Preis der Akademie - gestiftet von der Commerzbank-Stiftung 2017

Den Preis der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften

– gestiftet von der Commerzbank-Stiftung –

für herausragende Leistungen auf dem Gebiet der Grundlagen des Rechts und der Wirtschaft erhält


Professor Dr. Marietta Auer, M.A., LL.M. S.J.D. (Harvard), Gießen.

 

Die Auszeichnung erfolgt im Rahmen einer gemeinsamen Festsitzung der Akademie und der Commerzbank-Stiftung am 17. Oktober 2017 im Akademiegebäude am Gendarmenmarkt.

 

Die Frage, die Marietta Auer sich und uns stellt, lautet: Ist Privatrechtswissenschaft möglich? Ist sie möglich in einer Zeit, welche die historischen Kontingenzen, die sozialen Triebkräfte, die philosophischen Voraussetzungen und die anthropologischen Begrenztheiten rechtswissenschaftlicher Aussagen – ja: rechtlicher Aussagen überhaupt – so gründlich erforscht und dabei dekonstruiert hat, dass die bloße Vorstellung einer „objektiven Richtigkeit“ logisch geformter Subsumtionsschlüsse nur noch ein Lächeln hervorruft: ein Lächeln, das – je nach Temperament – zynisch oder mitleidig sein kann, wenn es die tagtägliche Arbeit der von Professoren betriebenen Rechtsdogmatik, aber auch der von Richtern ins Werk gesetzten Urteilsproduktion in den Blick nimmt. Diese klassischen Ausprägungen der Rechtswissenschaft gehören dem an, was die Rechtstheorie spätestens seit Hart als den „internal view“ bezeichnet: die Arbeit im und am Recht als System, das idealiter als vollständig und widerspruchsfrei gedacht werden kann. In dieser Umwelt sieht man die Aufgabe der Rechtswissenschaft seit jeher darin, grundlegende Zusammenhänge aufzuspüren, Prinzipien herauszuarbeiten, Lücken zu füllen, Widersprüche zu bewältigen und schließlich konkrete Fälle zu „lösen“.

 

Diese Welt hat Marietta Auer als Studentin der Rechtswissenschaften und der Philosophie an der LMU und später als Doktorandin und Habilitandin bei Claus-Wilhelm Canaris kennengelernt, der wie kein anderer in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg den Systemanspruch des Bürgerlichen Rechts rechtsphilosophisch begründet, rechtsmethodisch geschärft und rechtsdogmatisch exemplifiziert hat. Nach ihrer juristischen Grundausbildung hat ihr ein mehrjähriger Aufenthalt an der Harvard Law School indessen nicht nur die üblichen Ehrenzeichen des LL.M. und des S.J.D. eingebracht, sondern sie vor allem mit dem „external view“ konfrontiert, der historisch, soziologisch und politikwissenschaftlich informierten Außensicht auf die Akteure des Rechtssystems, dessen Grunderkenntnis sich Marietta Auer nicht entziehen konnte: Aussagen über Inhalt und Anwendung des Rechts, namentlich in gerichtlichen Urteilen, können eben nicht mit größter Geistesanstrengung aus einem prästabilierten System gefolgert werden, sondern bilden immer auch eine soziale Praxis, einen wirtschaftlichen Interessengegensatz und nicht zuletzt die Individualpsychologie von Richtern als Einzelpersonen ab. In Harvard wurde Duncan Kennedy ihr zweiter Lehrer, ein Haupt der critical legal studies, welche die bereits vor hundert Jahren begründete Tradition des legal realism zuspitzte und ins Politische wendete.

