Email des Präsidenten vom 9.4.2020

Betr.: Die Corona-Krise an Ostern

 

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

 

aus Sicht der BBAW ist in dieser Woche zur Corona-Krise nichts Neues zu berichten. Der Personalnotbetrieb läuft ohne jede Beanstandung, gelegentlich auftretenden technischen Probleme sind geringfügig. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter können für die Arbeit benötigtes Material problemlos abholen.

 

1. Wie weiter?

 

Über Ostern ruht die BBAW. Auch die Geschäftsleitung wird erst am Dienstag wieder tätig. Wie  immer wird während der Woche mindestens ein Mitglied der Leitung „vor Ort“ sein, um anfallende Dinge zu erledigen. Auf die Frage, wie es dann weiter geht, kann niemand eine konkrete Antwort geben. Ich sehe Handlungsbedarf, wenn die Politik sich entschieden hat, die jetzigen Regelungen zum Präsenznotbetrieb zu ändern. Verschiedene Verlautbarungen deuten darauf hin, dass dies - wenn überhaupt - möglicherweise um den 20. April herum geschehen wird. Es wird anschließend vermutlich notwendig sein, die für die BBAW getroffenen Einschränkungen zu modifizieren. Dazu werde ich unseren Covid-19-Krisenstab einberufen. Aber, so heute die Bundeskanzlerin, derzeit: „..sei es zu früh, an den bisher bis zum 19. April beschlossenen Maßnahmen zu rütteln.“

 

2. Hinweise auf Veröffentlichungen zur Corona-Krise

 

Ich hatte zunächst vor, einige meiner Vorstellungen zur gegenwärtigen Entwicklung zu erläutern, sehe aber davon ab, denn jeder von uns wird mit Kommentaren aus allen Ecken und Winkeln unter jedem möglichen Gesichtspunkt in den Medien überschüttet. Ich möchte nur auf einige Veröffentlichungen erwähnen, die ich für lesenswert halte.

 

3. Harald Lesch-Interview

 

Zunächst weise ich auf das Interview mit Harald Lesch vom 24.3. im MERTON Magazin hin, siehe https://merton-magazin.de/diesmal-sind-nicht-die-banken-systemrelevant-sondern-die-wissenschaften . Manches, was er sagt ist richtig. Das Vertrauen in die Wissenschaft ist gewachsen, die Politik hört mehr auf die Wissenschaft. Seine Schlussbemerkung: „Und dann kann man eines Tages über die Corona-Krise vielleicht sagen: Damals haben wir endlich angefangen, vernünftige europäische Umwelt-, Klima-, Energie- und Gerechtigkeitspolitik zu machen.“ ist jedoch – derzeitiger Stand - stark übertrieben. Die Wissenschaft behandelt einige Aspekte der Corona-Krise (mit den von ihr selbst dargelegten Zweifeln und Unsicherheiten) offenbar sehr gut, aber von einer „wissenschaftlichen Lösung“ der Krise sind wir weit entfernt, wie ich weiter unten näher erläutern werde.

 

4. Andreas Reckwitz im Tagesspiegel

 

Andreas Reckwitz (HU Berlin) betrachtet in einem Artikel im Tagesspiegel vom 5.4.2020, siehe https://www.tagesspiegel.de/politik/corona-krise-als-training-der-staat-wird-zum-risikomanager/25713428.html , die Corona-Krise aus dem Blickwinkel des Risikomanagements und macht deutlich, dass das Ideal des Risikomanagements „Sicherheit in der Zukunft“ nicht erreichbar ist und es sich bei so extrem komplexen Sachverhalten wie der Corona-Krise nicht vermeiden lässt, dass sich wissenschaftliche Empfehlungen und Expertenmeinungen wiedersprechen. Wir müssen also Vorsicht bei unseren eigenen Prognosen/Empfehlungen walten lassen.

 

Von den vielen Empfehlungen, die vorausschauen und skizzieren, „was jetzt zu machen ist“, greife ich zwei heraus, die einen gewissen  Bezug zur BBAW haben.

 

5. Ethikrat

 

Der bei uns im Hause residierende Ethikrat hat am 27.3. eine Ad-Hoc-Empfehlung mit dem Titel „Solidarität und Verantwortung in der Corona-Krise“ herausgegeben, die Sie von der folgenden Seite herunterladen können: https://www.ethikrat.org/mitteilungen/2020/solidaritaet-und-verantwortung-in-der-corona-krise/ . Diese Stellungnahme ist durchaus kontrovers aufgenommen worden, ich will das aber nicht kommentieren.

