AUSSTELLUNG – „Faszination Wissenschaft. Herlinde Koelbl“

Digitaler Rundgang

Sangeeta Bhatia, © Herlinde Koelbl

»DER SPRINGENDE PUNKT IN DER WISSENSCHAFT IST DIE GEISTIGE FREIHEIT.«

Sangeeta Bhatia | Biotechnik
USA

Baut winzige Modellorgane wie »Mikrolebern«, um den Stoffwechsel besser zu verstehen; entwickelt außerdem mithilfe von Nanomaterialien Systeme für die Diagnostik von Krankheiten.

Frau Professorin Bhatia, wann machten Sie Ihre erste Erfahrung mit Bioengineering am Massachusetts Institute of Technology (MIT)?
Mein Vater nahm mich ans MIT mit, als ich in der zehnten Klasse war. Er dachte, ich könnte eine erfolgreiche Ingenieurin werden, weil ich gute Noten in Mathematik und den Naturwissenschaften hatte. Ich mochte Biologie und hatte von einem Gebiet gehört, in dem Biologie und Technik verschmelzen. Deshalb stellte er mich einem Freund vor, der mit Ultraschall Tumore behandelte. Die Vorstellung faszinierte mich, und ich war begeistert.

Paul Nurse, © Herlinde Koelbl

»INDEM MAN EINE IDEE ZERSTÖRT, MACHT MAN FORTSCHRITTE.«

Paul Nurse | Genetik und Zellbiologie
Großbritannien

Entdeckte das für die Zellteilung entscheidende Gen cdc2, wofür er mit Tim Hunt 2001 den Medizin-Nobelpreis bekam, und ist am Francis Crick Institute in der Zellforschung aktiv.

Professor Nurse, Sie sind für Ihre breit gefächerten Interessen bekannt. Sie haben einmal das Forschen mit dem Lesen eines guten Gedichts verglichen. Was genau haben Sie damit gemeint?
Nun, die Wissenschaft ist ziemlich hart, und Forschung zu betreiben ist noch härter, weil Sie an den Rändern des Wissens operieren. Das heißt, Sie scheitern oft, und Sie stochern oft im Nebel. Aber manchmal lichtet sich der Nebel. Diese Klarheit ist es, die ich an Gedichten mag: Plötzlich haben Sie einen anderen Blick auf die Welt. Wissenschaft kann genauso sein. Es ist nun aber nicht so, dass jeder Wissenschaftler Lyrik lesen würde. Ich kann nur für mich selbst sprechen.

Emmanuelle Charpentier, © Herlinde Koelbl

»IM LEBEN GIBT ES NICHT NUR DEN EINEN WEG.«

Emmanuelle Charpentier | Mikrobiologie
Deutschland

Erforscht die molekularen Grundlagen von Infektionen und hat mit Jennifer Doudna 2012 das bahnbrechende CRISPR/Cas-Verfahren zur gezielten Genomveränderung entwickelt, wofür beide kürzlich mit dem Chemie-Nobelpreis ausgezeichnet wurden.

Welche Denkweise sollten Wissenschaftler haben?
Sie müssen neugierig sein, widerstandsfähig, hartnäckig. Auch etwas besessen. Und positiv denken, denn es gibt viele Hürden. Eine gewisse Naivität kann auch nicht scha­den. Nicht reine Naivität, aber ein kindliches Gemüt. Und es hilft, geduldig zu sein. Man sollte manchmal ungedul­dig und hungrig sein, aber eben auch sehr geduldig.

Video-Interview mit Emmanuelle Charpentier auf youtube.com 

Foto: Stefan Höderath
Carolyn Bertozzi, © Herlinde Koelbl

»VON DER IDEE BIS ZUR VERWIRKLICHUNG MUSS MAN ZWANZIG JAHRE EINPLANEN.«

Carolyn Bertozzi | Chemie
USA

Beschäftigt sich mit den Vorgängen auf Zelloberflächen, hat ein neues schonendes Verfahren entwickelt, um Strukturen innerhalb von Zellen sichtbar zu machen, und bekam mit nur 33 Jahren als bis dato jüngste Forscherin das prestigeträchtige MacArthur Fellowship.

Frau Professorin Bertozzi, Sie haben bereits mit 32 Jahren den Genius Award bekommen. Wie fühlt es sich an, als Genie bezeichnet zu werden?
Meistens schmunzeln die Leute, wenn sie von diesem Preis hören. Als ich erfuhr, dass ich ihn gewonnen hatte, dachte ich, sie würden meine ältere Schwester meinen. Sie ist eigentlich das Mathe-Genie. Es dauerte eine Weile, bis ich begriffen hatte, dass sie doch mich meinten.

Robert Weinberg, © Herlinde Koelbl

»VERSCHIEDENE MOLEKÜLE UND GENE, DIE LEBEN ERMÖGLICHEN, BEDROHEN ES AUCH.«

Robert Weinberg | Molekularbiologie
USA

Erforscht seit Jahrzehnten die Entstehung von Krebs auf genetischer Ebene und definierte im Jahre 2000 in einem epochalen Paper sechs Faktoren, die Zellen zu Krebszellen werden lassen.

Herr Professor Weinberg, Sie hatten vor Jahren eine entscheidende Idee, wie gesunde Zellen zu Krebszellen werden. Was genau ist an jenem Tag passiert?
Ich war wegen einer Konferenz auf Hawaii, schwänzte sie aber mit einem Kollegen. Wir fuhren auf einen Vulkan hinauf, und als wir in den Krater hinabstiegen, sagten wir: »Eigentlich müsste es eine Reihe von Grundprinzipien geben, anhand derer man viele Arten von menschlichen Krebsarten verstehen könnte, auch wenn sie äußerlich sehr unterschiedlich sind und sich scheinbar nicht ähneln.«

Carla Shatz, © Herlinde Koelbl

FRAGE STELLEN, DIE SIE BEANTWORTEN WOLLEN UND DIE SIE ANTREIBT.«

Carla Shatz | Neurowissenschaften
USA

Erforscht, wie sich das Gehirn beim Übergang vom Kindes- ins Erwachsenenalter verändert, und hofft, dadurch neue Erkenntnisse über Autismus und Schizophrenie liefern zu können.

Professorin Shatz, erzählen Sie mir von den Jahren, die Sie geprägt haben.
Meine Familie war sehr intellektuell. Meine weckte meine Begeisterung für die Welt und für visuelle Wahrnehmung. Ich glaube, dass ich deshalb zu verstehen versuche, wie wir sehen und wie unser Gehirn die visuelle Welt für die Wahrnehmung analysiert und wieder zusammenfügt. Eine der Sachen, die unsere Eltern uns beibrachten, war, sich nicht darum zu sorgen, was andere denken. Das war gut, weil es mir ermöglichte, Wissenschaftlerin zu werden.

Cédric Villani, © Herlinde Koelbl

»LASST IN EUREM LEBEN EIN BISSCHEN PLATZ FÜR ZUFÄLLIGKEITEN.«

Cédric Villani | Mathematik
Frankreich

Hat auf dem Gebiet der Differenzialgleichungen, insbesondere der Boltzmann-Gleichung, innovative Ansätze entwickelt, die 2010 mit der Fields-Medaille ausgezeichnet wurden, und ist seit einigen Jahren aktiver Politiker in Frankreich.

Herr Villani, nach einer herausragenden Karriere in der Mathematik, einschließlich Verleihung der renommierten Fields-Medaille, sind Sie in die Politik gegangen. Was hat Sie zu diesem Wechsel bewogen?
Ich wollte mich immer der Welt öffnen. Ich bin viel gereist und habe mich schon während meiner Arbeit als Wissenschaftler politisch engagiert. Als ich begann, mich für die Verbesserung der Europäischen Union einzusetzen, lernte ich Menschen kennen, die mit Politik zu tun hatten, darunter Emmanuel Macron. Er stand Europa sehr positiv gegenüber und hatte viel Energie.

Edward Boyden, © Herlinde Koelbl

»NUN, EIN RAT WÄRE, DAS GEGENTEIL VON DEM IN ERWÄGUNG ZU ZIEHEN, WAS EINEM GERATEN WIRD.«

Edward Boyden | Neurowissenschaften
USA

Forscht auf dem Gebiet der Optogenetik, entwickelt mit seiner Forschungsgruppe Methoden, um langfristig den Aufbau des Gehirns auf molekularer Ebene zu kartieren, und ist Verfechter des Teilens von Forschungsergebnissen.

Herr Professor Boyden, was genau machen Sie?
Ich versuche herauszufinden, wie das Gehirn Gedanken und Gefühle erzeugt. Im Mittelpunkt meiner Arbeit steht seit zwanzig Jahren, Werkzeuge zur Abbildung und Kartierung des Gehirns zu erfinden, um es in Aktion zu beobachten und zu steuern. Das ist ein ganz anderer Ansatz als in der klassischen Neurowissenschaft.