 

Kann man vom „external view“ zum „internal view“ zurückkehren, wenn man aus den Vereinigten Staaten nach Deutschland zurückkehrt? Sind wissenschaftliche Aussagen zum Recht und seinem Inhalt durch logische Subsumtion in einem normativen Systemzusammenhang möglich? In Ihrer preisgekrönten Dissertation über „Materialisierung, Flexibilisierung, Richterfreiheit“ widmet sich Marietta Auer dieser Frage ausgehend von einer cause célèbre des deutschen Privatrechts: der Frage nach der Bindungswirkung von Bürgschaften zwischen nahen Angehörigen, konkret: der Anwendung der Generalklauseln von „Sittenwidrigkeit“ und „Treu und Glauben“ gegenüber der Obligation der unter sozialem und psychologischem Druck stehenden Bürgen zu Lasten der kreditgebenden Banken. Die wesentliche Leistung dieses Buches liegt darin, dass sie entgegen der Tradition der deutschen Rechtsdogmatik dieser Problemstellung nicht dadurch nähertritt, dass sie vorgibt, durch strikte Anwendung von Regeln oder wertende Optimierung von Prinzipien eine eindeutige Lösung zu erreichen. Vielmehr belegt sie an diesem Beispiel eine apriorische Unauflöslichkeit von drei Kernwidersprüchen unserer Rechtsordnung: dem inhaltlichen Widerspruch zwischen einem individualistischen und einem kollektivistischen Verständnis des materiellen Privatrechts, dem formalen Widerspruch zwischen den Ziel einer rechtssicheren Normentechnik und dem Gebot der Einzelfallgerechtigkeit, und dem institutionellen Widerspruch zwischen gesetzlicher Determination und richterlicher Gestaltungsfreiheit. Diese Widersprüche werden an der Diskussion der vielfältigen Generalklauseln des Bürgerlichen Rechts im 20. Jahrhundert exemplifiziert, wobei Auer ihre souveräne Trittsicherheit in der klassischen Dogmatik und Privatrechtstheorie deutscher Prägung mit dem weiten Blick der US-amerikanischen Diskussion kombiniert. Elegant beweist sie bei ihrer Tour durch das 20. Jahrhundert, dass nicht etwa einzelne Normen als Generalklauseln bereit standen, um die genannten inhaltlichen Konflikte einer bestimmten Lösung zuzuführen, sondern dass es die Konflikte und ihre Unauflöslichkeit waren, welche diese Normen überhaupt zu Generalklauseln haben werden lassen. So kann nur eine Wissenschaftlerin agieren, die das interne Geschäft der Rechtswissenschaft ebenso beherrscht wie die Außensicht auf das eigene Tun und eben damit auch eine Rolle als Vermittlerin zwischen den Perspektiven einnimmt.

 

Marietta Auer hat diese Grundfrage nach der Möglichkeit von Privatrechtswissenschaft fortgesetzt in ihrer – ebenfalls preisgekrönten – Münchner Habilitationsschrift über den „Privatrechtsdiskurs der Moderne“. Konkret geht es um die Grundvorstellung des Privatrechts als einer Teilrechtsordnung, die verschiedene Aspekte konzeptionell zu verbinden scheint: die „Staatsfreiheit“ ihrer Entstehung, die grundsätzliche Ausrichtung auf die Privatautonomie der Akteure und damit zugleich ihre Abschottung gegenüber öffentlichen Gemeinwohlzwecken als notwendige Gegenstände des „öffentlichen Rechts“. Auer gelingt der Nachweis, dass einerseits – in einer auf Grotius zurückreichenden Denklinie – die „Moderne“ spätestens mit der Aufklärung das Individuum und seine subjektiven Rechte in einer unhintergehbaren Weise als zentrale Instanzen jeder Rechtsordnung etabliert hat, dass aber die Vorstellung einer formalen oder materiellen Staatsfreiheit des Privatrechts oder dessen struktureller Ausrichtung auf die Privatautonomie einem bloßen Mythos anhängt, der in einer parallel geführten „zweiten Moderne“ immer auch Widerlager besaß: in der klassischen Gemeinwohlpflicht und sozialen Verantwortung des individuellen Rechteinhabers, aber auch in der Selbstzerstörung der liberalen Privatrechtsgesellschaft durch die unkontrollierte Akkumulation von Risiken ökologischer, ökonomischer, medizinischer, technologischer und anderer Art. Als Exempel fungiert der Autorin erneut eine Grundkategorie des Privatrechts: das Eigentum, das – wie Auer darlegt – sowohl hermetisch im Sinne einer auf unteilbare und unumschränkte Herrschaft gerichteten dinglich-personalen Autonomie verstanden werden kann (als „absolutes“ Recht) als auch als beliebig gestaltbares und damit auch beliebigen gesetzlich definierten Sozialzwecken unterliegendes Kompetenzbündel im Funktionenwald der Rechtsordnung konstruiert werden kann. Es gibt kein „Eigentum“ an sich, es gibt auch und gerade in der Moderne nur ein im ständigen Fluss befindliches Kontinuum wachsender und sinkender Sozialpflichtigkeit privater Macht.

