Projektdarstellung
Blick von der Philae zur Insel Biggeh, nach Lepsius, Denkmäler, Blatt I.103

Das Akademienvorhaben arbeitet an der Schaffung einer lexikalischen Datenbank der ägyptischen Sprache und Integration dieser Datenbank mit einem maschinenlesbar erfassten Corpus der aus dem pharaonischen Ägypten überlieferten Texte. Das aufbereitete Material wird im Internet präsentiert und der Öffentlichkeit zur Recherche bereitgestellt.

 

Zur Geschichte des Unternehmens

Das Akademienvorhaben "Altägyptisches Wörterbuch" steht in direkter Tradition des Projekts zur Schaffung eines Wörterbuches der ägyptischen Sprache, das 1897 auf die Initiative Adolf Ermans hin an der Preußischen Akademie der Wissenschaften begründet wurde. Seinen besonderen, damals neuartigen, bis heute einzigartigen Charakter im Rahmen der Lexikographie des Ägyptischen erhielt das Unternehmen durch die Grundsatzentscheidung, nicht auf der Basis punktueller Exzerpte zu arbeiten, sondern das Wörterbuch der ägyptischen Sprache auf die umfassende Erschließung des damals erreichbaren Textmaterials zu gründen. Unter Beteiligung von mehr als 80 Ägyptologen des In- und Auslandes, darunter die führenden Gelehrten ihrer Zeit, wurde zwischen 1897 und 1940 der überwiegende Teil der damals bekannten Texte erfasst und auf über 1,5 Millionen Belegzetteln dokumentiert und lexikalisch geordnet archiviert. Dieses Archiv bildete die Grundlage zur Erarbeitung des publizierten "Wörterbuchs der ägyptischen Sprache" (13 Bde, Leipzig-Berlin 1926-1963). Die intensive Arbeit am Textmaterial trug jedoch weitere Früchte: Zusätzlich zu zahlreichen Textpublikationen fundamentalen Charakters erwies sich das lexikalische Zettelarchiv selbst als philologisches Forschungswerkzeug ersten Ranges, das zur Aufklärung von Fragen, die in den publizierten Bänden des Wörterbuches nicht zur Sprache kamen, rege konsultiert wurde und wird.

 

Nach Abschluss des Wörterbuchs der ägyptischen Sprache konzentrierte sich die Arbeit am Wörterbucharchiv seit den 50er Jahren auf die Erforschung spezieller Textgruppen, medizinischer und mathematischer Texte, sowie auf die Übersetzung der in den "Urkunden des ägyptischen Altertums" veröffentlichten Texte. Die Arbeit an der Fortführung des Textcorpus wurde 1947 eingestellt. Seitdem die Grundlagen des Textarchivs gelegt wurden, hat sich jedoch die Menge der uns bekannten Texte aus dem pharaonischen Ägypten durch intensive Feldforschung und Editionsarbeit mehr als verdoppelt. Weder das Wörterbuch der ägyptischen Sprache, bis heute das einzige umfassende Referenzwerk zur Lexik des Ägyptischen, noch das Textarchiv können damit noch den aktuellen Stand der Forschung repräsentieren. Die Neuaufnahme der Arbeit am Altägyptischen Wörterbuch wird daher in der internationalen Ägyptologie seit langem als Desiderat höchster Priorität empfunden.

Projektdarstellung
Handschrift des Berliner Ägyptologen Adolf Erman

Die Neubearbeitung des Altägyptischen Wörterbuchs

Mit der Einrichtung des Akademienvorhabens „Altägyptisches Wörterbuch” hat sich die BBAW dazu bekannt, in diese Verpflichtung einzutreten. Das als so fruchtbar erwiesene Grundprinzip, die Arbeit am Wörterbuch auf ein umfassend erschlossenes Textcorpus zu gründen, wird dabei weiter gültig bleiben. Die gewaltigen Materialmengen und die Ansprüche der modernen Forschung an Tiefe und Vielfalt der Materialerschließung fordern jedoch eine neue methodische Plattform, die nur in der konsequenten Aneignung der neuen Möglichkeiten der elektronischen Datenverarbeitung und der Informationsverbreitung durch das Internet zu gewinnen ist.

 

Konzept: ein virtuelles Wörterbuch

Im Zentrum der Arbeit steht ein maschinenlesbar erschlossenes Textcorpus, das seiner Anlage nach alle aus dem pharaonischen Ägypten überlieferten Texte aufnehmen soll. Die Texte werden transkribiert und durch textkritische Notation und morphologische Markierungen strukturiert erfasst. Diese Transkription kann nicht alle Eigenheiten der Hieroglyphenschrift wiedergeben; das angewandte Transkriptionsverfahren ist jedoch so angelegt, dass es, gerade im Hinblick auf die Flexionsmerkmale der Wörter, die hieroglyphische Schreibweise erkennen läßt. Besondere Schreibungen lassen sich im Einzelfall explizit aufnehmen. Durch Anschluß einer Bilddatenbank sollen in der Zukunft nach Möglichkeit Faksimilia der erfaßten Texte zur Orientierung und Überprüfung bereitgestellt werden. Durchgängig werden die erfaßten Texte von einer Übersetzung begleitet, und grundsätzlich wird auch die Flexionsform der Textwörter codiert. Die Notation weiterer Merkmale, so z.B. die syntaktischen Funktionen und Relationen der Textwörter wird möglich, sobald die Entwicklung maschineller Routinen zur grammatischen Textanalyse weiter vorangeschritten ist.

