Den Auftakt für das Projekt stellte ein Akademievortrag von Günter Spur im Dezember 1997 dar sowie eine anschließende, allgemeine Einführung in die Thematik und die Vorstellung des Arbeitsplanes zur Bearbeitung der im Projektantrag formulierten Fragestellungen vor dem Forum der Technikwissenschaftlichen Klasse auf der 38. Klassensitzung im April 1998.

 

Die lebhafte Diskussion in der Technikwissenschaftlichen Klasse der Akademie als auch in dem im Verlauf des Projektes miteinbezogenen Konvent für Technikwissenschaften über Bedeutung und Abgrenzung der Begriffe Technik, Technologie und Technikwissenschaften hat den dringenden Bedarf einer grundlegenden Klärung offenkundig gemacht. Hieraus resultierte das Vorgehen, im ersten Projektjahr vor allem die interne Auseinandersetzung in bezug auf das eigene Selbstverständnis zu vertiefen. Angestrebt wurde ein interner Konsens über den Forschungsgegenstand sowie die Verständigung auf einen Entwurf zur zweckmäßigen Systematisierung der Technikwissenschaften, der die Ausgangsbasis zur Aufnahme des Dialogs mit anderen Wissenschaftsdisziplinen bilden sollte. Hierzu diente auch das im Oktober 1998 veröffentlichte Buchmanuskript mit dem Titel Technologie und Management - Zum Selbstverständnis der Technikwissenschaft.

 

Vor diesem Hintergrund wurde eine interdisziplinäre Gesprächsrunde gebildet, welche die bisherige Diskussion um technikphilosophische, technikhistorische, industriesoziologische und naturwissenschaftliche Sichtweisen erweiterte.

 

In enger Kooperation mit dem Konvent für Technikwissenschaften wurde zudem am 14. und 15. Januar 1999 in Düsseldorf ein interdisziplinäres Arbeitssymposium durchgeführt, das sich drei aktuellen Themenbereichen der Technik beziehungsweise der Technikwissenschaften widmete. Im einzelnen wurden drei Themenschwerpunkte erörtert.

 

Im Komplex "Selbstverständnis der Technikwissenschaften" wurde in einer wissenschaftshistorischen Perspektive dem Wandel des Selbstverständnisses und der Methoden der Technikwissenschaften, insbesondere beim Konstruktionshandeln, nachgegangen. In wissenschaftstheoretischer Perspektive wurde eine Einordnung der Technikwissenschaften in das Ensemble der Natur-, Geistes- und Sozialwissenschaften vorgenommen und ein Überblick über Inhalte und Aufgaben der Technikwissenschaften im allgemeinen sowie der technikwissenschaftlichen Forschung im besonderen gegeben.

 

Die wechselseitigen Beziehungen zwischen Gesellschaft und Technik bildeten den zweiten Schwerpunkt der Tagung. Das Spektrum der behandelten Themen war breit und reichte von der Biodiversität, über rechtliche Aspekte zur Techniksteuerung bis hin zur Technikfolgenabschätzung sowie zur Nachhaltigkeit der Energietechnik. Aus unternehmerischer Sicht wurde die ökologische Effizienz als Zielgröße des betrieblichen Umweltschutzes dargelegt.

 

Der dritte Themenbereich "Technik und Arbeit" thematisierte den Einfluß von Innovationen und technologischen Entwicklungen auf den Arbeitsmarkt. Zentraler Gegenstand der Diskussion waren die Ursachen und Auswirkungen des sektoralen Strukturwandels der Volkswirtschaft. Am Beispiel der Automobilindustrie konnte ein Einblick in technologische Innovationen gewonnen sowie die Relevanz für die Beschäftigungssituation verdeutlicht werden, während abschließend Möglichkeiten der Hochschule zur Verbesserung der Arbeitsmarktsituation diskutiert wurden.

 

Das Arbeitssymposium zeichnete sich insbesondere aus durch die multidisziplinäre Zusammensetzung der Referenten, das hohe fachliche Niveau der Vorträge sowie die sich jeweils daran anschließende, sachlich geführte Diskussion. Die auf dem Symposium gehaltenen Vorträge sind als graues Papier über den Vorstand des Konvents für Technikwissenschaften oder die Projektleitung zu erhalten. Neben der inhaltlichen Aufarbeitung des Arbeitssymposiums stand die Ableitung nachstehender Handlungsempfehlungen zum Selbstverständnis der Technikwissenschaften im Mittelpunkt der abschließenden Projektarbeiten.

 

Technosophie als integrativ orientierte Leitdisziplin der Technikwissenschaften

Angesichts der zunehmenden Komplexität und unaufhaltsamen Dynamik der Technik erwächst aus dem Bemühen um eine Erneuerung des Selbstverständnisses die Fragestellung nach der Begründung einer integrativ orientierten Leitdisziplin der Technikwissenschaft. Diese müßte über den konventionellen Wirkungsbereich der Technik hinausreichen, Geistes- und Sozialwissenschaften nicht nur anbinden, sondern auch zum Dialog herausfordern. Diese integrierende Metadisziplin, die wir Technosophie nennen könnten, sollte von Ingenieuren begründet und entwickelt werden.