 

Es kommt nicht von ungefähr, dass Marietta Auer in ihrer Habilitationsschrift stärker noch als in ihrer Dissertation den Blick in die Rechtsgeschichte und in die Soziologie weitet, um ein noch plastischeres Bild der vielfach unreflektierten Voraussetzungen und Implikationen zentraler Konzepte der Privatrechtswissenschaft zu gewinnen. Eine weitere Fortsetzung hat dieses Forschungsprogramm in ihrem mit großem Applaus rezipierten Vortrag auf der Tagung der Zivilrechtslehrer 2015 fortgesetzt, wo sie als weiteres Stück namentlich die ideen- und sozialgeschichtliche Entwicklung von Ehe und Familie – vom sozialen Status zum autonomen Vertrag – zu Ende denkt.

 

In einer Zeit, in welcher auch wissenschaftlich herausragende Qualifikationsschriften kaum noch Leser finden, geschweige denn eine wissenschaftliche Reaktion hervorrufen, kann man mit besonderer Anerkennung feststellen, wie schnell sich die Scientific Community der Rechtswissenschaft mit den frischen Thesen der noch jungen Autorin auseinandergesetzt hat. Bereits im Jahre 2013 ließ Dieter Simon die noch ungedruckte Habilitationsschrift in einem Berliner Seminar diskutieren, und 2016 fokussierte sich ein ganzer Block von Vorträgen auf der Münsteraner Tagung über „Privatrechtstheorie heute“ auf dieses eine Buch. Beide Werke wurden in ihren Erscheinungsjahren von einer hochrangigen Expertengruppe als „Bücher des Jahres“ ausgezeichnet und damit einem breiten Publikum (gerade über die eigentlichen Fachvertreter hinaus) ans Herz gelegt. Dem Erfolg ihrer Thesen mag es auch geholfen haben, dass die Autorin den bemerkenswerten Mut besessen hat, einer „kurzen“ Dissertation (222 S.) eine noch „kürzere“ Habilitationsschrift (167 S.) folgen zu lassen. Reichtum des Inhalts, Klarheit der Sprache, Bündelung der Argumente entschädigen den Leser dieser Werke für vieles, was er andernorts so alles lesen muss. Natürlich stößt die Kühnheit, auf so wenigen Seiten auch umfangreiche rechtshistorische, rechtsphilosophische oder sozialwissenschaftliche Großthemen zu verhandeln, auf Skepsis bei den Spezialisten der jeweiligen Fächer, die mit mancher kritischen Nachfrage zum Detail Recht haben mögen. Aber auch sie können die intellektuelle Kraft dieser Konzentrationsleistung und den damit verbundenen wissenschaftlichen Fortschritt nicht leugnen. Wer übrigens eine noch kürzere „Kurzfassung“ dieses Forschungsprogramms lesen will, dem sei Marietta Auers Aufsatz „Privatrechtsentwicklung in der Moderne: Ein Triptychon“, in dem von Dieter Grimm, Alexandra Kemmerer und Christoph Möllers herausgegebenen Sammelband „Rechtswege“ empfohlen. Und ganz neugierig wird man, wenn man im Schriftenverzeichnis den Titel der noch unveröffentlichten Replik auf ihre Kritiker auf dem genannten Münsteraner Symposium liest: „Privatrecht ist wie Liebe“ – was für ein verheißungsvoller Titel!

