Ähnlich dem berühmten „Who is Who" erfasst die „Prosopographie der mittelbyzantinischen Zeit” für die Jahre 641 bis 1025 alle wichtigen Personen des byzantinischen Reiches.

 

Kaiser und Kaiserinnen, Patriarchen und Erzbischöfe, Feldherren und Höflinge, erfolgreiche und gescheiterte Verschwörer, kurzum Byzantiner mit Geld, Macht und Einfluss aus der Hauptstadt Konstantinopel und den Provinzen, aber auch der umliegenden mittelalterlichen Staatenwelt: Fränkische Kaiser und Könige, Päpste und Gegenpäpste, Kalifen und Emire, chazarische und bulgarische Khane, slavische, ungarische, armenische Fürsten und andere mehr. Ganz anders als ein modernes "Who is Who" berücksichtigt die PmbZ aber auch eine große Zahl von "Durchschnittsmenschen": Mönche und Nonnen, Handwerker, Mütter und Kinder, Bauern und Soldaten, kurzum die einfachen Leute. Indem sie die Beziehungen der einzelnen Personen und Personengruppen untereinander aufzeigt - ihre Konflikte und Gemeinsamkeiten, ihre Sorgen und Nöte, aber auch ihre Freuden und Hoffnungen -, vermittelt die Prosopographie nicht nur ein lebendiges Bild der historischen Ereignisse und Entwicklungen, sondern bietet gleichzeitig einen plastischen Eindruck vom alltäglichen Leben der Byzantiner in jener untergegangenen Welt, die uns häufig überraschend vertraut erscheint!

 

Aufgabe und Arbeitsweise

Das Vorhaben „Prosopographie der mittelbyzantinischen Zeit” hat die Aufgabe, eine Prosopographie der byzantinischen Zeit für den Zeitraum von 641 bis 1025 zu erarbeiten und zu publizieren. Begleitet wird diese Publikation, die insgesamt voraussichtlich zwischen 20.000 und 25.000 Personen umfassen wird und in zwei Abteilungen veröffentlicht werden soll, von Monographien und Sammelbänden zu verschiedenen Themenbereichen, die im prosopographischen Rahmen allein nicht ausreichend analysiert und diskutiert werden können.

 

Die gesetzten Grenzen von 641 bis 1025 ergeben sich einmal aus der Forschungslage - die bereits existierende "Prosopography of the Later Roman Empire" reicht bis 641 - und zum anderen aus inhaltlichen Gründen: 1025 ist ein anerkanntes Epochenjahr in der byzantinischen Geschichte, welches das Ende der sogenannten makedonischen Dynastie markiert. Aus mehreren Gründen wird die Prosopographie in zwei Abteilungen erarbeitet, die einmal den Zeitraum zwischen 641 und 867 und dann denjenigen zwischen 867 und 1025 umfassen sollen. Zum einen wäre eine alphabetisch und chronologisch geordnete prosopographische Liste von ca. 25.000 Personen wegen der internen Querverbindungen und Querverweise sowohl für den späteren Benutzer als auch in der Erarbeitung viel zu unhandlich und unübersichtlich. Dafür ein Beispiel: In Byzanz kennt man vor dem 9. Jahrhundert kaum Familiennamen und auch danach nur relativ wenige. Die alphabetische Reihenfolge muss also über die Vornamen laufen. Allein für den Namen "Ioannes" sind im 7. bis 9. Jahrhundert bisher über 800 Personen erfasst worden. Wenn man die Folgezeit noch dazu nähme, kämen wir voraussichtlich auf das Doppelte, also etwa 1.600 Personen. Das ist eine Anzahl, die ohne zusätzliche Ordnungskriterien auch den gutwilligsten Benutzer überfordern dürfte.

 

Die Trennung mit dem Jahr 867 bietet sich auch deshalb an, weil in diesem Jahr in Byzanz eine neue Dynastie die Macht übernimmt, die sie bis 1025 halten kann. Auf die beiden Abteilungen dürften je etwa zwischen 10.000 und 12.000 Personen entfallen, die in jeweils sechs Bänden publiziert werden. Beiden Abteilungen geht je ein Vorband voraus, in dem vor allem die quellenkritischen Probleme im Zusammenhang diskutiert werden. Die erste Abteilung ist inzwischen vollständig erschienen. Sie entstand in Zusammenarbeit mit der Prosopography of the Byzantine Empire (PBE ), die als von der British Academy gefördertes Projekt am King's College in London entsteht, bis 1261 reichen soll und in gewisser Weise die Prosopography of the Later Roman Empire fortführt.