Tolullah Oni, © Herlinde Koelbl

»SIE MÜSSEN IMMER IHR ZIEL VOR AUGEN HABEN, WARUM SIE TUN, WAS SIE TUN.«

Tolullah Oni | Medizin
Großbritannien

Wandte sich nach ihrem Medizinstudium der Verbesserung des Public Health Systems in den rasch wachsenden Städten zu und versucht dabei, die vielfältigen äußeren Einflüsse auf die Gesundheit der Stadtbevölkerung zu berücksichtigen.

Frau Professorin Oni, Sie sind in Lagos in Nigeria geboren. Wie haben Sie dem Schicksal getrotzt und sind groß herausgekommen?
Nun, ich würde behaupten, dass ich immer noch dabei bin, groß herauszukommen. Grundsätzlich glaube ich, dass meine Eltern mir und meinen Geschwistern Tatkraft und Ehrgeiz beigebracht haben, indem sie sagten: »Geh los.« Als Ergebnis sind wir mit einer gewissen Zielstrebigkeit und einem Gefühl des unbegrenzten Potenzials gesegnet – dass wir alles erreichen können, was wir uns vorgenommen haben.

Video-Interview mit Tolullah Oni auf youtube.com 

Foto: Stefan Höderath
Karl Deisseroth, © Herlinde Koelbl

»AUSSENSEITER ZU SEIN GEHÖRT VIELLEICHT TEILWEISE ZUM DASEIN EINES WISSENSCHAFTLERS.«

Karl Deisseroth | Neurobiologie
USA

Ist einer der Pioniere des neuen Gebiets Optogenetik, in der mittels Laserlicht Änderungen in neurologischen Funktionen und im Verhalten von Säugetieren untersucht werden.

Professor Deisseroth, wann haben Sie entdeckt, dass Ihr Gehirn bemerkenswert ist?
Jedes Gehirn ist bemerkenswert. Bei meinem Gehirn bemerkte man jedoch mehrere Eigenarten. Ich habe ein besonderes Verhältnis zu Wörtern. Es fällt mir sehr leicht, Wörter schnell zu lesen und in Erinnerung zu behalten. In der fünften Klasse bekamen wir einmal 45 Minuten, um ein Gedicht auswendig zu lernen. Ich schaute mir das Gedicht an und meldete nach wenigen Sekunden: »Ich bin fertig.« Als ich aufstand und das Gedicht vortrug, dachte meine Lehrerin: »Das kann nicht sein. Er muss es schon vorher gekannt haben.« Sie gab mir ein anderes Gedicht, und wieder prägte ich es mir in Sekundenschnelle ein.

Video-Interview mit Karl Deisseroth auf youtube.com 

Shigefumi Mori, © Herlinde Koelbl

»SCHÖNHEIT IST NICHTS, WONACH MAN SUCHT, SONDERN ETWAS, DAS MAN ERHÄLT, WENN DAS ERGEBNIS PERFEKT IST.«

Shigefumi Mori | Mathematik
Japan

Arbeitet an dreidimensionalen algebraischen Varietäten, bewies 1978 die Hartshorne-Vermutung, bekam 1990 die Fields-Medaille, leitete einige Jahre die Internationale Mathematische Union und ist Namenspatron eines Asteroiden.

Sie waren von Ihrer Forschung vollkommen besessen?
Das ist der richtige Ausdruck. In Princeton fand ich ein Thema, an dem ich arbeiten wollte, und forschte bis 1988. Während ich forschte, kümmerte ich mich um nichts anderes, aber irgendwie schaffte meine Frau es, mich in Museen und Ausstellungen mitzuschleppen. Ursprünglich interessierte mich das nicht sehr, aber heute genieße ich es, sie zu begleiten. Wenn ich ins Ausland fahre, nehme ich sie immer mit. Während ich arbeite, sucht sie interessante Kunstorte heraus.

Vittorio Gallese, © Herlinde Koelbl

»INDEM MAN EINE IDEE ZERSTÖRT, MACHT MAN FORTSCHRITTE.«

Vittorio Gallese | Neurowissenschaften
Italien

Forscht über das Zusammenspiel von Bewegungsapparat und Kognition bei Primaten und Menschen, um die Ursprünge von Empathie, Ästhetik, Sprache und Denken zu erhellen.

Herr Professor Gallese, warum sollten junge Menschen in die Wissenschaft gehen?
Weil es das Beste ist, was sie tun können. Es ist die unterhaltsamste, inspirierendste, aufregendste Arbeit überhaupt, abgesehen von der Kunst. Jeder Tag ist anders, man weiß nie, was passiert, wenn man um die nächste Ecke biegt. Man fordert das Unbekannte heraus. Man muss das Thema wählen, das einen am meisten interessiert. Und dann viel Mühe hineinstecken. Denn in der Wissenschaft muss man sich alles durch viel Arbeit und Mühe erobern, geregelte Arbeitszeiten gibt es da nicht. Ich bin immer wieder verblüfft über die Hingabe und Begeisterung der Menschen, mit denen ich arbeite.

Tim Hunt, © Herlinde Koelbl

»JE BEDEUTENDER EINE ENTDECKUNG, DESTO UNERWARTETER KOMMT SIE.«

Tim Hunt | Biochemie
Großbritannien

Entdeckte mit Paul Nurse die molekularen Grundlagen der Zellteilung, wofür er mit dem Medizin-Nobelpreis 2001 geehrt wurde.

Herr Professor Hunt, Sie haben einmal gesagt: »Wenn ich den Nobelpreis gewinnen kann, kann das jeder.« Glauben Sie das wirklich?
Ja, ich denke, das ist so, denn in meinen Augen hat es im Wesentlichen mit Glück zu tun. Die Leute denken, dass man für eine Entdeckung einen weißen Kittel anziehen und Flüssigkeiten von einem Reagenzglas ins andere schütten muss, aber dem ist überhaupt nicht so. Zu Entdeckungen kommt es, wenn etwas Unerwartetes geschieht.

Foto: Stefan Höderath
Avi Loeb, © Herlinde Koelbl

»ICH HALTE ES FÜR SEHR WAHRSCHEINLICH, DASS WIR NICHT ALLEINE SIND.«

Avi Loeb | Physik und Astronomie
USA

Erforscht die Entstehung der ersten Sterne nach dem Urknall und beschäf­tigt sich mit der Suche nach Hinweisen auf die Existenz außerirdischer Zivilisationen, etwa in den Atmosphären von Exoplaneten.

Herr Professor Loeb, Sie haben einmal gesagt, Sie würden jeden Morgen mit einer neuen Idee aufwa­chen. Welche Idee hatten Sie heute?
Heute habe ich mich gefragt, ob die Nähe eines Sterns zu einem anderen darüber entscheiden könnte, ob ein Stern kollabiert. Die meisten massereichen Sterne haben Be­gleiter. Je mehr Sterne beisammen sind, desto größer die Instabilität. Wenn drei und mehr Sterne einander um­kreisen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie ineinan­derstürzen. Dabei entsteht ein deutlich größerer Stern, der schließlich ein Schwarzes Loch werden könnte.

Detlef Günther, © Herlinde Koelbl

»FORSCHER SEIN KANN MAN NICHT LERNEN, DAS IST EINE INTUITION.«

Detlef Günther | Chemie
Schweiz

Arbeitet an quantitativen Analysemethoden für Laser-Aerosole und Nanopartikel und hat hierfür u. a. ein mobiles Gerät entwickelt, das auch für die archäologische Feldforschung interessant ist.

Sie erwähnten einmal, dass ein neues Zeitalter angebrochen sei und ein großer Umbruch stattfinde. Können Sie den definieren?
Die Digitalisierung wird alle Bereiche unserer Forschung und der Gesellschaft extrem stark verändern, und es ist nicht eine Frage, ob, sondern wie schnell. Außerdem meldet die heutige Generation völlig neuartige Ansprüche an. Dabei spielt das Wohlfühlen-Wollen oder die Work-Life-Balance eine große Rolle. Wir müssen als Wissenschaftler noch bessere Vorbilder sein, um die Begeisterung  für die Forschung in den Studierenden nicht zu verlieren.

Sallie Chisholm, © Herlinde Koelbl

»JE MEHR ANTWORTEN MAN FINDET, DESTO MEHR FRAGEN HAT MAN.«

Sallie Chisholm | Meeresbiologie
USA

Erforscht Biologie, Ökologie und Evolu­tion der am häufigsten vorkommenden Phytoplankton-Spezies in den Weltmeeren, um die mikrobiellen Ökosysteme der Ozeane aufzuklären.

Frau Professorin Chisholm, als Sie am MIT begannen, waren Sie die einzige Frau in Ihrem Institut. Wie fühlte sich das an?
Ich war in meiner Jugend immer in männlich dominierten Umgebungen. Die Freunde meiner Eltern hatten nur Jungen. Deshalb war ich es gewohnt, von Jungen und später von Männern umgeben zu sein. Ich versuchte mein Bestes und nahm die Hürden erst später wahr.

Foto: Stefan Höderath
Arieh Warshel, © Herlinde Koelbl

»ICH HATTE ERFOLG DAMIT, DINGE ALS ERSTER UND AM BESTEN ZU MACHEN.«

Arieh Warshel | Chemie
USA

Entwickelt Computermodelle, um die Arbeitsweise von Proteinen und Enzymen zu simulieren, wofür er 2013 mit dem Chemie-Nobelpreis ausgezeichnet wurde, und gilt als einer der Pioniere auf diesem Gebiet.

Dr. Warshel, sind Sie ein streitsüchtiger Mensch?
Man hat mir oft nachgesagt, dass ich mich gern streite. Aber das stimmt nicht. Wenn ich von einer Reise kam und ein Absageschreiben im Briefkasten hatte, brauchte ich drei Tage, um das Trauma zu überwinden. Ich habe früher nicht einmal reagiert, wenn ich wissenschaftlich angegriffen wurde, aber dann wurde mir klar, dass das zu noch größeren Problemen führt. Die Leute fingen dann an, den Argumenten meiner Gegner zu glauben.

Tom Rapoport, © Herlinde Koelbl

»DIE WISSENSCHAFT KOMMT AN ERSTER STELLE, SIE HAT MEIN LEBEN DOMINIERT.«

Tom Rapoport | Biochemie
USA

Erforscht, wie sich die Bestandteile von Zellen, insbesondere Proteine, ausdifferenzieren und wie Zellen Informationen für diese Prozesse weitergeben.

Herr Professor Rapoport, Sie kommen aus einer ungewöhnlichen Familie. Ihr Vater war Biochemiker wie Sie, Ihre Mutter hatte ebenfalls einen Lehrstuhl, Ihr Bruder ist ein bekannter Mathematiker. Ist so eine Familie eine Bürde oder ein Ansporn?
Es ist wohl beides. Mein Vater war als Biochemiker in der DDR sehr bekannt und Vorsitzender der Biochemischen Gesellschaft. Ich musste mich mehr beweisen als mein Bruder, der als Mathematiker weit genug weg war von meinem Vater. Andererseits habe ich eine Menge von meinen Eltern profitiert. Mein Vater war mein einziger wirklicher Lehrer, und das war eine harte, aber gute Schule.

Brian Schmidt, © Herlinde Koelbl

»WAHRSCHEINLICH BEKOMMST DU KEINEN NOBELPREIS, ABER GIB DEIN BESTES!«

Brian Schmidt | Astronomie
Australien

Wies in den 1990er-Jahren anhand des Lichts weit entfernter Supernovae nach, dass sich das Universum immer schneller ausdehnt, wofür er 2011 den Physik-Nobelpreis bekam.

Professor Schmidt, warum sind Sie Wissenschaftler geworden?
Ich bin quasi mit der Wissenschaft aufgewachsen, denn mein Vater war Biologe. Er forschte über Fische und arbeitete an seiner Doktorarbeit im Fischereiwesen, während er mich betreute. Ich bekam alles mit, was er tat, und ich fand es toll, wie er forschte. Er hatte einen großen Einfluss darauf, dass ich das dann auch wollte. Schon als kleiner Junge wollte ich immer verstehen, wie Dinge funktionieren. Also wusste ich schon von frühester Kindheit an, dass ich auch mal Wissenschaftler werden wollte. Ein anderes Ziel hatte ich nie. Ich hatte auch ein paar wunderbare Lehrer, vor allem in der Highschool. Sie halfen mir, meinen Traum wahr zu machen.

Anton Zeilinger, © Herlinde Koelbl

»BLEIBE DIR SELBER TREU, NICHT IM SINNE DESSEN, WAS DIR MOMENTAN AM MEISTEN NÜTZT, SONDERN IN DEINEM INNEREN!«

Anton Zeilinger | Quantenphysik
Österreich

Gelang in den 1990er-Jahren die Teleportation von Lichtteilchen mittels Quantenverschränkung, was ihm den Spitznamen »Mr. Beam« einbrachte. Er arbeitet an Konzepten der Quanteninformatik und Quantenkryptografie.

Herr Professor Zeilinger, in Ihrer Schulzeit hat ein Lehrer Ihrer Mutter gesagt, Sie seien ein hoffnungsloser Fall. Wie kam er zu diesem Urteil?
Ich war stinkfaul und habe gerade so viel gelernt, um nicht durchzufallen. Ich bin in der Schule auch gelegentlich angeeckt, wenn ich mehr wusste als der Lehrer. Andererseits hatte ich einen fantastischen Lehrer für Physik und Mathematik. Er war selbst begeistert von seinem Fach, und das ist das Wichtigste, was ein Lehrer mitbringen muss.

Bruno Reichart, © Herlinde Koelbl

»ICH GLAUBE FEST DARAN, DASS DAS LEBEN VORBESTIMMT IST.«

Bruno Reichart | Chirurgie
Deutschland

Gelang 1981 die erste Herz- und 1983 die erste Herz-Lungen-Transplantation in Deutschland. Er erforscht die Möglichkeiten der Xenotransplantation, etwa der Verpflanzung von Schweineherzen.

Professor Reichart, Sie arbeiten an der Xenotransplantation. Dabei verpflanzen Sie Schweineherzen in Paviane. Wie muss man sich diesen Prozess vorstellen?
Xenotransplantation bedeutet, dass für eine Transplantation speziesfremde Organe, also Organe nicht von Menschen, benutzt werden. Da wir in Deutschland im Jahr etwa fünfzig Millionen Schweine essen, führte dies zu der Überlegung, dass man deren Organe für Transplantationszwecke einsetzen könnte – natürlich erst nach gentechnischen Veränderungen. Ohne diese wäre eine derartige Organverpflanzung nicht möglich, Schweineherzen würden von Pavianen innerhalb einer Stunde abgestoßen werden.

Foto: Stefan Höderath
Françoise Barré-Sinoussi, © Herlinde Koelbl

»MEIN ANTRIEB WAR IMMER, KRANKEN MENSCHEN ZU HELFEN.«

Françoise Barré-Sinoussi | Virologie
Frankreich

Isolierte 1982 erstmals das HIV-Virus als Ursache der damals noch neuen Erkrankung AIDS, wofür sie 2008 den Medizin-Nobelpreis verliehen bekam. Sie setzt sich aktiv für eine bessere Gesundheitspolitik in Entwicklungsländern ein.

Frau Professorin Barré-Sinoussi, haben Sie sich je vor Augen geführt, wie groß der Einfluss war, den Ihre Forschung auf das Leben anderer hatte?
Ich war nicht allein. Es heißt nicht umsonst HIV/Aids-Community, und diese umfasst Wissenschaftler, Aktivisten, Patientenvertreter, Ärzte, Pfleger, das ganze medizinische Personal. Wir sind zahllose Menschen, die seit 1981 für dasselbe Ziel kämpfen. Wir arbeiten alle intensiv zusammen und sind jeweils ein kleines Puzzlestückchen. Das ist alles, was ich bin: Teil eines Puzzles.

Robert Laughlin, © Herlinde Koelbl

»ES BRAUCHT ENORM VIEL EMOTIONALE ENERGIE, UM ETWAS NEUES ZUR WELT ZU BRINGEN.«

Robert Laughlin | Physik
USA

Fand eine Erklärung für den gebrochenzahligen Quanten-Hall-Effekt (Physik-Nobelpreis 1998) und entdeckte eine Art Quantenflüssigkeit.

Sie haben einmal geschrieben, dass Ihr Antrieb, theo­retischer Physiker zu werden, von den Diskussionen in Ihrer Familie beim Abendessen herrührt. Erklären Sie mir das bitte.
Mein Vater war Anwalt. In der Rechtswissenschaft geht es um das Diskutieren mit der Sprache als Werkzeug. Deshalb diskutierten wir in meiner Jugend vieles, was ihn interessierte, etwa Na­turwissenschaft und Elektronik. Wir mussten klare, über­zeugende und durchdachte Argumente vorbringen. Mei­ne Frau Anita hingegen mag keine Diskussionen beim Abendessen, sie bevorzugt eine ruhige, freundliche At­mosphäre. Tatsächlich kommen viele theoretische Phy­siker aus Anwaltsfamilien.

Viola Vogel, © Herlinde Koelbl

»IMMER WIEDER WURDE MIR DIE FRAGE GESTELLT: ›WARUM BEGEISTERN SIE ALS FRAU SICH FÜR TECHNIK?‹«

Viola Vogel | Biophysik
Schweiz

Erforscht die nanotechnischen Werkzeuge von Bakterien und Zellen, mit deren Hilfe diese ihre Umwelt erfassen. Sie hat das neue Gebiet der Mechanobiologie mitbegründet.