 

Zukünftige Innovationen basieren auf multidisziplinärer Wissenschaftsmethodik

Die soziotechnische Komplexität des Gegenstandes technikwissenschaftlicher Forschung erfordert Strategien einer auch methodisch angepaßten Erweiterung. Die multidisziplinäre Verknüpfung der Technikwissenschaft mit anderen Wissenschaftsbereichen zeigt, daß die technikwissenschaftliche Methodik umfangreichen und komplizierten Problemstellungen sowohl theoretisch als auch praktisch gewachsen sein muß. So wenig wie Technik nur durch ihre Funktionalität zum Ausdruck kommt, muß auch die Methodik ihrer Entwicklung die natürlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen einbeziehen. Es geht in letzter Konsequenz um die Optimierung gesellschaftlicher Wandlungsprozesse. Die aktuellen Probleme unserer Welt fordern nach Lösungen, die alle Kräfte zusammenführen. Dies gilt auch für die Wissenschaften insgesamt.

 

Die Neuorientierung der Technikwissenschaften erfordert eine systematische Durchdringung. Eine systemtheoretische Analyse sieht Technik als integriertes Ganzes, aber auch gleichzeitig in ihren Strukturen und Funktionen. Technik ist ein System mit interdependenten Strukturen, deren Beziehungen zueinander das funktionsorientierte Verhalten ganzheitlich bestimmen. Das System Technik kann zwar durch eine Hüllgrenze nach außen abgeschirmt vorgestellt werden, bleibt aber dennoch in das Soziosystem der Gesellschaft eingebunden. Die Systemorientierung der Technik muß daher auch immer soziotechnisch gesehen werden.


Informationstechnik bestimmt den technischen Fortschritt

Der Fortschritt der Informationstechnik verändert nachhaltig die Entwicklung unserer Gesellschaft. Dieser Prozeß strukturiert mit zunehmender Eigendynamik eine immaterielle Welt, die nicht nur global unsere Wirtschafts- und Arbeitskultur prägt, sondern auch massiv unsere Lebenskultur durchdringt. Ein sprunghafter Wandel gesellschaftlicher Lebensgewohnheiten ist erkennbar. Als neue Dimension der technologischen Entwicklung führt die Informationstechnik zum Aufbau und Betrieb einer technologisch bestimmten Hilfswelt, die ein Leistungsvermögen erhält, das weit über die Vorstellungswelt des einzelnen Menschen hinausgeht.

 

Mit der Einbindung in die gesamte kulturelle Entwicklung wirkt die Informationstechnik nicht nur als virtuelle Hilfswelt der Technik, sondern auch als instrumentelles Korrektiv des gesellschaftlichen Fortschritts. Mit einem solchen Hintergrund kann die Informationstechnik nicht als wertneutrales Mittel der Wirtschaft mit beliebiger Verfügbarkeit gedeutet werden. Als bestimmender Antrieb unserer Zeit wird der Fortschritt der Informationstechnik zugleich als Herausforderung der Gesellschaft empfunden. Technische Kreationen sind in ihrer Akzeptanz auch vom Zeitgeist abhängig. Sie benötigen zu ihrer Durchsetzung einen bestimmten Reifegrad gesellschaftlichen Selbstverständnisses.

 

Öffentliche Aktivitäten der Projektgruppe im Berichtsjahr

  • Arbeitssymposium Technikwissenschaften und Technik - Selbstverständnis - Gesellschaft - Arbeit  in Zusammenarbeit mit dem Konvent für Technikwissenschaften im Januar 1999.
  • Interdisziplinäres Expertengespräch: Abschließende Betrachtungen sowie Ausblick auf eine Weiterführung der Diskussion in Richtung der Informationstechnik als Wissenschaft im März 1999.
  • Diskussion der bislang erzielten Projektergebnisse sowie Ausblick auf weiterführende Themenstellungen auf der 43. Sitzung der Technikwissenschaftlichen Klasse der Akademie im April 1999.
  • Abschließende Diskussion der Handlungsempfehlungen auf der 44. Sitzung der Technikwissenschaftlichen Klasse der Akademie im Juni 1999.
  • Verabschiedung des Projektabschlußberichts auf der 45. Sitzung der Technikwissenschaftlichen Klasse der Akademie im September 1999.
  • Präsentation des Projektabschlußberichts auf der 17. Sitzung des Konvents der Akademie im November 1999.
     

In unterschiedlichen Arbeitsphasen haben am Projekt mitgewirkt:

Gerhard Banse (Cottbus), Heinz Duddeck, Joachim Ebert (Berlin), Alfred Fettweis (Bochum), Wolfgang Fratzscher, Reinhard Franz Hüttl, Wolfgang Känig (Berlin), Klaus Kornwachs (Cottbus), Wolf-Hagen Krauth (Berlin), Hans Poser (Berlin), Günter Ropohl (Frankfurt/M.), Carsten Schröder (Berlin), Günter Spur, Fritz F. Steininger (Senckenberg), Klaus Vieweg (Erlangen-Nürnberg), Martin Weisheimer (Halle), Karl Georg Zinn (Aachen).

© 2021 Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften