Projektdarstellung
Brief in Schleiermachers Handschrift vom 17.07.1793 an den Studienfreund Heinrich Catel

Aufgabe der Forschungsstelle ist die Kritische Ausgabe der Schriften und des Nachlasses des Theologen, Philosophen, Philologen und Sekretars der Akademie Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher (1768–1834). Die Edition erfolgt in Arbeitsteilung mit der von der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen betreuten Kieler Schleiermacher-Forschungsstelle und unter Heranziehung von externen freien Mitarbeitern.

 

Kritische Gesamtausgabe

Die Kritische Schleiermacher-Gesamtausgabe (KGA) gliedert sich in fünf Abteilungen (I: Schriften und Entwürfe; II: Vorlesungen; III: Predigten; IV: Übersetzungen; V: Briefwechsel und biographische Dokumente), von denen die Vorlesungen und der Briefwechsel in Berlin bearbeitet werden. Die Edition erfolgt in Abstimmung mit der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, welche die Edition der ersten Abteilung an der Schleiermacher-Forschungsstelle der Kieler Universität betreut.

 

Vorgeschichte der Ausgabe

Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher gehört zu den profiliertesten Gestalten der Geistesgeschichte des 19. Jahrhunderts. Seinen Interessen als Theologe standen die philosophischen von Anfang an gleichberechtigt zur Seite. Auf diesem Gebiet hatte er sich durch Abhandlungen zur Ethik und zur antiken Philosophie, vor allem aber durch seine Platonübersetzung (seit 1804) einen Namen gemacht. Nachdem er 1810 in die Philosophische Klasse der Berliner Akademie der Wissenschaften berufen worden war, nahm er bis zu seinem Tode regelmässig das damit verbundene Recht in Anspruch, philosophische Vorlesungen an der Berliner Universität zu halten, die sich über nahezu alle Disziplinen erstreckten.

 

Eine kritische Ausgabe der Schriften, des Nachlasses und des Briefwechsels Schleiermachers bildet seit langem ein Desiderat. Die von 1834 bis 1864 erschienenen „Sämmtlichen Werke", welche die Schriften, Vorlesungen und Predigten umfassen, sind unvollständig und editorisch vielfach unzulänglich; der Briefwechsel lag nur lückenhaft in Auswahlausgaben und verstreuten Einzeldrucken vor. Aufgrund dieser Situation unternahm der Kieler Theologe Hermann Mulert zusammen mit 42 Wissenschaftlern verschiedener Disziplinen bereits 1927 einen Vorstoss bei der damaligen Preußischen Akademie der Wissenschaften mit dem Ziel, eine Kritische Gesamtausgabe in Gang zu bringen. Die ersten Bände sollten zu Schleiermachers 100. Todestag 1934 erscheinen, jedoch scheiterte das Projekt trotz breiter Zustimmung und Unterstützung an finanziellen Schwierigkeiten.

 

Die erneute Zuwendung zu Schleiermacher in der Theologie und das verstärkte Interesse an der Hermeneutik in der Philosophie ließen den Plan einer Gesamtausgabe Anfang der 60er Jahre erneut aufleben. Eine Beratung hierüber, die 1961 in der Heidelberger Akademie der Wissenschaften stattfand, führte jedoch zu keinem Ergebnis. Die 1968 an der Theologischen Fakultät der Kieler Universität von Martin Redeker begründete Schleiermacher-Forschungsstelle konnte daher auch zunächst in kein Editionsprojekt eingebunden werden. Erst 1972 fand, auf Einladung der Deutschen Forschungsgemeinschaft, eine Konsultation statt, bei der eine Kommission gebildet wurde, die nun, unter veränderten wissenschaftspolitischen Bedingungen hinsichtlich der Finanzierung des Unternehmens, die Planung einer Gesamtausgabe in Angriff nahm. Aus dieser Kommission ging der Herausgeberkreis der KGA hervor, dem zunächst die Theologen Hans-Joachim Birkner (Kiel), Gerhard Ebeling (Zürich), Hermann Fischer (Hamburg) sowie der Philosoph Heinz Kimmerle (seinerzeit Bochum, später Rotterdam) angehörten. Als geschäftsführender Herausgeber fungierte Hans-Joachim Birkner, der, als Nachfolger M. Redekers auch Leiter der Kieler Forschungsstelle, zum Spiritus rector der Ausgabe wurde.

 

Forschungsstellen in Kiel und Berlin

Von September 1975 bis Ende 1983 stellte die Deutsche Forschungsgemeinschaft Sach- und Personalmittel (zunächst für eine Editorenstelle, seit 1978 für zwei) für den Beginn der Editionsarbeiten in Kiel zur Verfügung. Anfang 1984 wurde der Kieler Anteil der Edition in das Akademien-Programm der Bund-Länder-Kommission überführt und in die Obhut der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen genommen. Die Kieler Forschungsstelle arbeitete zunächst an der I. Abteilung, die inzwischen in 15 Bänden abgeschlossen vorliegt. Seither wird in Kiel die Abteilung III (Predigten) bearbeitet.