Sind Sie der Meinung, dass es Frauen im Wissenschaftsbetrieb schwerer haben?
Keine von uns will von außen als Quotenfrau gesehen werden. Insofern wurde das Thema von den meisten Frauen strikt abgelehnt, auch von mir. Aber ich sehe, dass sich in einer ganzen Generation die Zahl der Frauen in vielen technischen Berufen und in Führungspositionen kaum verändert hat. Obwohl viel unternommen wurde, um Frauen zu unterstützen: von mehr Kinderbetreuung bis zu erheblich mehr Verständnis, dass auch Männer mithelfen und dass Erziehung eine gemeinsame Aufgabe ist.

Onur Güntürkün, © Herlinde Koelbl

»MIT EIN BISSCHEN GLÜCK STELLT SICH EIN GEFÜHL VON RAUSCHHAFTEM DENKEN EIN.«

Onur Güntürkün | Psychologie
Deutschland

Erforscht die Arbeitsweise des präfrontalen Cortex, in dem Handlungen geplant und Emotionen reguliert werden. Außerdem engagiert er sich für die deutsch-türkische Forschungszusammenarbeit.

Herr Professor Güntürkün, Sie erforschen die neuronalen Grundlagen des Denkens. Was ist Ihr Idealzustand beim Denken, und wie erreichen Sie ihn?
Ich kann ihn nicht auf Knopfdruck herbeiführen, aber er ist öfter mal da. Es ist wunderschön, wenn der Horizont aufreißt, dann sehe ich kristallklar und verstehe. Ich zoome alle Aufmerksamkeit auf das kleine Feld der Analyse und blende alles andere aus. Mit ein bisschen Glück stellt sich ein Gefühl von rauschhaftem Denken ein. Das geht viele, viele Stunden so, bis ich müde werde. Manchmal suche ich auch Tage und Wochen nach einer Lösung. Dann überfällt es mich, mitten in einem Gespräch. Oder ich wache am nächsten Morgen auf und es ist da. Das ist schwer vorhersehbar.

Shuji Nakamura, © Herlinde Koelbl

»MEINE MOTIVATION IST IMMER EINE MISCHUNG AUS WUT, VIELLEICHT SOGAR ANGST, UND UNZUFRIEDENHEIT.«

Shuji Nakamura | Elektrotechnik
USA

Entwickelte die erste Leuchtdiode, die blaues Licht aussendet, was ihm den Physik-Nobelpreis 2014 einbrachte. Nach einem Patentstreit kehrte er Japan den Rücken und forscht seither in Santa Barbara in Kalifornien.

Professor Nakamura, Sie sind auf Shikoku aufgewachsen, der kleinsten der vier japanischen Hauptinseln.
Ja. Mein Vater arbeitete als Wartungstechniker beim lokalen Stromversorger. Ich bin an einem idyllischen und ruhigen Ort aufgewachsen, habe jeden Tag draußen gespielt. Ich konnte auf Berge klettern oder im Meer schwimmen und fühlte mich deshalb der Natur sehr verbunden. Indem ich sie beobachtete, begann ich, neugierig zu werden: Warum wachsen Blumen so schnell? Warum weht der Wind vom Meer her? Warum? All das hat mein Interesse an der Wissenschaft angestoßen.

Herlinde Koelbl bei der Ausstellungseröffnung am 2. Oktober 2020. Foto: Stefan Höderath
Richard Zare, © Herlinde Koelbl

»ICH VERSUCHE, IM GEISTE OFFEN UND ENTDECKER ZU BLEIBEN. ICH BIN EIN ABENTEURER.«

Richard Zare | Chemie
USA

Entwickelte wegweisende Verfahren, um chemische Reaktionen mithilfe von Laserlicht in Echtzeit zu untersuchen. Mit der NASA hat er zu Fragen der Astrobiologie gearbeitet.

Sie haben als Kind gerne Chemieexperimente gemacht?
Meine ersten Experimente habe ich mit drei oder vier gemacht. Das waren ungeplante Zufallsexperimente, mein Vater hat mir dafür den Hintern versohlt. Das machte mich unglücklich, weshalb ich in sein Aquarium urinierte. Daran starb der Tropenfisch, was weitere Prügel zur Folge hatte. Die Macht der Chemie hat mich aber beeindruckt. Ich hatte keine Ahnung, dass Urin einem Fisch so zusetzen kann. Ich betrachte das als eines meiner ersten Chemieexperimente.

Video-Interview mit Richard Zare auf youtube.com 

Ottmar Edenhofer, © Herlinde Koelbl

»UNABHÄNGIGKEIT KONNTE ICH NUR ERREICHEN, WEIL ICH BEREIT WAR, EINEN SOZIALEN TOD ZU STERBEN.«

Ottmar Edenhofer | Ökonomie und Klimafolgenforschung
Deutschland

Arbeitete mit seiner Gruppe das Konzept für einen transatlantischen Kohlenstoffmarkt aus, untersucht wirtschaftliche Aspekte des Klimawandels und berät die Bundesregierung in der Energie- und Klimapolitik.

Sie haben erst Wirtschaftswissenschaften studiert und dann Philosophie. Warum hat Ihnen das erste Fach nicht gereicht?
Wenn ich nicht in einem Unternehmerhaushalt aufge­wachsen wäre, hätte ich vielleicht gar nicht Wirtschafts­wissenschaften studiert. Ich habe aber damals schon gedacht, dass es ein ewiges Wachstum in einer endli­chen Welt nicht geben kann. Umso mehr, als mir klar war, dass die Menschheit nicht in eine Ordnung einge­bettet ist, sondern außer Rand und Band geraten war. Die Herangehensweise der Wirtschaftswissenschaften war mir aber zu eng. Deshalb kam die Philosophie dazu.

Wolfgang Ketterle, © Herlinde Koelbl

»ICH HATTE ALLES AUF EIN EXPERIMENT GESETZT UND MUSSTE ERST MAL VERKRAFTEN, DASS ICH VERLOREN HATTE.«

Wolfgang Ketterle | Theoretische Physik
USA

Gehörte zu den Ersten, denen die Erzeugung eines Bose-Einstein-Kondensats gelang (Physik-Nobelpreis 2001); daraus konnte er den ersten »Atomlaser« konstruieren.

Professor Ketterle, Sie gelten als fleißig und ehrgeizig. Haben sich diese Eigenschaften durch Ihr ganzes Leben gezogen?
Ja, ich war immer fleißig, ehrgeizig und auch neugierig. Schon als Kind habe ich immer gerne mit Experimentierkästen gespielt, Chemie und Elektronik haben mir Spaß gemacht, und meine Eltern haben mich in meiner Neugier auch unterstützt. Aus Lego-Bausteinen habe ich eine Schaukel gebaut und ein Monster, das von einem Motor angetrieben mit Flügeln gewackelt hat. Wenn in meiner Kindheit zu Hause ein Gerät nicht ging, war ich auch derjenige, der es aufgeschraubt hat. Und wenn meine Mutter einen Stecker repariert hat, habe ich nachgeschaut, ob sie alles richtig verkabelt hatte.

Foto: Stefan Höderath
Eric Kandel, © Herlinde Koelbl

»LÄNDER, DIE KLUG IN WISSENSCHAFT INVESTIEREN, ENTWICKELN SICH GUT.«

Eric Kandel | Neurowissenschaften
USA

Wandte sich als studierter Psychiater früh der Hirnforschung zu, erforschte die neuronalen Grundlagen des Lernens und Erinnerns sowie die Proteinstruktur des Gedächtnisses, wofür er im Jahr 2000 den Medizin-Nobelpreis bekam.

Herr Professor Kandel, als in Wien geborener Jude mussten Sie aus dem Land fliehen. Wie hat diese Vertreibung Sie geprägt?
Ich werde meine Erfahrungen in Wien nie vergessen. Menschen, die Freunde gewesen waren, wandten sich plötzlich von uns ab und schützten uns nicht. Vielmehr stellten sie sich aktiv gegen uns, nachdem die Nazis am 9. November 1938 an unsere Tür geklopft hatten. Die Nazis sagten, dass wir die Wohnung für einige Tage verlassen müssten. Meine Mutter sagte: »Pack ein paar Sachen ein.« Ich nahm Toilettenartikel und Unterwäsche. Mein Bruder, der fünf Jahre älter war, gebrauchte seinen Verstand und nahm seine Briefmarken- und Münzsammlung und alle seine Lieblingssachen mit. Als wir fünf Tage später wiederkamen, war nichts Wertvolles mehr übrig.

George M. Church, © Herlinde Koelbl

»ICH MÖCHTE EINEN WEG FINDEN, DAS ALTERN UMZUKEHREN, SODASS WIR WIEDER JÜNGER WERDEN.«

George M. Church | Genetik
USA

Hat neue, günstige Technologien zur Gensequenzierung entwickelt und seit den 2010er-Jahren das Gebiet der synthetischen Biologie vorangetrieben.

