Fluchtlinien der Bildkultur - Teil 2

Akademievorlesung "Bildkulturen"

09. Juni 2011

Akademiegebäude am Gendarmenmarkt, Einstein-Saal, Jägerstrasse 22/23, 10117 Berlin

Im zweiten Teil der Akademievorlesungsreihe "Fluchtlinien der Bildkultur" erläutert Lambert Wiesing, warum die Fähigkeit des Menschen, etwas mit den Fingern zeigen zu können, für die Entwicklung seiner Kulturen eine so außerordentlich große Bedeutung hat. Bernd Mahr stellt dem allgemeinen Modell der Perspektivität kritische Fragen nach der kulturellen Gebundenheit unseres Weltbezugs gegenüber.

Fluchtlinien der Bildkultur - Teil 2
Fluchtlinien der Bildkultur - Teil 2

In aktuellen Debatten wird zunehmend über die Virtualisierung der Bilder geredet, auch in der Annahme, Bilder verbürgen heute keinen kulturell abgesicherten Realitätsbezug mehr. Dies verwundert kaum in einer Zeit, in der allerorten künstliche Bildwelten entstehen und Bilder mit Hilfe von neuen digitalen Technologien so einfach zu arrangieren und zu manipulieren sind. Hinzu kommt eine im Rahmen einer gegenwärtigen Globalkultur schillernde Vielfältigkeit – die „Bilderflut“ – und die „wilde“ Zirkulation von Bildern aus verschiedensten kulturellen Verweisungszusammenhängen.


Dem Forschungsprogramm der interdisziplinären Arbeitsgruppe „Bildkulturen“ entsprechend diskutiert die Vorlesungsreihe „Fluchtlinien der Bildkultur“ jene Aspekte, die der eher intuitiven Rede von der „Beliebigkeit“ und der „Entsicherung“ von Bildern entgegenlaufen und diese im Lichte kulturhistorischer und bildwissenschaftlicher Paradigmen relativieren. Die Vorträge stellen in unterschiedlichen Feldern die unauflösbare Rolle von Bildern für menschliche Orientierung und Sinnstiftung dar. Aufgezeigt werden aktuelle Einsichten der historischen oder theoretischen Forschung, die die tiefe Einbettung von Bildverweisen in kulturelle Räume und Praktiken anzeigt und dokumentiert. Einen Fokus bilden dabei alle Implikationen von „Perspektive“: von Fragen nach der Darstellung von Raum und seiner perspektivischen Konstruktion im Bild bis hin zu jenem zunehmenden transkulturellen Austausch von Bildern als Grundlage für die Selbstverortungen kultureller Akteure.
Die scheinbare Verselbständigung und Autonomie der Bilder und Bildwelten wird somit rückgebunden an „Bildkulturen“ und deren gesellschaftlichen und kulturellen Referenzräume, die weit in die Geschichte und die Grundverfassung des Menschen als Bilderproduzenten zurückreichen.
 

PROGRAMM

 

Die Verbesserung des Zeigefingers

Über die Bedeutung der Zentralperspektive
Lambert Wiesing
Friedrich-Schiller Universität Jena, Mitglied der interdisziplinären Arbeitsgruppe „Bildkulturen“

 

Das „Zeigen“ ist zum Objekt wissenschaftlicher Aufmerksamkeit geworden und dies in verschiedenen Disziplinen: Philosophen, Verhaltenswissenschaftler, Evolutionstheoretiker und Bildwissenschaftler beschäftigen sich in zunehmenden Maße mit den verschiedenen Spielarten des Zeigens, und es scheint in der gegenwärtigen Forschung so etwas wie eine gemeinsame Grundannahme zu geben, warum die Fähigkeit des Menschen, etwas mit den Fingern zeigen zu können, für die Entwicklung seiner Kulturen eine so außerordentlich große Bedeutung hat: Zeigen wird als ein erster Schritt des Menschen auf dem evolutionären Weg zur Entwicklung der Sprache gesehen – und dies scheint in der Tat überzeugend zu sein. Doch wenn man sich den Weg vom einfachen Zeigen hin zum komplexen kodierten Sprechen anschaut, so betrachtet man eine Entwicklung, bei der es zwar am Anfang, nicht aber mehr am Ende um Zeigen geht. Es gibt jedoch auch komplexe Formen des Zeigens: An erster Stelle steht das zentralperspektivische Bild, welches sich zum wahrscheinlich wichtigsten Medium entwickelt hat, das genau dann verwendet wird, wenn Menschen jemanden etwas zeigen möchten. Mit der Verwendung des Bildes verbessern sich die Möglichkeiten des Zeigens enorm. Weshalb es einen Versuch Wert ist, das zentralperspektivische Bild als ein Werkzeug zu beschreiben, das dem Zweck dient, eine elementare Fähigkeit des Menschen zu verbessern: nämlich etwas Intendiertes sehen zu lassen.


Die Perspektivität des Objektbezugs

Bernd Mahr
Technische Universität Berlin, Mitglied der interdisziplinären Arbeitsgruppe „Bildkulturen“

 

Die von Alberti beschriebene zentralperspektivische Bildkonstruktion ist ein Mittel zur Darstellung von Räumlichkeit. Sie orientiert sich an der Geometrie des Lichts und am Modell der geometrischen Optik und ist von einem eigenen Bildbegriff getragen. Fragt man nach den Bedingungen ihrer Möglichkeit, Perspektivität zu realisieren, zeigt sich ihr paradigmatischer Charakter des Objektbezugs. Brentanos Konzeption der Intentionalität psychischer Phänomene und Freges Bedeutungstheorie folgen dem gleichen abstrakten Muster der Orientierung auf einen Gegenstand, dem sich auch die Zentralperspektive unterwirft. Der im Subjekt verankerte Inhalt des psychischen Phänomens einer Vorstellung, der objektiv existierende Sinn, der einem Zeichen gegeben ist, und das als Schnitt durch einen Kegel von Seh- oder Lichtstrahlen erzeugte zentralperspektivische Bild stehen in analogen epistemischen Beziehungen und haben die gleiche vermittelnde Funktion. Auf der Grundlage dieser Beobachtung lässt sich ein allgemeines Modell der Perspektivität entwickeln. Damit stellen sich aber sogleich auch kritische Fragen nach der kulturellen Gebundenheit unseres Weltbezugs mit Hilfe von Vorstellungen, Zeichen und Bildern.

 

Einführung und Moderation: Peter Deuflhard
Freie Universität Berlin, Akademiemitglied

 

Der Eintritt ist frei. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

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