 

Verlegerisch wird die Ausgabe vom Verlag Walter de Gruyter in Berlin betreut, dem Nachfolger des Reimer-Verlages, in dem Schleiermacher selbst die meisten seiner Schriften erscheinen ließ. Im de Gruyter-Verlag erscheint seit 1985 auch eine die KGA begleitende Reihe, das „Schleiermacher-Archiv".

 

Im September 1979 wurde in Berlin, gefördert von der Schleiermacherschen Stiftung im Zusammenwirken mit der Evangelischen Kirche der Union und dem Land Berlin, eine zweite Forschungsstelle begründet, an der seither der Briefwechsel im Rahmen der fünften Abteilung von zwei Editoren bearbeitet wird. Mit der Übernahme der Trägerschaft durch die Akademie der Wissenschaften zu Berlin 1989 konnte eine dritte Editorenstelle geschaffen und die Abteilung II (Vorlesungen) in Angriff genommen werden. Nach der Auflösung der Akademie Ende 1990 trat das Land Berlin an deren Stelle, bis der Berliner Anteil der KGA zum 1.1.1994 als Langzeitvorhaben in die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften überführt werden konnte. Die Evangelische Kirche blieb bei all diesen institutionellen Veränderungen weiterhin zu 50% an der Förderung beteiligt. Sie hat ihre Beteiligung zum 31.12.1998 gekündigt. Im gleichen Jahr wurde die Abteilung V (Briefwechsel) ins Akademienprogramm aufgenommen, die Abteilung II (Vorlesungen) auf die Einwerbung von Drittmitteln verwiesen. Die DFG förderte von 1999 bis 2003 (letztmalig) die Bearbeitung des 2005 erschienenen Bandes II/16 (Kirchliche Geographie und Statistik) durch Simon Gerber, die Fritz Thyssen Stiftung 2004 bis 2005 die Bearbeitung des Bandes II/6 (Kirchengeschichte) durch denselben. Seit 2007 fördert die Fritz Thyssen Stiftung die Edition der Vorlesungen über Hermeneutik und Kritik durch Wolfgang Virmond.

 

Zum Leiter der Schleiermacherforschungsstelle Berlin wurde der Kirchenhistoriker Kurt-Victor Selge bestellt, der zugleich in den Herausgeberkreis der KGA eintrat, dem er bis 2009 angehörte. Seit dem Tod Hans-Joachim Birkners (1991) fungiert Hermann Fischer als geschäftsführender Herausgeber; die Kommission wurde 1994 durch Günter Meckenstock, Direktor der Kieler Forschungsstelle, und 1997, nach dem Ausscheiden von Gerhard Ebeling und Heinz Kimmerle, durch Ulrich Barth (Halle) und Konrad Cramer (Göttingen) ergänzt. Leiter der Berliner Arbeitsstelle ist seit April 2008 Andreas Arndt, Projektleiter Wilhelm Voßkamp (Köln).

 

Die Berliner Arbeit

Die Edition des Briefwechsels, von dem sich ein Teil im Schleiermacher-Nachlass befindet, der im Archiv der BBAW aufbewahrt wird, bedurfte einer Vorbereitungsphase zur möglichst vollständigen Sammlung der Handschriften und Drucke, deren Kopien in der Forschungsstelle als Arbeitsmaterial zur Verfügung stehen. Das Ergebnis dieser sich auf mehr als 1000 Bibliotheken und Archive des In- und Auslandes erstreckenden Recherchen liegt seit 1992 in einem Band des  „Schleiermacher-Archivs" gedruckt vor (Andreas Arndt und Wolfgang Virmond: Schleiermachers Briefwechsel - Verzeichnis - nebst einer Liste seiner Vorlesungen). Gleichzeitig wurde die Edition des Briefwechsels begonnen, von dem bisher acht Bände vorliegen. Der neunte Band ist in Vorbereitung und wird 2011 erscheinen.

 

Für die Edition der Vorlesungen mussten die Nachschriften gesammelt werden. Schleiermacher hat von 1804 bis 1834 zu dreißig theologischen und philosophischen Themen Vorlesungen gehalten. Seine Manuskripte sind unterschiedlicher Natur – von bloßen Materialsammlungen über Zettel mit Dispositionen bis zu Ausarbeitungen für einen geplanten Druck. Es gibt rund 200 Nachschriften unterschiedlicher Qualität und Lesbarkeit, mit denen sich einzelne Kollegs z. T. mehrfach belegen lassen, während sie für andere auch gänzlich fehlen. Die Sichtung dieser Materialien ist Voraussetzung dafür, die Abteilung planen und angemessene Editionsgrundsätze aufstellen zu können. Der erste Band innerhalb der Abteilung  „Vorlesungen", herausgegeben von Walter Jaeschke, der Schleiermachers Vorlesungen zur Lehre vom Staat dokumentiert, ist 1998 erschienen.

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