 

Die PmbZ behandelt alle Personen, die zwei Kriterien erfüllen:

  • die Lebenszeit fällt in den Zeitraum 641-1025
  • sie gehörten zum byzantinischen Reich oder sie werden in byzantinischen, d. h. griechischsprachigen Quellen erwähnt.

Die erste Abteilung der PmbZ beschäftigt sich zunächst mit dem Zeitraum 641 bis 867. Für diese Zeit wurde mittels einer elektronischen Datenbank eine „ Prosopographie des Byzantinischen Reiches” in sechs Bänden erarbeitet und veröffentlicht, die alle überlieferten Informationen zu über 11.000 Personen (Byzantinern und Angehörigen benachbarter Völker und Reiche) enthält. Diese Arbeit wird nun für den Zeitraum 867 bis 1025 fortgesetzt.

 

Für die Erarbeitung der PmbZ wurden sämtliche byzantinischen und eine große Zahl nichtbyzantinischer Quellen für den behandelten Zeitraum ausgewertet. Dabei gilt grundsätzlich das Prinzip der Vollständigkeit, soweit die Quellen publiziert vorliegen. Da unpubliziertes Material nur nach dem Zufallsprinzip aufgenommen werden könnte, erschien es sinnvoller, ganz auf die Aufnahme unpublizierten Materials zu verzichten, um so mit dem Erscheinungsdatum der Prosopographie späteren Benutzern einen genauen terminus ante quem dafür zu bieten, welche Quellen sie dort erwarten können.

 

Soweit möglich werden alle Quellennachrichten zu einer Person genannt, wobei die Erarbeitung einer chronologischen Linie (Lebenslauf) versucht wird, die allerdings bei der unterschiedlichen Quellendichte nicht in jedem Fall möglich oder sinnvoll ist. Das Verhältnis vom Textumfang zu den im Text enthaltenen personenbezogenen Daten fällt in den einzelnen Quellengattungen unterschiedlich aus. Es ist etwa bei Predigten eher ungünstig, während es bei Siegeln sehr günstig ist. Auch der quantitative und qualitative Ertrag - also die Gesamtzahl der aus den Quellen rekonstruierbaren Personen sowie Art und Umfang der Informationen zu diesen Personen - schwankt stark je nach Quellengattung. So konnte z. B. aus den zahlreichen byzantinischen Bleisiegeln zwar eine große Anzahl von Personen gewonnen werden, jedoch erhalten wir aus diesen Quellen nur beschränkte Informationen, nämlich bestenfalls den Namen, Rang- und Funktionstitel und den Zeitraum (etwa: 8./9. Jh.) des Lebens der Siegler. Umfangreicher und detaillierter sind dagegen häufig die Informationen, die uns Briefe übermitteln. Am interessantesten sind natürlich Personen, die in vielen verschiedenartigen Quellen erwähnt werden.

 

Eine vollständige Einarbeitung der Sekundärliteratur zu jeder Person wäre zwar wünschenswert, hätte aber das Erscheinen der Prosopographie in unzumutbarer Weise verzögert. Als Richtlinie soll hier gelten, dass die potentiellen Benutzer einerseits in den Stand der wissenschaftlichen Diskussion zu allen mit der betreffenden Person zusammenhängenden Probleme eingeführt werden und andererseits durch entsprechende bibliographische Hinweise der Zugang zu einer intensiveren Beschäftigung mit der Forschung ermöglicht werden soll.


 

Die mittelalterliche Gesellschaft

Eine Personenkunde zu einer mittelalterlichen Gesellschaft wie der byzantinischen kann aufgrund der Selektion, die durch die Überlieferung eingetreten ist, kein vollständiges Bild dieser Gesellschaft liefern. Der überwiegende Teil der Bevölkerung hat keine Spuren in den Quellen hinterlassen. Als Folge ist für uns nur noch ein Bruchteil der Bevölkerung überhaupt greifbar.