 

6. Stellungnahme eines Expertengremiums

 

Am 3.4. ist eine Stellungnahme mit dem Titel "Die Bekämpfung der Coronavirus-Pandemie tragfähig gestalten - Empfehlungen für eine flexible, risikoadaptierte Strategie", siehe https://www.gdnae.de/wp-content/uploads/2020/04/Coronavirus-Pandemie_Strategie-Final.pdf , https://www.gdnae.de/expertengruppe-stufenplan-fuer-die-zeit-nach-dem-shutdown/  oder https://www.ifo.de/node/54222 , https://www.ifo.de/DocDL/Coronavirus-Pandemie-Strategie-Fuest-Lohse-etal-2020-04.pdf , veröffentlicht worden, die von 14 Forscherinnen und Forschern um den ifo-Präsidenten Clemens Fuest und den Präsidenten der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte Martin Lohse erstellt wurde M. Lohse ist auch BBAW-Mitglied). Im Mittelpunkt der Studie steht, siehe Seite II, die Erreichung folgender Ziele:

 

·         Die erneute rasche Ausbreitung des Erregers weitgehend zu unterbinden, sodass gleichzeitig die natürliche Immunität in der Bevölkerung langsam ansteigt;

·         Das Gesundheitssystem zu stärken, um die bestmögliche Therapie für möglichst viele Erkrankte – mit COVID-19 ebenso wie mit anderen schweren Erkrankungen – gewährleisten zu können;

·         Gruppen mit hohem Risiko für schwere COVID-19-Erkrankungen zu schützen;

·         Soziale und psychische Härten bei der Pandemiebekämpfung so weit wie möglich zu vermeiden;

·         Wirtschaftliche Aktivitäten möglich zu machen, ohne unnötige gesundheitliche Risiken einzugehen;

·         Grundrechtseingriffe dem Verhältnismäßigkeitsprinzip gemäß auf das erforderliche und angemessene Maß zu beschränken.

 

Es ist natürlich klar, dass diese (und noch viel mehr) Ziele verfolgt werden müssen. Mir wird aber schwindelig, wenn ich lese, dass dies jetzt mit den in dem Dokument skizzierten Maßnahmen erreicht werden kann. Findet man irgendwo Evidenz dafür, die auf einigermaßen gesichertem Boden steht: Daten analoger Fälle, Theorie dazu, Modellrechnungen? Als Mathematiker habe ich zu viele Zweifel und Skrupel, so etwas äußern.

 

7. Kurze Diskussion der Stellungnahme des Expertengremiums

 

Ich habe mich in meinem wissenschaftlichen Leben, mit sehr komplexen Fragestellungen befasst (will das hier aber nicht ausbreiten), die als mathematische Optimierungsprobleme unter vielfältigen Nebenbedingungen formuliert werden können. Dabei sind z. T. Aufgaben mit hunderten von Millionen Variablen und Nebenbedingungen aufgetreten, die man tatsächlich in der Praxis lösen kann; aber die durch die Corona-Krise entstandene und durch die obigen Zielsetzungen formulierte Aufgabe ist für einen Mathematiker jenseits der „mathematischen Behandelbarkeit“. Und vor allem: die meisten Aspekte sind nicht quantifizierbar.

 

Das ist das Dilemma der gegenwärtigen Situation. Man kann nicht einmal das Wachstum der Covid-19-Erkrankungen korrekt beschreiben, möchte bei der Bekämpfung der Virusausbreitung gleichzeitig aber auch soziale, ökonomische, ethische, gesellschaftliche, psychologische, rechtliche und weitere Aspekte mitbehandeln, die quantitativ nicht in Beziehung gebracht werden können. Aus mathematischer Sicht geht es hier um sogenannte multikriterielle Optimierung, bei der mehrere Zielfunktionen gleichzeitig zu behandeln sind, siehe P.S. 1. unten. Mathematiker geben zu, dass sie das bei der vorliegenden Komplexität nicht beherrschen. Andere Wissenschaftler sind da weniger „furchtsam“.

