Evolution von Altruismus trotz egoistischer Gene?

Akademievorlesung "Evolution von Moral"

04. November 2010

Akademiegebäude am Gendarmenmarkt, Einstein-Saal, Jägerstrasse 22/23, 10117 Berlin

Wieso spenden Menschen Geld an unbekannte Erdbebenopfer in fremden Ländern, nutzen auf der anderen Seite jedoch jede Gelegenheit zum Steuersparen? Ist ein Ameisenstaat tatsächlich von Altruismus geprägt oder versuchen einzelne Individuen ihre Interessen auf Kosten anderer durchzusetzen? Zum Auftakt der Akademievorlsungsreihe „Evolution von Moral” referieren Jürgen Heinze und Dirk Semmann über Egoismus und Altruismus bei Menschen und Tieren.

Evolution von Altruismus trotz egoistischer Gene?
Evolution von Altruismus trotz egoistischer Gene?

Was sagt die Evolutionsbiologie darüber aus, wie wir Sympathie und Empathie verteilen, wann wir ein schlechtes Gewissen, Scham, Schuld oder Dankbarkeit empfinden, weshalb wir überhaupt moralische Urteile fällen, weshalb wir so sehr nach Anerkennung und Konformität streben und soviel Zeit mit dem Tratschen über andere verbringen? Welche solcher moralischen Emotionen lassen sich zumindest in Ansätzen bei unseren tierlichen Verwandten wiederfinden?

 

Ziel der Vorlesungsreihe „Evolution von Moral” ist es, unseren Blick für den Eigennutz in unseren moralischen Handlungen zu schärfen, und so einige geläufige Ansichten über die Natur des Menschen zu hinterfragen. Eine solche Form der Selbstkritik ist weit entfernt von einem „naturalistischen Fehlschluss”. Anstatt den status quo als „natürlich“ zu rechfertigen, entlarvt der evolutionär geschärfte Blick so manche unreflektierte Einstellung und moralische Überheblichkeit als fragwürdig.
 

Zum Auftakt der Akademievorlesungsreihe „Evolution von Moral”, die von der Jungen Akademie im Rahmen des Jahresthemas 2009|2010 „Evolution in Natur, Technik und Kultur” veranstaltet wird, stellen sich Jürgen Heinze und Dirk Semman die Frage, ob man trotz egoistischer Gene von einer Evolution des Altruismums ausgehen kann.

 

EVOLUTION VON ALTRUISMUS TROTZ EGOISTISCHER GENE?

 

Zwischen Superorganismus und Polizeistaat:
Konflikte und Konfliktlösung in den Staaten sozialer Insekten

 

Jürgen Heinze

 

Ein flüchtiger Blick ins Innere eines Bienen-, Wespen- oder Ameisennests vermittelt den Eindruck eines harmonischen, perfekt organisierten Systems, in dem alle Gruppenmitglieder konfliktfrei kooperieren, um den Fortpflanzungserfolg des gesamten Staates zu erhöhen. Hamiltons Theorie der Verwandtenselektion zeigt, dass sich sogar der „altruistische“ Verzicht auf eigene Nachkommen in der Evolution lohnen kann, wenn durch die Hilfe der Fortpflanzungserfolg verwandter Tiere gesteigert wird. Sie ist trotz der vehement vorgetragenen Kritik einiger Weniger allgemein anerkannt und die beste Erklärung für die Evolution von Insektenstaaten.

 

Hamiltons Theorie erklärt aber nicht nur die Kooperation zwischen Egoisten, sondern sagt auch Konflikte im Staat voraus. Tatsächlich geht das Miteinander in den Nestern sozialer Insekten nicht ohne Reibereien ab. Vielmehr versuchen einzelne Individuen, ihre Interessen auf Kosten anderer durchzusetzen. Die daraus resultierenden Konflikte können zu aggressiven Interaktionen führen und das Miteinander im Staat empfindlich stören. Welche Faktoren bestimmen, ob und wie stark Konflikte im Staat auftreten, und wie werden sie gelöst?

 

 

Kooperation und Konflikte in menschlichen Gruppen

 

Dirk Semmann


Der Mensch ist eine merkwürdige Spezies. Auf der einen Seite spendet er Geld für ihm völlig unbekannte Erdbebenopfer in fernen Ländern, auf der anderen Seite nutzt er so gut wie jede Gelegenheit zum Steuersparen oder manchmal sogar zur Steuerhinterziehung. Er ist kooperativ und uneigennützig, dann wieder von purem Egoismus getrieben. Schließlich neigt er auch noch gelegentlich zu riskantem Verhalten, ohne dass dafür eine zwingende Notwendigkeit besteht. Warum aber handeln Menschen so widersprüchlich? Die
Evolutionsbiologie geht davon aus, dass nicht nur körperliche Merkmale und Fertigkeiten auf Evolution beruhen, sondern auch das Sozialverhalten. Dass wir in bestimmten Situationen sozial und in anderen wiederum unsozial agieren, liegt an Verhaltensmustern, die sich im Laufe der Evolution als vorteilhafte Strategie bewährt haben.


Dirk Semmann stellt in seinem Vortrag einige Mechanismen vor, welche erklären können wie und wann Menschen sich kooperativ verhalten.
 

 

Die nächsten Akademievorlesungen der Reihe "Evolution von Moral":

 

- Donnerstag, 11.11.2010: "Evolution und Entwicklung moralischer Gefühle" mit Jörg Wettlaufer und Monika Keller

 

- Donnerstag, 13.01.2010: "Naturalistische Ethik ohne naturalistischen Fehlschluss?" mit Eckart Voland und Gerhard Ernst

 

Im Anschluss an die Vorträge findet eine Podiumsdiskussion mit den Referenten statt.

Moderator:

Wolfgang Forstmeier

Max-Planck-Institut für Ornithologie, Seewiesen

Mitglied der Jungen Akademie

 

Der Eintritt ist frei. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

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