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Wilhelm Heinse: „Begebenheiten des Enkolp. Aus dem Satyricon des Petron übersetzt.“ Rom [d. i. Schwabach: Mizler] 1773.

Im Libertinismus verbinden sich die Ablehnung religiöser Autorität und die emphatische Bejahung der sexuellen Lust als Bestandteil der Natur. Das Forschungsprojekt untersucht libertine Strömungen in der deutschen Literatur um 1800.


‚Libertin‘ als Schimpfwort ist seit der Reformation nachweisbar: Jean Calvin polemisierte gegen eine Sekte von „Libertins“, bei der sich angeblich Häresie und Sittenlosigkeit durchdrängen. Im 17. Jahrhundert konnte jemanden der Vorwurf, ein ‚libertin‘ zu sein, also gleichermaßen gottlos zu denken und zügellos zu leben, aufs Schafott oder den Scheiterhaufen bringen. Und tatsächlich gibt es aus Venedig und vor allem aus Frankreich zahlreiche literarische Erzeugnisse, in denen sich häretische Ideen und die Sprache sexueller Freizügigkeit verbinden. Im Paris der ‚philosophes‘, der Enzyklopädisten, gehört der Libertinismus – allerdings nicht unwidersprochen – zum Kern der Aufklärung, nicht nur bei libertinen Autoren wie Crébillon oder dem Marquis Boyer d’Argens (der zeitweilig Direktor in der Berliner Wissenschaftsakademie war!), sondern etwa auch bei Diderot, der andererseits vielen seiner Manifestationen distanziert gegenüber stand.

In Deutschland gilt der Libertinismus lange Zeit nur als Ausdruck französischer Amoralität – ein Urteil gefällt auf der Grundlage eines Idealismus, der hierzulande einseitig die intellektuelle Kultur prägte. Während der Libertinismus in Frankreich seit den 90er Jahren des 20. Jahrhundert untersucht wurde und seine wichtigsten Schriften sogar Aufnahme in den Olymp der bibliophilen Klassiker fanden, hat daher die Germanistik sie nicht zu ihren Untersuchungsgegenständen zugelassen: Als literarisches Phänomen ist er zwar nicht Pornographie, aber er bedient sich pornographischer Sprache.

 

Es gibt aber nicht wenige Spuren libertinen Denkens in der Literatur der Goethezeit: Bei Wilhelm Heinse, dem vielleicht wichtigsten dezidiert libertinen Autor deutscher Sprache, aber auch bei Wieland oder bei Goethe. Diese Spuren zu erforschen, ist das Ziel des von der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur geförderten Drittmittelprojekts. Es wird dabei auch ins Auge zu fassen haben, welche Bedeutung der libertine Teil der Aufklärung für die Gegenwart hat.

Kontakt
Dr. Josefine Kitzbichler
Wissenschaftl. Mitarbeiterin
Libertinismus in Deutschland um 1800
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