Was hat Sie dazu bewegt, das menschliche Genom zu kartieren?
Ich wollte eine Technologie entwickeln, mit der man die Genome aller Menschen sequenzieren und vergleichen kann, um herauszufinden, welche Krankheiten sich mithilfe etwa der humangenetischen Beratung verhindern lassen. Durch die niedrigen Kosten haben wir inzwischen eine Million Genome. Damit können wir ernsthaft beginnen, Diagnoseverfahren und Therapien einzusetzen. Wir würden gerne auch Krankheiten heilen oder verhindern, und da kommt eine synthetische Komponente ins Spiel. Die synthetische Biologie ermöglicht, Dinge zu erschaffen, die nie zuvor existiert haben – es ist, als ob Sie Kunst mit Zukunftstechnologien machen.

Peter Seeberger, © Herlinde Koelbl

»ICH WAR MEIN GANZES LEBEN LANG KOMPETITIV.«

Peter Seeberger | Chemie
Deutschland

Forscht an Biopolymeren wie Zuckermolekülen, um damit medizinische Wirkstoffe herzustellen, und konnte 2012 erstmals den Malaria-Wirkstoff Artemisinin synthetisch herstellen.

Professor Seeberger, verraten Sie uns, wie Sie ein erfolgreicher und anerkannter Wissenschaftler wurden?
Ich bin grundsätzlich unzufrieden mit mir und immer der Meinung, dass wir noch nicht genug geforscht haben. Wahrscheinlich ist es nicht einfach, mit solchen Menschen zu leben. Der Druck von innen ist bei mir immer sehr hoch. Die Zahl der veröffentlichten Artikel und der verliehenen Preise halte ich für irrelevant, es zählt immer, was als Nächstes kommt. Diese Unzufriedenheit ist meine Triebkraft.

Aaron Ciechanover, © Herlinde Koelbl

»ICH GLAUBE NICHTS, WAS ANDERE SAGEN. ICH ÜBERPRÜFE ES IMMER SELBST.«

Aaron Ciechanover | Biochemie
Israel

Fand heraus, mit welchem Mechanismus Zellen überflüssige Proteine entsorgen (Chemie-Nobelpreis 2004), und berät Unternehmen und Non-Profit-Organisationen zu wissenschaftlichen Fragen.

Professor Ciechanover, warum haben Sie eine Naturwissenschaft studiert?
Eigentlich habe ich nie eine Naturwissenschaft studiert, sondern Medizin. Das war der Traum meiner Mutter. Es war sehr, sehr schwer, auf die medizinische Hochschule zu kommen. Man musste ein Genie sein, und in der Mitte meines Medizinstudiums merkte ich, dass es nicht das Richtige für mich war. Man muss Krankheiten begleiten, und das bedeutet, dass man das Ende eines Prozesses betrachtet. Ich interessierte mich aber viel mehr für die Mechanismen, die Krankheiten verursachen. Ich beschloss, ein Jahr Biochemie zu studieren. Ich mochte das Fach sofort und wollte zuerst Wissenschaftler und dann Professor werden und etwas bewirken.

Video-Interview mit Aaron Ciechanover auf youtube.com 

David Avnir, © Herlinde Koelbl

»NACH EINEM ERFOLGREICHEN TAG HABEN SIE VIELLEICHT DIE WELT VERÄNDERT.«

David Avnir | Chemie
Israel

Entdeckte, wie sich keramische Werkstoffe und Glas bei Zimmertemperatur herstellen und Biomoleküle in Metalle einbauen lassen, sodass diese leuchten können.

Professor Avnir, warum haben Sie ein wissenschaftliches Fach studiert?
Ich wurde als Wissenschaftler geboren. Als ich drei Jahre alt war, wurden in Israel die Lebensmittel rationiert. Unsere Familie hatte ein Huhn, das ein Ei pro Tag legte, und meine Aufgabe war, das Ei zu essen. Ich begriff, dass das Huhn sehr wichtig für das Wohlergehen der Familie war. Deshalb nahm ich eine Feder, pflanzte sie in die Erde ein und goss sie, damit daraus ein neues Huhn wächst. Dies war mein erstes wissenschaftliches Experiment, das natürlich schiefging, was eine sehr wichtige Lektion für mich war.

Hermann Parzinger, © Herlinde Koelbl

»OHNE VERGANGENHEIT KEINE ZUKUNFT.«

Hermann Parzinger | Prähistorische Archäologie
Deutschland

Führte zahlreiche Ausgrabungen in Europa und Zentralasien durch, bis er mit der Entdeckung eines skythischen Fürstengrabes 2001 weltweit bekannt wurde; er leitete viele Jahre das Deutsche Archäologische Institut.

Gibt es Parallelen zwischen den revolutionären Entwicklungen der frühen Menschheitsgeschichte und denen der Neuzeit?
Natürlich. Die Erfindung der Schrift war entscheidend, um überhaupt Dinge aufzeichnen zu können, und der Buchdruck hat es dann ermöglicht, Texte beliebig zu vervielfältigen und zu verbreiten. Die Erfindung der Elektrizität hatte ähnliche Auswirkungen wie die Beherrschung des Feuers, weil beide Licht und Wärme produzieren. Das Reitpferd revolutionierte die Mobilität des Menschen wie erst das Automobil wieder. Die Industrialisierung wäre nicht vorstellbar ohne die Arbeitsteilung der Frühzeit.

Ulyana Shimanovich, © Herlinde Koelbl

»ES LIEGT IN DER MENSCHLICHEN NATUR, MEHR ZU WOLLEN.«

Ulyana Shimanovich | Biochemie
Israel

Untersucht die chemische Selbstorgani­sation von Zellmolekülen wie etwa Protei­nen und warum dabei manchmal Fehler passieren, die zu gravierenden Krankheiten wie Alzheimer führen können.

Frau Dr. Shimanovich, welche Persönlichkeit braucht man als junger Mensch, um eine wissenschaftliche Laufbahn einzuschlagen?
Sie sollten neugierig sein und die Hartnäckigkeit besitzen, ein Problem anzugehen und die Lösung zu suchen. Natürlich gibt es dabei immer eine Ungewissheit, aber Ihr Job ist es, Lösungen und Antworten zu finden. Diese Ungewissheit ist die treibende Kraft. Ich würde einen Wissenschaftler als eine motivierte Person definieren.

Foto: Stefan Höderath
Dan Shechtman, © Herlinde Koelbl

»ICH BIN NICHT LEICHT EINZUSCHÜCHTERN, WENN ICH SICHER BIN, DASS ICH RECHT HABE.«

Dan Shechtman | Physik
Israel

Entdeckte in den 1980er-Jahren die bis dahin unbekannte Klasse der quasiperiodischen Kristalle, was ihm den Chemie-Nobelpreis 2011 einbrachte.

Herr Professor Shechtman, Sie betonen, dass auch die soziale Kompetenz für einen erfolgreichen Wissenschaftler wichtig ist. Warum?
Ungeachtet des Bildungsniveaus sind die erfolgreichsten Menschen jene mit sozialer Kompetenz. Sie wissen, wie sie ihre Sache erklären müssen, wie sie Aufmerksamkeit erlangen und wie sie einem etwas verkaufen. Wenn ich einen Vortrag halte, versuche ich, mit jedem im Publikum in Blickkontakt zu kommen. Das sind manchmal tausend Zuhörer. Ich möchte, dass jeder das Gefühl hat, ich würde zu ihm sprechen. Anderen Menschen zuzuhören ist auch sehr wichtig. Wenn jemand mit Ihnen spricht, denken Sie nicht über Ihre nächste Reaktion nach, hören Sie zu! Sie müssen Vertrauen erzeugen. Die Menschen mögen Sie, wenn sie zu Ihnen aufschauen und Ihnen vertrauen können.

Martin Rees, © Herlinde Koelbl

»MIT NICHTEXPERTEN ZU REDEN ERINNERT EINEN AN DAS GROSSE GANZE.«

Martin Rees | Astronomie
Großbritannien

Erforschte als Astrophysiker die kosmische Hintergrundstrahlung und mahnt heute vor Bedrohungen wie Klimawandel oder Nuklearwaffen, die zum Aussterben der Menschheit führen könnten.

Sind Sie vom Urknall immer noch fasziniert?
Die große Herausforderung ist nun, die eher exotisch an­mutende Physik der frühesten Phase des Universums zu verstehen. Innerhalb von fünfzig Jahren sind wir von der Ungewissheit, ob es überhaupt einen Urknall gab, dazu gekommen, die erste milliardstel Sekunde mit an­gemessener Genauigkeit zu diskutieren. Das ist ein großer Schritt vorwärts. Es ist nicht vermessen anzu­nehmen, dass wir in den nächsten fünfzig Jahren einen weiteren großen Sprung machen.

Ron Naaman, © Herlinde Koelbl

»ICH WOLLTE HERAUSFINDEN, WAS GOTT VERSUCHT, VOR UNS ZU VERSTECKEN.«

Ron Naaman | Physikalische Chemie
Israel

Untersucht, wie hauchdünne Schichten aus organischen Molekülen auf Halbleitern neue elektronische Eigen­schaften erzeugen, und entwickelt daraus neuartige Sensoren.

