Akademiepreis 2020

© Foto: Kathrina Friese

Den Akademiepreis der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften erhält

Professor Dr. Peter R. Schreiner

für seine herausragenden wissenschaftlichen Leistungen.


Peter R. Schreiner wurde 1965 in Nürnberg geboren. Er studierte Chemie an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg von 1987 bis 1992 (Diplomchemiker mit Auszeichnung) und von 1990 bis 1991 an der University of Georgia in Athens bei R. K. Hill (Master of Science). Peter Schreiner entschied sich danach für zwei Promotionen: die erste in experimenteller Chemie bei Paul von Ragué Schleyer in Erlangen (1992–1994) und die zweite in theoretischer Chemie bei Henry „Fritz“ Schaefer III in Athens (1992–1995) – in beiden Fällen bestand er mit summa cum laude. Beide Doktorväter waren von außergewöhnlicher Qualität, sodass Schreiner eine sehr gute und komplementäre Ausbildung erhielt. Aus dem Zusammenspiel beider Arbeitsfelder sollte er seine wegweisenden Ideen und deren experimentelle wie theoretische Realisierung beziehungsweise Begründung schöpfen. Es folgten die Habilitation auf einer Assistenzprofessur an der Georg-August-Universität Göttingen (1996–1999) und Rufe auf ein Associate und bald ein Full Professorship in Athens (1999–2002). 2002 nahm Schreiner den Ruf auf einen Lehrstuhl (C4, später W3) für Organische Chemie an der Justus-Liebig-Universität Gießen an, den er bis heute innehat. Es ist sehr bemerkenswert, dass Peter Schreiner schon in dieser Zeit entscheidende Beiträge zur 2002 erschienenen Encyclopedia of Computational Chemistry liefern konnte. Er ist seitdem Mitherausgeber des Journal of Computational Chemistry sowie anderer Zeitschriften.


Das wissenschaftliche Werk von Peter Schreiner umfasst derzeit rund 360 Arbeiten mit 19.433 Zitationen und h-Index 65 (nach Google Scholar 19.09.2019, 17:45), die überwiegend hochrangig publiziert sind. Unter den vielen großartigen Ergebnissen, die Schreiner mit seiner Arbeitsgruppe und seinen Kooperationspartnern erzielt hat, sei eines der bedeutendsten hervorgehoben: die Tunnel-Kontrolle chemischer Reaktionen. Das theoretisch existierende Molekül Hydroxycarben war 2011 noch nicht nachgewiesen, doch Schreiner und seinen Partnern gelang es, das Molekül bei -263° in einer Argonmatrix spektroskopisch nachzuweisen. Innerhalb von wenigen Stunden bildete sich nun Acetaldehyd, was angesichts der kinetischen Barriere nicht „erlaubt“ war. Weil thermische Reaktionen bei so tiefen Temperaturen nicht stattfinden können, blieb nur eine weitere Lösung, nämlich der quantenmechanische Tunneleffekt – der war zwar durch Friedrich Hund 1927 eingeführt worden, hatte aber bis dato nicht zu Anwendungen in der Chemie geführt. Genaue Rechnungen zeigten die Richtigkeit dieser Annahme: nicht die Höhe, sondern die Breite der Barriere entscheidet, sodass der Tunneleffekt relativ schnell verlaufen kann. Damit war eine dritte Kontrolle für chemische Reaktionen gefunden, die weitreichende Konsequenzen für das grundsätzliche Verständnis und das Design chemischer Reaktionen hat und das Lehrbuchwissen verändern wird.
Andere bedeutende Arbeitsgebiete von Peter Schreiner sind organische Katalysatoren: der „Schreiner-Thioharnstoff-Katalysator“ ist heute weltweit im Einsatz. Ein anderes Feld von großem Gewicht sind die von Schreiner aus Rohöl synthetisierten Nanodiamanten, als Bausteine für neue Materialien; auf diesem Gebiet ist Schreiner „Weltmarktführer“.


Peter Schreiner ist vielfach ausgezeichnet worden, durch Preise, Stipendien, Mitgliedschaften und Named Lectures. Hervorzuheben sind die Dirac-Medaille der World Association of Theoretically Oriented Chemists (2003) und der ihm im vergangenen Mai 2019 verliehene Preis für Physikalisch-Organische Chemie der Royal Society of Chemistry, die bis dato kein nicht-angelsächsischer Chemiker entgegennehmen durfte. Zu erwähnen ist auch die Mitgliedschaft in der Leopoldina, neben anderen Akademien – allerdings nicht der BBAW.


Hervorzuheben sind auch die Leistungen, die Schreiner für die wissenschaftliche Gemeinschaft erbringt: als Herausgeber, als Mitglied zahlreicher wissenschaftlicher Gremien und als Vizepräsident für Forschung und Senatsmitglied der Justus-Liebig-Universität Gießen.


Abschließend sei aus dem Gutachten des Nobelpreisträgers Roald Hoffmann zitiert: „Peter Schreiner is a uniquely talented organic chemist and theoretician in a way that anticipates the future of chemistry [...]. Peter Schreiner, the organic chemist of the 21st century, would be an absolutely ideal selection for the Akademiepreis der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften.“

© 2021 Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften