Email des Präsidenten vom 24.4.2020

Betr.: Corona-Krise: Neueste Neuigkeiten - u. a. Absage des Leibniztages

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

hier ist ein weiterer Bericht über die neuesten Neuigkeiten zur Corona-Krise und ein paar „alte Hüte“.

1. Leibniztag 2020 abgesagt

In meiner E-Mail vom 21.4.20 hatte ich § 2 der Großveranstaltungsverbotsverordnung des Berliner Senats vom selben Tag zitiert. Das Konzerthaus hat der BBAW vorgestern mitgeteilt, dass es auf Anweisung des Landes Berlin bis Ende Juli 2020 keine Veranstaltungen durchführen darf. Dies hat gestern (wie erwartet) dazu geführt, dass wir den Leibniztag, den wir am 4.7. feiern wollten, absagen mussten. Die notwendigen organisatorischen Maßnahmen sind bereits eingeleitet. Der BBAW-Vorstand berät derzeit über Konsequenzen, die damit verbunden sind.

 

2. Präsenznotbetrieb
Die Senatsverwaltung hat bisher keine weiteren Ausführungsbestimmungen zur „Vierten Verordnung zur Änderung der SARS-CoV-2-Eindämmungsmaßnahmenverordnung vom 21. April 2020“ verkündet. Der bisherige Präsenznotbetrieb bleibt somit weiterhin mindestens bis zum Auslaufen der Verordnung am 10. Mai 2020 bestehen. Publikumsverkehr bleibt verboten, aber Wissenschaftliche Bibliotheken dürfen unter Beachtung der Hygieneregeln nach § 2 ab dem 27. April 2020 für den Leihbetrieb geöffnet werden. Unsere Bibliothek überlegt derzeit, wie sie den Leihbetrieb (zumindest für BBAW-Beschäftigte) einrichten kann. Frau Seidig hat heute dem Krisenstab dazu Vorschläge vorgelegt.

3. Wiedereröffnung der BBAW-Gebäude

Die BBAW muss sich natürlich mit der Wiedereröffnung der BBAW-Gebäude befassen. Der Krisenstab beschäftigt sich derzeit mit einer Gefährdungsbeurteilung - bezogen auf unsere Gebäude - und mit Maßnahmen, die zu ergreifen sind, um den SARS-CoV-2-Arbeitsschutzstandards bei Wiedereröffnung der Gebäude zu genügen. Hierzu hat Frau Fünfstück heute einen Entwurf erstellt, den der Krisenstab am Dienstag in einer Sitzung diskutieren wird.

4. Absurde Vorschriften

Es ist schwierig, bei den Schutzmaßnahmen einen angemessenen Kompromiss zwischen lokal angemessenen, praktisch durchführbaren und theoretisch wünschbaren Maßnahmen zu finden (und diese auch einzuhalten und zu überwachen). Im heutigen Checkpoint des Tagesspiegels fand ich die folgende „Analyse“ des „Musterhygieneplans Corona“, der heute den Berliner Schulen zugestellt wurde:

Das Rosa-Luxemburg-Gymnasium in Pankow hat 30 Wasserhähne für 1000 Schülerinnen und Schüler. Nach den Vorgaben des Musterhygieneplans Corona“ sind bei der „Basishygiene“ die Hände mit Seife zu waschen 1. nach dem Naseputzen, 2. nach dem Husten und 3. nach dem Niesen; außerdem 4. nach der Benutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln, 5. nach Kontakt mit Treppengeländern, 6. mit Türgriffen, 7. mit Haltegriffen und 8. „etc“; 9. vor und 10. nach dem Essen, 11. vor dem Aufsetzen und 12. nach dem Abnehmen einer Schutzmaske und 13. nach dem Toiletten-Gang (vorher offenbar nicht). Jeweilige Dauer nach den Empfehlungen des RKI: 20 bis 30 Sekunden. Aufgabe: Errechnen sie die Zeit, die mit dem Händewaschen und dem Warten auf einen freien Wasserhahn insgesamt draufgehen!

Ich hoffe mal, dass wir es etwas besser hinkriegen.

5. Krise der Corona-Krise

In meiner Rundmail über spieltheoretische Ansätze zum Verständnis der Corona-Krise hatte ich am Ende ein kleines Loblied auf Föderalismus gesungen (wenn die Situation unsicher ist), weil föderal unterschiedliche Strategien als eine gewisse Form von Randomisierung angesehen werden kann. Bei klarer Sachlage bin ich (als Mathematiker) natürlich für eine analytische Lösung und deren zentrale Umsetzung.

Wenn man die gegenwärtige öffentliche Diskussion in den Medien verfolgt, dann bin ich ein wenig besorgt, da derzeit ein starker Drang zum Lobbyismus und zur Verfolgung von Eigeninteressen zu bemerken ist. Die Regierungen in Deutschland agieren (meiner Meinung nach) – auch wenn sie unterschiedliche Entscheidungen treffen – mit nachvollziehbaren Begründungen weiterhin durchaus gut. Das macht Oppositionspolitiker nahezu unsichtbar, also müssen sie Themen an den Haaren herbeiziehen, die nur entfernt etwas mit SARS-CoV-2 zu tun haben, um auch von den Medien wahrgenommen zu werden. Jede Berufs- oder sonstige Gruppe behauptet, besonders stark von der Corona-Krise getroffen zu sein und fordert natürlich Geld vom Staat. Und viele zitieren nur Statistiken, die ihnen „in den Kram“ passen oder versuchen sogar (insbesondere im internationalen Bereich) Statistiken so zu manipulieren, dass sie selbst positiv erscheinen. Das verzerrt den (möglichst objektiven) Gesamtblick auf die Lage und führt zu „Randomisierung mit Bias“. (Das ist technisch kompliziert, ich will es nicht weiter ausführen.)