Sie haben sicher sehr hart gearbeitet. Wie war das mit Ihrer Work-Life-Balance?
Ich habe vier Kinder. Meine zweite Frau hat noch drei Kinder mit in die Ehe gebracht. Wir haben zwölf Enkel. Das Leben mit der Familie ist mir extrem wichtig. Das war nur möglich, indem ich fast rund um die Uhr wach war. Morgens weckte ich die Kin­der, machte Frühstück, schickte sie in die Schule und ging zur Arbeit. Um sechs kam ich nach Hause, aß mit ihnen zu Abend, brachte sie ins Bett und ging wieder ins Labor. Dann arbeitete ich die ganze Nacht und kam morgens wieder nach Hause. Man braucht sehr viel Energie, um das zu schaffen, und ein wirklich gutes Zeitmanagement.

Tao Zhang, © Herlinde Koelbl

»MAN FINDET AUF DER WELT NIRGENDWO MEHR HART ARBEITENDE WISSENSCHAFTLER ALS IN CHINA.«

Tao Zhang | Physikalische Chemie
China

Arbeitet an neuen Verfahren für die Katalyse von Stoffen, auch mithilfe von nanostrukturierten Materialien, und will mit neuen Katalysatoren Chemikalien aus Biomasse gewinnen.

Herr Professor Zhang, als Vizepräsident der Chinesischen Akademie der Wissenschaften haben Sie eine bedeutende Position inne. Wie hat Ihre Kindheit Sie auf den Erfolg vorbereitet?
Meine Eltern hatten einen großen Einfluss auf mich, als ich ein Kind war. Meine Mutter war Grundschullehrerin, mein Vater Lehrer an der Mittelschule, und beide ermunterten mich dazu, immer weiter zu lernen. China war damals sehr arm und meine Landschule auch. Wir hatten nur vier Lehrer für hundert Schüler in fünf Klassen. Die erste Klasse hatte im selben Raum Unterricht wie die zweite, und die dritte und vierte Klasse saßen auch zusammen in einem Raum. So konnte ich in der ersten Klasse schon den Stoff der zweiten lernen und in der dritten Klasse den Stoff der vierten.

Robert Langer, © Herlinde Koelbl

»DU KANNST DICH ENTSCHEIDEN, SEHR WICHTIGE ODER WENIGER WICHTIGE FRAGEN ZU STELLEN.«

Robert Langer | Quantenphysik
USA

Entwickelt Technologien, unter anderem mithilfe von Biopolymeren, um gezielt Medikamente im Körper abzugeben – »Drug Delivery« genannt – und hält weltweit über 1000 Patente.

Herr Professor Langer, Sie haben 33 Ehrentitel. Sie haben 1350 Patente angemeldet. Sie sind der am häufigsten zitierte Ingenieur der Geschichte, Ihr H-Index liegt derzeit bei über 260. Woher kommt Ihre unglaubliche Energie, Ihre positive Einstellung?
Zum einen finde ich Wissenschaft und Technik faszinierend. Man kann damit fast magische Dinge anstellen. Am wichtigsten ist mir aber meine Relevanz für die Welt. Mich treiben Dinge an, die die Welt besser machen, die Leben retten, die die Gesundheit der Menschen stärken und sie glücklicher machen.

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Jian-Wei Pan, © Herlinde Koelbl

»MIT BESSERER BILDUNG WERDEN DIE MENSCHEN OFFENER, FRIEDVOLLER UND LIEBEVOLLER.«

Jian-Wei Pan | Quantenphysik
China

Forscht am Phänomen der Quantenverschränkung von Lichtteilchen, um damit neue, sichere Kommunikations­kanäle zu ermöglichen. Er wurde zum »Father of Quantum« ausgerufen.

Als Sie Ihren Doktor machten, war Anton Zeilinger einer der führenden Wissenschaftler in der Quantenphysik. Heute nennt man Sie den »Vater der Quantenphysik«. Wie hat er das aufgenommen?
Am Anfang haben wir uns ein wenig missverstanden. Wir standen in Konkurrenz zueinander, als ich meine eige­ne unabhängige Gruppe gründete. Wir erkannten aber bald, dass Zusammenarbeit sinnvoller ist. Anton Zeilinger ist ein brillanter Wissenschaftler auf Gebieten wie der Multi-Photonen-Verschränkung. Zehn Jahre später, 2017, haben wir dank unserer Zusammenarbeit erfreuliche Ergebnisse bei der Quan­tenschlüsselverteilung über Kontinente hinweg erzielt.

Ruth Arnon, © Herlinde Koelbl

»ICH WUSSTE IMMER, ICH BIN DER BOSS, DAS IST MEINE ARBEIT, UND ICH MACHE SIE.«

Ruth Arnon | Immunologie
Israel

Arbeitet an synthetischen Impfstoffen gegen Influenza und Krebs und hat das Medikament Copaxone entwickelt, das seit seiner Zulassung 1995 gegen Multiple Sklerose eingesetzt wird.

Frau Professorin Arnon, Sie gehörten schon im Kindergarten zu den Besten. Was hat Sie da so motiviert?
Ich war sehr neugierig, habe dauernd Fragen gestellt und hatte ein sehr gutes Gedächtnis. Meine älteren Geschwister sahen, dass ich lernen wollte, und es machte ihnen Spaß, mir etwas beizubringen. Deshalb konnte ich schon rechnen und lesen und schreiben, als ich in die Schule kam, und konnte die erste Klasse direkt überspringen. Ziemlich bald entdeckte ich auch meine Liebe zur Wissenschaft: Ich las das Buch »Mikrobenjäger«, das die faszinierenden Biografien großer Wissenschaftler und ihre Entdeckungen beschrieb.

Tandong Yao, © Herlinde Koelbl

»DIE WELT VERÄNDERT SICH, UND WIR MÜSSEN UNS DARAUF VORBEREITEN.«

Tandong Yao | Geologie
China

Konnte anhand von Eisbohrkernen nachweisen, dass die vergangenen 100 Jahre die wärmsten seit 2000 Jahren waren. Er setzt sich sehr für die Erhaltung der tibetischen Hochland-Gletscher ein.

Warum wollten Sie Glaziologe werden? Wann und wo be­gannen Sie, sich dafür zu interessieren?
Zum ersten Mal habe ich Gletscher 1978 im Hochland von Tibet gesehen, als ich noch an der Uni war. Unsere Mission war, die Hauptquelle des Changjiang-Flusses zu finden, der einem Gletscher ent­springt. Wir versuchten, genau den Gletscher zu finden, der die ersten Wassertropfen für den Changjiang-Fluss liefert. Die Schönheit der Eisfelder und die atemberau­bende Landschaft haben mich so beeindruckt, dass ich mich auf der Stelle entschied, Glaziologie zu studieren.

Alessio Figalli, © Herlinde Koelbl

»ICH BIN NUR DESWEGEN SO WEIT NACH OBEN GEKOMMEN, WEIL ICH MICH SELBST NIE INFRAGE GESTELLT HABE.«

Alessio Figalli | Mathematik
Schweiz

Gelang ein lang gesuchter mathematischer Beweis auf dem Gebiet des »Optimalen Transports«, wofür er mit der Fields-Medaille ausgezeichnet wurde, dem mathematischen Äquivalent des Nobelpreises.

Professor Figalli, Sie haben die Fields-Medaille bekommen, eine Auszeichnung für Mathematiker, die mit dem Nobelpreis vergleichbar ist. Was denken Sie darüber?
Die Fields-Medaille wird alle vier Jahre an maximal vier Personen verliehen. Außerdem muss man unter vierzig sein, um sie bekommen zu können. Als Student waren die Fields-Medaillenträger für mich gottgleich, sie waren der »Olymp«. Jetzt, da ich sie habe, wirkt das nicht mehr so schwierig.

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Jennifer Doudna, © Herlinde Koelbl

»WIR WUSSTEN, DASS VIELE GROSSES INTERESSE AN DIESEM ANSATZ HABEN WÜRDEN.«

Jennifer Doudna | Biochemie
USA

Untersucht Aufbau und Funktionen von Ribonukleinsäuren (RNA) in Zellen und hat mit Emmanuelle Charpentier 2012 das bahnbrechende CRISPR/Cas-Verfahren für die Veränderung von Genomen entwickelt, wofür beide kürzlich mit dem Chemie-Nobelpreis ausgezeichnet wurden.

Was macht Wissenschaft heute so besonders?
Es ist eine fantastische Karriere. Man wird dafür bezahlt, im Labor zu spielen und Dinge herauszufinden, die niemand zuvor entdeckt hat. Es ist ein spannendes und sehr kreatives Gebiet und bietet obendrein die Chance, mit anderen zu kooperieren, die genauso neugierig sind. Ich sage den Studenten immer, dass sie sich auf ihre Interessen konzentrieren und ihrer Leidenschaft nachgehen sollen.