 

Es ist erfreulich, dass sich fachkundige Personen mit derartig schwierigen Fragen befassen und nach Lösungen suchen. Und es ist natürlich erheblich besser, dass Wissenschaftler mit reichem themenbezogenen Erfahrungsschatz und mit ethisch nicht anzuzweifelnden Grundsätzen, der Politik, die letztendlich entscheiden muss, konkrete Vorschläge zum weiteren Vorgehen unterbreiten, als Personenkreise, die allein Eigeninteressen verfolgen. Mir fällt es aber schwer, dies als evidenzbasierte wissenschaftliche Empfehlungen zu bezeichnen. Viele Studien mit Empfehlungen zu zukünftigem Verhalten werden noch kommen, z. B. in den nächsten Tagen eine Stellungnahme einer Leopoldina-Arbeitsgruppe, an der auch mehrere BBAW-Mitglieder mitwirken. Man muss in solchen Studien sehr deutlich machen, wo mit gesichertem Wissen argumentiert, mit Fallstudien oder mit an historischen Beispielen erprobten Modellen gearbeitet wurde und wo einfache Plausibilitätsüberlegungen gemacht werden. Hier entsteht die Gefahr des sich Überhebens. Erfahrene Politiker fahren „auf Sicht“ mit vielfältiger und nicht nur wissenschaftlicher Beratung, und das ist vielleicht ganz gut so.

 

Wenn Sie mich fragen, wie ich es besser machen würde, so ist meine Antwort kurz: Ich weiß es nicht und gebe das (ungern) zu.

 

8. Hoffnung

 

Ich bin dennoch zuversichtlich, nicht nur weil ich ein grundsätzlicher Optimist bin, sondern auch davon überzeugt bin, dass wir zumindest in Deutschland mit der Krise insgesamt im Zusammenspiel von Wissenschaft, Politik und Medien recht ordentlich umgehen – auch dann wenn in Einzelfällen Fehler gemacht werden. Das kann man leider nicht für alle Regionen der der Welt feststellen.

Der Text ist jetzt doch länger geworden als ursprünglich geplant – ich hoffe, ich habe Sie damit nicht belästigt.

 

Zum Fest der Auferstehung wünsche ich Ihnen: Frohe Ostern

Ihr

Martin Grötschel

 

Nachschlag:

 

P.S. 1.: Multikriterielle Optimierung

 

Ein „Trivialfall“ von multikriterieller Optimierung begegnet Ihnen täglich, wenn Sie z. B. ein Navigationssystem benutzen. Versuchen Sie einmal (z. B. mit Google Maps) vom Ernst-Reuter-Platz mit dem Auto zum Estrel-Hotel zu fahren. Die zeitlich kürzeste Strecke unterscheidet sich von der kürzesten Strecke bzgl. der km-Entfernung erheblich. Es gibt keine Lösung die gleichzeitig bzgl. Zeit und Entfernung optimal ist. Dies macht klar, dass es eine Illusion ist, dass man die vielen Ziele, die man bei der Bewältigung der Corona-Krise in Betracht zieht, auch nur annähernd gleichzeitig erreichen kann.

 

P.S. 2.: Thema Verdopplungszeit

 

Einige BBAW-Beschäftigte zeigten sich sehr interessiert an fachlich korrekten Darstellungen zu den Themen exponentielles Wachstum etc. Für diese folgen zwei Hinweise. Auf der Webseite

https://www.math.uni-bielefeld.de/kassmann/data/uploads/vortrag-verdopplung_links.pdf 

finden Sie die Vortragsfolien eines Bielefelder Mathematikers zu „Fallstrecken der Verdopplung“ und seine Hinweise darauf, dass die Verdopplungszeit falsch berechnet und dementsprechend die Kommunikation der Entwicklung der Krankheit Covid-19 verbesserungsfähig ist. Dazu gibt es zwei Videos auf Youtube:
https://www.youtube.com/watch?v=9ODf9GKEuXQ 

https://www.youtube.com/watch?v=77Ge6R9NvvY 

 

P.S. 3.: Imagine

 

In den sechziger Jahren hat mit den Beatles ein neues Zeitalter der Musik begonnen. Morgen vor 50 Jahren haben sich die Beatles aufgelöst, ein Jahr danach hat John Lennon einen der wirkungsvollsten Songs der Pop-Geschichte veröffentlicht. Dieser ist kein Osterlied, aber Lennons folgenden Traum von einer besseren Welt werden zur Zeit viele haben:

 

Imagine no possessions
I wonder if you can
No need for greed or hunger
A brotherhood of man
Imagine all the people
Sharing all the world...
You may say I'm a dreamer
But I'm not the only one
I hope someday you'll join us
And the world will live as one

 

 

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