsident der Freien Universität Berlin, als Kuratoriumsvorsitzender des Einstein Forums Potsdam, als Mitglied des Kuratoriums und des Vorstandes des Deutschen Akademischen Austauschdienstes oder als Gründungsdirektor des Zentrums für Literaturforschung Berlin – wohl kaum ein anderer seiner Generation hat sich in dieser Weise um die Zukunft der geisteswissenschaftlichen Forschung verdient gemacht wie Eberhard Lämmert. Indem die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften Eberhard Lämmert ihre Ehrenmitgliedschaft verleiht, würdigt sie seine außerordentliche wissenschaftliche Lebensleistung.

Kontakt
Dr. Karin Elisabeth Becker
Leiterin des Präsidialbüros
Präsidialbüro
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