Video-Interview mit Jennifer Doudna auf youtube.com 

Bernhard Schölkopf, © Herlinde Koelbl

»MAN KOMMT IN DER WISSENSCHAFT NICHT WEITER, WENN MAN DAS GLEICHE MACHT WIE VIELE ANDERE.«

Bernhard Schölkopf | Informatik und Künstliche Intelligenz
Deutschland

Ist einer der führenden deutschen Forscher auf dem Gebiet des maschinellen Lernens, beschäftigt sich aber auch mit Exoplaneten und Gravitationswellen.

Wie weit ist es möglich, unsere soziale Intelligenz tatsäch­lich in einem Roboter wiederzugeben?
Dafür bräuchte es intelligentere Computer, die nicht nur aus Input-Output-Beispielen lernen, sondern auch kul­turell. Wir Menschen lernen auch, indem wir andere be­obachten, und es gibt allerlei komplexe kulturelle Signa­le, die wir dabei verwenden. Für uns ist kulturelles Lernen extrem wichtig, und im Moment wissen wir überhaupt nicht, wie wir so was auf Computer übertragen sollten

Faith Osier, © Herlinde Koelbl

»ICH SEHE MEINE ROLLE DARIN, JUNGE WISSEN­SCHAFTLER ZU INSPIRIEREN, DEN WANDEL IN AFRIKA VORANZUTREIBEN.«

Faith Osier | Immunologie
Deutschland

Hat sich der Mission »Make Malaria History« verschrieben und versucht, mittels der Malaria-Resistenz mancher Menschen einen Impfstoff zu entwickeln.

Sie sind in Kenia geboren und an die medizinische ­Fakultät der University of Nairobi gegangen. Wie kamen Sie dort zurecht?
Ich fand die medizinische Fakultät ziemlich schwer. In der Highschool war ich noch ein Star, aber an der Universität kamen alle intelligenten Leute des Landes zusammen. Plötzlich fand ich mich in der Mitte oder am unteren Ende des Jahrgangs wieder. Ich musste Strategien entwickeln, um zu überleben, etwa indem ich mich auf Paper aus der Vergangenheit konzentrierte.

Frances Arnold, © Herlinde Koelbl

»DIE EVOLUTION LEHRT UNS, DASS MAN AUSSTIRBT, WENN DIE DIVERSITÄT VERLOREN GEHT.«

Frances Arnold | Biochemie
USA

Ist eine Pionierin auf dem Gebiet der »Gerichteten Evolution«, einer gentechnischen Beschleunigung von Zufallsmutationen (Nobelpreis für Chemie 2018). Zudem ist sie Mitgründerin von Gevo, einem Start-up für Bio-Brennstoffe.

Frau Professorin Arnold, Sie sind mit vier Brüdern und einem Kernphysiker als Vater aufgewachsen. Hat Sie diese Familiensituation für Ihre wissenschaftliche Arbeit abgehärtet?
Ich glaube, ich habe eher meine Brüder abgehärtet. Meine Jugend war durchdrungen von Physik und Mathematik, und ich ging davon aus, dass ich etwas in diesem Bereich machen würde. Es war eine freundschaftliche Konkurrenz, und ich habe natürlich gewonnen. Ich habe nie Angst davor gehabt, etwas selbst zu machen oder zu erkunden Neugier und Abenteuerlust trieben mich an, aber meine Furchtlosigkeit war ganz entscheidend.

Klaus von Klitzing, © Herlinde Koelbl

»DAS SCHLIMMSTE WÄRE, WENN ICH ALLES VERSTEHEN WÜRDE.«

Klaus von Klitzing | Physik
Deutschland

Entdeckte den ganzzahligen Quanten-Hall-Effekt und damit eine neue, nach ihm benannte Naturkonstante – dafür erhielt er den Physik-Nobelpreis 1985. Neben seiner Forschungsarbeit wirbt er unermüdlich für die Bedeutung der Grundlagenforschung.

Herr von Klitzing, Sie haben am 5. Februar 1980 um zwei Uhr morgens den Quanten-Hall-Effekt entdeckt und damit eine universale Bezugsgröße geschaffen, die nach Ihnen »Von-Klitzing-Konstante« genannt wurde. Wie würden Sie einem Nichtwissenschaftler erklären, was Sie entdeckt haben?
Ich ziehe gern den Vergleich mit der Geschwindigkeit: Wenn ich verschiedene Geschwindigkeiten messe, vom Fußgänger, vom Auto und vom Flugzeug, sind die alle unterschiedlich. Wenn ich aber Lichtgeschwindigkeit messe, komme ich immer zum selben Ergebnis, weil jede elektromagnetische Strahlung dieselbe Geschwindigkeit hat. Die Lichtgeschwindigkeit ist eine Naturkonstante. Und ich habe einen naturelektrischen Widerstand entdeckt, der ebenfalls ein Fundamentalwert ist.

Foto: Stefan Höderath
Antje Boetius, © Herlinde Koelbl

»DU MUSST DEM ZUFALL EINE CHANCE GEBEN. DAS IST SO ETWAS WIE MEIN LEITSATZ.«

Antje Boetius | Meeresforschung
Deutschland

Erforscht als Meeresbiologin das bakterielle Leben in der Tiefsee, beschäftigt sich mit der Tiefseeökologie und engagiert sich öffentlich stark in der Klimadebatte.

Frau Professorin Boetius, warum interessiert Sie die Kälte und Dunkelheit der Tiefsee so sehr, dass Sie sich gern dort hinabbegeben?
Die Tiefsee ist der größte Lebensraum der Erde. Wenn man ausrechnet, wo Leben auf unserem Planeten vorkommt, und man den Meeresboden berücksichtigt, der Kilometer unter der Oberfläche verläuft, ergibt sich, dass die Erde vor allem Tiefsee ist und wir sie gar nicht kennen. Deswegen habe ich mir schon als Kind vorgenommen, ein Astronaut der inneren Erde zu werden und die Tiefsee zu erkunden.

Video-Interview mit Antje Boetius auf youtube.com 

Stefan Hell, © Herlinde Koelbl

»ICH HATTE SEHR HOHE ANSPRÜCHE, DENEN ICH SELBST GENÜGEN MUSSTE.«

Stefan Hell | Physik und Biophysikalische Chemie
Deutschland

Entwickelte die Fluoreszenzmikroskopie so weiter, dass auch Auflösungen unterhalb von Lichtwellenlängen möglich werden, was ihm den Chemie-Nobelpreis 2014 einbrachte.

Herr Professor Hell, Sie wurden in Rumänien als Kind Banater Schwaben geboren und sind 1978 mit fünfzehn Jahren nach Deutschland gezogen. Trotz der fremden Sprache gehörten Sie von Anfang an zu den Besten in der Schule. Was hat Sie motiviert, immer ganz vorne zu sein?
Also das mit der Sprache war genau umgekehrt. Gerade weil wir deutsch sprachen und wir uns als Deutsche fühlten, war es für mich eine große Befreiung, in Deutschland ein neues Leben aufbauen zu können. Die Staatssprache war auf einmal nicht mehr Fremdsprache, also Rumänisch, sondern meine Muttersprache. Ich wollte nicht überall der Beste sein, aber in Mathe und Physik wollte ich es schon sein. Das war für mich etwas, woraus ich Selbstbewusstsein ziehen konnte.

Video-Interview mit Stefan Hell auf youtube.com 

Helmut Schwarz, © Herlinde Koelbl

»MEINE BESTEN LEHRER WAREN MEINE STUDENTEN MIT IHREN BOHRENDEN FRAGEN.«

Helmut Schwarz | Chemie
Deutschland

Verbesserte maßgeblich die Massenspektrometrie, ein verbreitetes Analyseverfahren in Chemie und Forensik, und trug viel zum Verständnis der ungewöhnlichen Kohlenstoff-Molekülgruppe der Fullerene bei.

Herr Professor Schwarz, Sie haben als Chemielaborant begonnen, dann aber über den zweiten Bildungsweg studiert und Ihren Doktor gemacht. Warum wollten Sie mehr?
Die Neugierde hat mich angetrieben. Als Laborant habe ich viel Praktisches gelernt, aber die Grenzen waren sehr eng gezogen. Es gab kaum eine Möglichkeit, Fragen zu stellen. Chemie aber bedeutet, sich um Veränderungen zu kümmern. Deshalb suchte ich Unabhängigkeit, wollte etwas Neues kennenlernen. Ich war der einzige von meinen Geschwistern, der von zu Hause weggegangen ist. Das war nicht vorgesehen in der Familie, allerdings bin ich auch nie daran gehindert worden, meinen Weg zu gehen.