Auch die Wissenschaft ist in einer (kleinen) Krise. Von ihr werden sehr schnell Lösungen verlangt. Aber diese stellen sich nicht so rasch ein. Der Druck verführt zu vorschnellen und z. T. widersprüchlichen Veröffentlichungen, was kein gutes Licht auf die Sorgfalt der Forschung wirft. Wir müssen aufpassen, nicht die Glaubwürdigkeit zu verlieren.

Der Charité-Neurologe Ulrich Dirnagl (Träger des Wissenschaftspreises des Regierenden Bürgermeisters von Berlin 2016) bemängelt z. B. seit Jahren, dass viele biomedizinische Studien Schwächen haben, z. T. so große, dass man stattdessen genauso gut eine Münze werfen könnte. Hören Sie ihn selbst:

https://www.deutschlandfunkkultur.de/biomedizinische-studien-wo-professor-zufall-regiert.976.de.html?dram:article_id=458680 

6. Risiko und Seuchen im Altertum

Ich freue mich über Fachkommentare zu meinen Rundbriefen. Ich hatte mich in meinem Spieltheorie-Beitrag etwas abfällig (vorwissenschaftlich) über die „alte Zeit“ geäußert. Frau Ehmig (Corpus Inscriptionum Latinarum) hat darauf reagiert und mich darauf hingewiesen, dass man sich in der Antike sehr wohl mit der Frage von Risikowahrnehmung und dem Umgang mit Risiken beschäftigt hat. „Die Antike agierte nicht planlos, sondern empirisch nach Erfahrungen, nach, wie Sie es schreiben, "Einsichten des gesunden Menschenverstandes". In vielen Lebensbereichen steht sie heutigem Tun im keiner Weise nach. […] Die Epigraphik liefert hierzu übrigens schöne Quellen.“, schrieb sie mir. Das war mir nicht bekannt. Falls Sie Interesse an Frau Ehmigs Risikoforschung zur Antike haben, schreiben Sie ihr doch einfach. Sie wird sie sicherlich (wie mich) mit Material beliefern.

Da die Wörter Epidemie und Pandemie auf das Altgriechische zurückgehen (πανδημία pandēmía heißt auf Deutsch ‚das ganze Volk), dachte ich mir, dass dann die Griechen darüber wohl Bescheid wissen mussten und habe Herrn Hallof (Inscriptiones Graecae) gefragt. Er hat mir umgehend die folgende Information dazu zusammengestellt, wofür ich ihm herzlich danke:

„Schutzmaßnahmen waren den Athenern unbekannt, als im Sommer 430 v.Chr. die seitdem als „Attische Pest“ bekannte Epidemie in die Stadt kam und für mehr als vier Jahre dort wütete, siehe:

https://www.welt.de/geschichte/article205028506/Peloponnesischer-Krieg-Die-Pest-ueberwaeltigte-Athen.html 

Um welche Krankheit es sich handelte, ist bis heute umstritten. Unbestritten ist jedoch, dass sie den großen Geschichtsscheiber Thukydides zu einer so eindrucksvollen und wirkungsmächtigen Schilderung veranlasste, dass alle Katastrophenliteratur seit 2450 Jahren noch in seiner Tradition steht.

Aber die antiken Griechen, immer für große Literatur gut, waren auch praktische Menschen, wie eine Suche nach dem Wort "loimós" (Pest, Seuche) in den Inschriften belegt. Da gibt es einen Offizier, der in Pestzeiten mit Sofortprämien Freiwillige für den Schutz der Stadt rekrutierte und sie so lange bei der Stange hielt, „bis das Volk wieder in hoffnungsvollere Zeiten“ kam; einen „echten Wohltäter, der durch Stiftung von Bädern und Getreide Seuche und Hunger vertrieb“ (wobei der Geehrte sich das Wortspiel loimós- limós : Seuche – Hunger nicht entgehen ließ); oder den Arzt auf der Insel Rhodos, der „als die Seuchensituation eintrat und viele Menschen in äußerste Gefahr kamen, nicht nur Bürger, sondern auch Fremde behandelt und gerettet hat“, und dies ohne Honorar.

Die meisten Belege stammen allerdings aus Orakelantworten. Heute haben Wissenschaftler und Politiker die Orakelgottheit ersetzt. Die Fragen allerdings sind dieselben: warum, wie lange, was ist zu tun? Die Antworten von Apollon und Co. waren den heutigen Statements immerhin in einem Punkt überlegen: sie waren immer in Versform, die Gottheit sprach in Hexametern: „und das brennende Feuer versüßt mit funkelndem Weine / und mit weißlicher Milch, und stellt in der Halle Apollon / mit seinem Bogen auf, wie er die Seuche hinwegtreibt“.

... vielleicht doch lieber Abstand und Maske?“

Wie Sie sehen, auf die Epigraphiker der BBAW ist auch in Seuchenzeiten Verlass.

Ich wünsche Ihnen ein ausgeglichenes Wochenende!
Nach der Leibniztag-Absage: Ob wir uns in diesem Jahr noch einmal bei einer Feier sehen werden, ist gewisslich ungewiss.

Mit den besten Grüßen

Ihr

Martin Grötschel

 

Prof. Dr. Martin Grötschel | Präsident

Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften (BBAW)

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