 

Welchen Ausschnitt aus der Gesamtbevölkerung bieten uns nun die Quellen? Wenn man sich die Gesellschaft als Pyramide vorstellt, mit dem Kaiser an der Spitze und den Bauern, Tagelöhnern und Sklaven als Sockel der Pyramide, so kennen wir die Spitze der Pyramide recht gut. Es wäre jedoch nicht richtig zu behaupten, dass ausschließlich die gesellschaftliche Führungsschicht in den Quellen belegt sei. Zwar zeugen die Hauptquellen der Epoche, die Chroniken, die Konzilsakten und Siegel tatsächlich überwiegend von den höchsten Militärs, Beamten und Klerikern. Aber andere Quellengattungen wie Briefsammlungen, Heiligenviten und teilweise auch Inschriften, besonders die Grabinschriften, erwähnen auch zahlreiche Vertreter der mittleren, unteren und untersten Schichten: Händler, Handwerker, Bauern, Soldaten, Mönche und Einsiedler, ja sogar Tagelöhner, Bettler, Diener und Prostituierte.

 

Als Ergebnis ließe sich festhalten: Je weiter oben eine Person in der Gesellschaft stand, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich eine Nachricht von ihr bis in unsere Zeit erhalten hat und sie in die PmbZ aufgenommen worden ist. So sind, wie kaum anders zu erwarten, die byzantinischen Kaiser lückenlos und umfangreich dokumentiert. Aber schon z. B. die Liste der Eparchen der Stadt Konstantinopel oder der Inhaber eines bestimmten Metropolitenstuhles lässt sich nicht vollständig rekonstruieren, weil die betreffenden Personen nicht alle in den erhaltenen Quellen dokumentiert sind. Je mehr wir unseren Blick auf die Basis der gesellschaftlichen Pyramide lenken, desto schmaler wird der in den Quellen noch erkennbare Ausschnitt.

 

Das Verhältnis zwischen gesellschaftlichem Stand und der Wahrscheinlichkeit, in den Quellen vorzukommen, könnte man sich also vielleicht als zwei gegeneinander gekehrte Pyramiden vorstellen: Der in den Quellen greifbare Ausschnitt aus der gesellschaftlichen Pyramide gleicht einer auf der Spitze stehenden Pyramide.

Bevor man nun Ergebnisse im Hinblick auf eine Gesellschaft des Mittelalters formuliert, sollte man sich noch einmal ins Bewusstsein rufen, dass sich unsere heutige Lebenserfahrung von derjenigen des Mittelalters unterscheidet, so dass eigene Erinnerungen oder Analysen der heutigen Gesellschaft auf die des Mittelalters nicht übertragbar sind. Zwei grundlegende Unterschiede seien hier genannt: Die Menschen des Mittelalters waren erheblich gefährdeter als die heutigen Einwohner der Industriestaaten. Das Leben war unsicher. Kriege, Plünderungen und Überfälle waren häufig. Wer seine Stadt oder sein Dorf verließ, um auf längere Reisen zu gehen, ging hohe Risiken ein. Aber auch das Leben innerhalb der eigenen vier Wände bot nicht unbedingt Sicherheit. Krankheiten und Seuchen suchten die Menschen heim. Die Lebenserwartung war niedrig. Wer älter als vierzig war, galt schon als alt. Untersucht man die byzantinischen Quellen auf die Lebenserwartung der Byzantiner hin, trifft man immer wieder auf vorzeitigen Tod oder Krankheit, gegen die es keine Hilfe gab. Alt im heutigen Sinne scheinen eigentlich nur wenige Menschen geworden zu sein. Diese Lebensumstände müssen ein Gefühl der Unsicherheit und des Ausgesetztseins erzeugt haben, in das sich nur wenige von uns, zumindest soweit wir in Industriestaaten leben, hineinversetzen können.

 

Zum anderen war die mittelalterliche Gesellschaft viel geschlossener als die heutige und sie war sich in gewisser Weise ihrer selbst viel sicherer. Die christliche Religion hatte eine bestimmende Kraft. Der mittelalterliche Mensch mochte sich um die richtige Auslegung des Glaubens streiten und dafür sogar Kriege führen, aber die Grundsubstanz des christlichen Glaubens blieb davon unberührt. Im 20. bzw. 21. Jahrhundert ist eher das Gegenteil der Fall: Ein gemeinsamer Grundkonsens der Gesellschaft besteht kaum noch, und selbst da, wo er noch existiert, ist er in seiner normativen Kraft erheblich geringer. Schon diese beiden Unterschiede genügen, um klarzumachen, dass eine Übertragung gegenwärtiger Verhältnisse auf das Mittelalter kaum möglich ist und in der Regel in die Irre führt. Der einzige Weg, der Gesellschaft des Mittelalters näher zu kommen, besteht daher in der Sammlung, Analyse und Auswertung der mittelalterlichen Quellen, indem man sozusagen das Mittelalter selbst zu Wort kommen lässt.

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Dr. Johannes Thomassen
Leiter
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