Video-Interview mit Helmut Schwarz auf youtube.com 

Christiane Nüsslein-Volhard, © Herlinde Koelbl

»ICH WAR VON MEINEN WISSENSCHAFTLICHEN PROJEKTEN BESESSEN.«

Christiane Nüsslein-Volhard | Biologie und Biochemie
Deutschland

Entdeckte Gene, die die Embryonalentwicklung von Mensch und Tier steuern (Medizin-Nobelpreis 1995) und beriet unter anderem im Nationalen Ethikrat die Bundesregierung zu aktuellen Forschungsfragen.

Frau Professorin Nüsslein-Volhard, Ihr ganzes Berufsleben galten Sie als »schwierig«. Warum?
Zu Beginn meines Berufslebens war ich häufig die einzige Frau. Ich war oft in der Defensive und fühlte mich häufig nicht respektiert. Ich war oft viel zu direkt und kritisch, wenig konziliant, wenn mich etwas ärgerte. Auch habe ich damals viele Spielregeln der Männer noch nicht gekannt. Ich scheue mich nicht vor unpopulären Entscheidungen. Aber ich musste gewisse Umgangsformen im Geschäftsleben lernen.

Thomas Südhof, © Herlinde Koelbl

»DAS GRÖSSTE PROBLEM IN DER WISSENSCHAFT IST, DASS SIE VIEL ZU SEHR MODEN UNTERLIEGT.«

Thomas Südhof | Neurobiologie
USA

Schlüsselte maßgeblich auf, wie sich die Synapsen von Neuronen bilden und wie Zellen Signale austauschen; dafür wurde er mit dem Medizin-Nobelpreis 2013 geehrt.

Herr Professor Südhof, Sie waren in Ihrer Jugend ein Rebell, dem die Freiheit das Wichtigste war. Woher kommt dieses Bedürfnis, sich nicht einzupassen?
Es wäre verführerisch zu sagen, dass das eine biologische Veranlagung ist, aber ich bin mir dessen nicht sicher. In meiner Kindheit wies nichts darauf hin, dass ich weniger anpassungsfähig war als andere. Ich habe mich allerdings nie in Gruppen wohlgefühlt. Ich kann sehr gut verstehen, dass Menschen das Gruppengefühl lieben, weil wir vor allem in der Kommunikation leben und gern mit anderen übereinstimmen. Aber ich habe das nie besonders geschätzt.

Marcelle Soares-Santos, © Herlinde Koelbl

»FÜR MICH GEHT ES WENIGER UM EITELKEIT ALS DARUM, IMMER DIE NÄCHSTE FRAGE ZU STELLEN.«

Marcelle Soares-Santos | Physik
USA

Erforscht die sich beschleunigende Expansion des Universums, sucht nach optischen Hinweisen auf Gravitationswellen und ist an Projekten zur Aufklärung der Dunklen Energie im Universum beteiligt.

Glauben Sie, dass Sie sich auch mehr anstrengen müssen, um als Woman of Color respektiert zu werden?
Man sieht selten Women of Color in meiner Position, also bin ich ein unerwarteter Anblick, und die Leute reagieren manchmal überrascht. Gleichzeitig glaube ich, dass meine Karriere auf meinen Erfolgen aufbaut, weil die Menschen gesehen haben, dass ich diese Herausforderungen bestehen konnte. Ich denke, dass es für einen weißen Mann wahrscheinlich einfacher gewesen wäre. Ich muss mich immer wieder beweisen.

Myles Jackson, © Herlinde Koelbl

»WIR MÜSSEN BEGREIFEN, DASS ES IN DER GESCHICHTE EIN KONTINUUM GIBT.«

Myles Jackson | Wissenschaftsgeschichte
USA

Beschäftigt sich mit historischen, philosophischen und soziologischen Aspekten von Wissenschaft und Technologie und forscht darüber hinaus zur Zeitgeschichte der Biotechnologie.

Gibt es heute noch geistige Leitfiguren?
In Europa gibt es keine öffentlich weithin wahrgenommenen Intellektuellen mehr, wie es in Deutschland Habermas oder Luhmann und in Frankreich Foucault oder Derrida waren. In Amerika gab es eine solche Tradition der politisch orientierten Intellektuellen nie. Ich finde zwar nicht, dass wir nur von Geistesgrößen geführt werden müssten, aber sie sollten doch eine größere Rolle in der Öffentlichkeit spielen. Ich bin sehr für geistige Eliten, die Verantwortung übernehmen, Menschen mit weniger guten Startbedingungen zu helfen, dass sie irgendwann auch zur Elite gehören können.

Foto: Stefan Höderath
Bruce Alberts, © Herlinde Koelbl

»WENN WISSENSCHAFT EINEN WIRKLICH BEGEISTERT, WIRD SIE UNGLAUBLICH UNTERHALTSAM.«

Bruce Alberts | Biochemie
USA

Trug wesentlich zur Aufklärung der Chromosomenverdopplung bei der Zellteilung bei und versucht, die naturwissenschaftliche Bildung im Schulsystem zu intensivieren.

Herr Professor Alberts, warum wollten Sie Wissen­schaftler werden?
Mein Chemielehrer in der Highschool in Chicago war ein wunderbarer Mann namens Carl W. Clader, damals 35 Jahre alt. Sein Chemielabor war vier Jahre lang je­den Tag mein Wohnzimmer. Es gab in jenen Tagen keine Sicherheitsregeln. In der Mitte der Arbeitsbank war ein Abfluss, in den wir alle Arten gefährlicher Chemikalien wie konzentrierte Schwefelsäure gossen. Wir konnten Gebräue mischen, die explodierten, weshalb ich begann, mich wirklich für Chemie zu interessieren. Ich weiß nicht, ob ich mich sonst dafür entschieden hätte, Wissen­schaftler zu werden.

Patrick Cramer, © Herlinde Koelbl

»DAS GEHEIMNIS LIEGT DARIN, DIE KINDLICHE NEUGIER NIE ABZULEGEN.«

Patrick Cramer | Molekularbiologie
Deutschland

Konnte als Erster die dreidimensionale Struktur des RNA-Polymerase-II-Enzyms aufklären, forscht an der Funktionsweise des Genoms und setzt sich für Naturwissenschaften in Europa ein.

Was ist Ihre Botschaft an die Welt?
Wir brauchen Persönlichkeiten, die zu partizipativer Führung imstande sind. Der Trick ist, Mitarbeiter nicht nur für meine Sache zu gewinnen, sondern sie auch ge­stalterisch einzubeziehen und dadurch über das, was ich selbst könnte, hinauszuwachsen. Die klassische hierarchische Struktur hat sich komplett überholt, weil sie das kreative Potenzial nicht ausschöpfen kann.

Pascale Cossart, © Herlinde Koelbl

»ICH BIN ZÄH. ICH WEISS, WAS ICH WILL, UND ICH MAG DEN ERFOLG.«

Pascale Cossart | Mikrobiologie
Frankreich

Ist die wissenschaftliche Autorität, wenn es um den verbreiteten Krankheitserreger Listeria monocytogenes geht, und sie hat diesen auf molekularer Ebene maßgeblich entschlüsselt.

Wie ist es, in Frankreich Wissenschaftlerin zu sein, im Unterschied zu Deutschland und den USA?
In den USA steckt mehr Geld in der Wissenschaft. Frauen bekommen zunehmend Anerkennung, aber es gibt im­mer noch Schwierigkeiten. Deutschland ist für Wissen­schaftlerinnen härter, weil Männer leichter die Profes­suren bekommen. In Frankreich ist das anders, hier werden Ihnen dauerhafte Positionen angeboten. Diese sind nicht an ein Forschungszentrum, sondern an Per­sonen gebunden. So können Sie von Abteilung zu Ab­teilung ziehen oder von einem Institut zum anderen. Ich habe meine Position am Pasteur-Institut seit 48 Jahren und bin immer noch glücklich damit.

Peter Doherty, © Herlinde Koelbl

»JEDER WICHTIGE DURCHBRUCH IN DER WISSENSCHAFT IST TEIL EINER VIEL LÄNGEREN GESCHICHTE.«

Peter Doherty | Immunologie
Australien

Ist einer der wegweisenden Immunologen der Gegenwart und klärte den Mechanismus auf, wie T-Zellen des Immunsystems Viren bekämpfen, was 1996 mit dem Medizin-Nobelpreis ausgezeichnet wurde.

Herr Professor Doherty, ich habe gehört, es gibt eine Menge Rivalität und Eifersucht in der Wissenschaft.
Oh ja, es ist heftig. Wissenschaftler sind auch keine besseren Menschen als alle anderen und ganz besonders, was Eifersucht und Rivalität angeht. Manchmal verreißt ein Reviewer dein Paper, und die Gründe haben wenig mit der Qualität der Arbeit zu tun. Es ist ein hartes Geschäft, weil es auf Daten und Evidenz basiert, und trotzdem kann es sehr giftig zugehen. Und es gibt auch kein Konzept der Güte in der Wissenschaft, so etwas wie denhippokratischen Eid »Richte keinen Schaden an.«

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