Die Geschichte der Weltbilder ist vor allem die Geschichte ihrer Bildlichkeit. Bereits der Begriff „Weltanschauung“ verweist auf Anschaulichkeit als ein für die Erfahrung von Welt konstitutives Moment. Der Begriff »Bild« im Wortgefüge Weltbild markiert darüber hinaus die unhintergehbare Anbindung von Weltbildern an visuelle Medien. Mit dem Begriff des „Weltbildes“ sollen daher stets konkrete visuelle Modellbildungen angesprochen werden.

 

„Weltbild“ und „Weltanschauung“ konstituieren nicht die Endpole eines Spannungsfeldes zwischen Abstraktion und Konkretion. Denn zum einen bedarf jede Weltanschauung der Bildlichkeit; zum anderen stellen Weltbilder eine visuelle Verdichtung von Weltanschauung dar. Kein Moment ist dem anderen vorgängig; vielmehr sind diese in einem zirkulären Prozess unauflöslich miteinander verschränkt. Hieraus lassen sich zwei Leitthesen ableiten. Erstens: Weltbilder sind keine Ausformungen von ihnen vorgängigen Weltanschauungen. Zweitens: Es gibt keine bildlose Weltanschauung.

 

Das in jüngster Zeit prominent gewordene Interesse an pikturalen Codierungsformen sowie die grundlegenden Fragen nach den Möglichkeiten, nach dem spezifischen Mehrwert sowie zuletzt auch nach den Grenzen bildgestützter Erkenntnisprozesse hat weit reichende Konsequenzen für eine interdisziplinäre Erforschung von Weltbildern. Eine solche Forschungsperspektive richtet sich ausdrücklich gegen eine einseitige logozentrische Modellierung von Erkenntnis. Betont wird vielmehr die mit dem so genannten „iconic turn“ in den Mittelpunkt des kulturwissenschaftlichen Interesses gerückte Bedeutung einer kritischen Analyse visueller Formen.

 

Die Relevanz einer bildwissenschaftlichen Forschung zum „Weltbild“ liegt nicht zuletzt in der Vielfalt visueller Erscheinungsformen, die ein Bild von der Welt entwerfen. Diese reichen von historischen Modellierungen, etwa kosmologischen Weltbildern, bis hin zu jüngsten Visualisierungen aus dem Bereich der Life Sciences. Die Untersuchungen der interdisziplinären Arbeitsgruppe sollen auf paradigmatische Studien konzentriert werden. Analysiert werden sollen dabei die unterschiedlichen Erscheinungsformen von Weltbildern in ihrer kulturellen, medialen und sozialen Bedingtheit. Untersuchungen zur „Welt als Bild“ umfassen prinzipiell sowohl systematische als auch historische Aspekte.

 

Fünf verschiedene Fragen sollen dabei leitend sein:

  • Wie lässt sich das zirkuläre Zusammenspiel von Weltbild und Weltanschauung bildwissenschaftlich analysieren?
  • Welche Rolle spielen konkrete Bildmedien für die handlungs- und erkenntnisleitenden Funktionen von Weltbildern?
  • Nach welchen Regeln wird ein spezifisches Weltbild Teil des kollektiven Bildgedächtnisses?
  • In welcher Weise hat das Aufkommen neuer Verfahren der Bildproduktion, -distribution und -rezeption Anteil an der Modellierung neuer Weltbilder?
  • In welcher Weise wirken diese neuen Verfahren zurück auf die Wahrnehmung tradierter Weltbilder?
  • Welche neuen Perspektiven kann eine interdisziplinäre Forschung zur „Welt als Bild“ für die Frage nach dem Zusammenhang von Erkenntnistheorie und Pikturalität gewinnen?
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