 

Zuletzt hat sich Marietta Auer, die sich übrigens nicht scheut, Studentenliteratur zum Bereicherungsrecht zu verfassen oder dediziert in einem handelsrechtlichen Journal über den „Rückzug von der Börse als Methodenproblem“ zu schreiben, ihre Aufgabenstellung über das Privatrecht hinaus geweitet und dabei an zwei herausragenden Rechtsdenkern des 20. Jahrhunderts Maß genommen: An Gustav Radbruch und an Hermann Kantorowicz. Es lässt den Leser dabei nicht unberührt, dass sie in beiden Arbeiten Konflikte in den Mittelpunkt stellt, die mehr als eine wissenschaftliche Antwort verlangen, nämlich eine ethische Haltung. In ihrer Antrittsvorlesung an der Universität Gießen, an welcher sie seit 2013 lehrt, diskutiert sie Gustav Radbruchs berühmtes, auf die Bewältigung der nationalsozialistischen Hinterlassenschaft gerichtetes Diktum, dass Rechtsnormen, die „in unerträglichen Maße“ den Vorstellungen von Gerechtigkeit widersprechen, keinen Befolgungsanspruch erheben dürften. Ausgehend von einer dreischichtigen Theorie der Geltung – faktisch, rechtlich und moralisch - verdeutlicht sie, dass die zu diesem Diktum geführte rechtstechnische Diskussion über die „Geltung“ der Normen eines Unrechtsstaats die wirkliche Frage nur bemäntele, nämlich die nach der unmittelbaren Durchsetzung von Maßstäben höherrangiger Gerechtigkeit auch gegen das als solches zweifellos geltende Recht. Und in ihrer Würdigung von Hermann Kantorowicz zu dessen 75.Todestag verteidigt sie dessen „freirechtliches“ Denken gegenüber der damals wie heute herrschenden Methodenlehre einer wertungsgeprägten und prinzipiengeleiteten Wertungsjurisprudenz als die ehrlichere Alternative: Gerade weil es in vielen Fällen nicht möglich ist, die Autorität des Gesetzes für die konkrete Lösung eines Konflikts in Anspruch zu nehmen, ist eine offene Betonung der richterlichen Entscheidungsmacht einer verschleiernden Wertungsjurisprudenz vorzuziehen, weil sie eben nicht den falschen Eindruck von Kohärenz und Objektivität vermittelt.

 

Dieser Wunsch nach Ehrlichkeit, nach Transparenz, nach Offenlegung der impliziten Annahmen und Politiken des Gesetzes, der Rechtswissenschaft und der Rechtsprechung, durchzieht alle Schriften Marietta Auers – auch über die hier zitierten hinaus. Es ist ein aufklärerisches Temperament, das man dahinter spürt, eines, das vom Baum der Erkenntnis gegessen hat und dennoch die Notwendigkeit einer rationalen Rechtsfindung nicht für obsolet hält. Privatrechtswissenschaft kann in dieser Welt nicht mehr darin bestehen, eindeutige Ergebnisse zu produzieren, aber auch nicht in zynischer Beliebigkeit und Vernachlässigung versinken. Sie muss vielmehr – um eine Formulierung Peter Handkes abzuwandeln – die „Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt“ der Produktion von Rechtserkenntnis so vollständig wie möglich zu erfassen suchen. Vielleicht hat Marietta Auer ihr eigenes Glaubensbekenntnis versteckt in einer Formulierung, mit der sie Hermann Kantorowicz’ Vermächtnis zu beschreiben sucht:

 

„Rechtswissenschaft ist für Kantorowicz nach allem Gesagten aber mehr als bloße dogmatische Begriffswissenschaft. Sie muss einerseits auch historisch und soziologisch verfahren, ohne aber einem rechtsrealistischen Reduktionismus von Normativität auf Faktizität und von Rechtswissenschaft auf bloße empirische Sozialwissenschaft zu verfallen. Sie ist andererseits auch Normwissenschaft und mit deontologischen Fragen nach dem Richtigen und Gerechten befasst, ohne sich dabei jedoch anmaßen zu dürfen, metaphysische Antworten auf die Frage nach dem „richtigen Recht“ geben zu können. (...) Auch dieses Modell mag auf den ersten Blick allzu begriffsverliebt wirken. Auf den zweiten Blick sind jedoch gerade die allerneuesten Auslotungen des heiklen Wissenschaftscharakters der Rechtswissenschaft in ihrem komplexen Mehr oder Weniger an interdisziplinärer Verflechtung mit den sogenannten „Grundlagenwissenschaften“ auch insoweit bis heute nicht wesentlich über Kantorowicz’ Einsichten hinausgelangt.“

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