Die im Textcorpus erfaßten Texte werden durch ein breites Spektrum extratextueller Daten identifiziert und beschrieben. Neben bibliographischen Angaben, die praktischen Zwecken dienen, stehen Daten zu Textträger, Textsorte, Datierung, Provenienz, Schrifttyp, Sprachstufe usw.: Daten, die es erlauben, das erfaßte Textcorpus statistisch zu beschreiben und in der Recherche zu segmentieren. Nur so läßt sich die Relevanz der aus dem Textcorpus erhobenen Informationen bestimmen.

 

Diese Textdatenbank bietet die Möglichkeit zu eigenständiger Fortentwicklung. Die dringend erforderliche Erschließung des im alten Wörterbuch der ägyptischen Sprache erfaßten Textmaterials wie auch die Anlage einer Textbibliographie des Alten Ägypten, deren Fehlen oft beklagt wurde, können sinnvoll in diesem Rahmen geschehen.

Das Textcorpus ist mit einer lexikalischen Datenbank verbunden. Diese bietet zunächst statisch eingetragene lexikalische Information zu den Lemmata (Bedeutung, Lautbestand, Schreibung ...), ganz nach Art eines traditionellen Wörterbuchs. Allerdings lassen sich in einem computerinternen Wörterbuch die Einträge nicht nur in alphabetischer Folge aufsuchen. Eine systematische Klassifikation der Lemmata erlaubt ihre Gruppierung z.B. nach Wortarten und besonderen Wortgruppen (Personennamen, Götternamen ...). Darüber hinaus können Beziehungen zwischen den einzelnen Einträgen hergestellt werden, wodurch etwa Sachverhalte der Wortbildung oder semantische Bezüge zwischen Wörtern dargestellt und abgefragt werden können.

 

Die lexikalische Datenbank greift jedoch noch in anderer Hinsicht über den Rahmen eines traditionellen Wörterbuches hinaus. Sie enthält maschinell interpretierbare Information zu Flexions- und Rektionsverhalten der Wörter, die in der automatischen Analyse des Textcorpus zum Tragen kommt. Schließlich erlaubt es die Verkettung mit dem Textcorpus, zu Einträgen der lexikalischen Datenbank dynamisch stets aktuelle Information zu Wortvorkommen, Konstruktion und Verbindung mit anderen Wörtern abzufragen. Das Belegmaterial zu den einzelnen Einträgen kann unmittelbar aus dem Textcorpus abgerufen werden. In der Verbindung von Textcorpus und lexikalischer Datenbank lassen sich auch im Hinblick auf bestimmte Fragestellungen Teilwörterbücher zusammenstellen. Damit stellt sich das virtuelle Wörterbuch gleichzeitig als Medium der Auskunft über den Wortschatz der ägyptischen Sprache wie als Werkzeug zu seiner Erforschung dar. Über die lexikographische Forschungsperspektive hinaus bietet es sich als Einstiegspunkt in die Textüberlieferung des pharaonischen Ägypten im Rahmen der philologischen und kulturhistorischen Forschung an.

 

Realisation: Umfang und Wachstum, Nutzung, Datenbankverbund

Die Realisation eines so umfassenden Projekts muß den Rahmen des Machbaren im Auge behalten. Das Gesamtcorpus der unbedingt zu erfassenden Texte wird auf ca. 5 Millionen Textwörter geschätzt. Durch die Kooperation mit anderen Forschungseinrichtungen sowie durch neu programmierte Hilfsmittel soll die Texterfassung immer effizienter werden, um in absehbarer Zeit ein repräsentatives Corpus aufbauen zu können. So wurde im Jahre 1999 an der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig eine Arbeitsstelle ins Leben gerufen, die vorrangig die Aufnahme der literarischen Texte übernommen hat. Im Jahr 2000 wurde durch die Akademie der Wissenschaften und der Literatur, (Mainz), in Würzburg eine Arbeitsstelle inauguriert, die der Erstellung einer Datenbank demotischer Texte gewidmet ist. Weiter hat sich das Totenbuchprojekt der Universität Bonn entschlossen, das Textmaterial in einem mit den Erfassungsprinzipien des Wörterbuchprojekts kompatiblen Format einzugeben und ebenfalls eine Veröffentlichung über die Publikationsplattform des Altägyptischen Wörterbuches zu erproben. Seit 2003 ist dieses Projekt von der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften übernommen worden. Alle drei Arbeitsstellen arbeiten mit dem Erfassungssystem der Berliner Arbeitsstelle.

 

Seit Sommer 2005 gibt es auch eine Zusammenarbeit mit der Katholieke Universiteit Leuven. Dort werden Texte aus ptolemäischer Zeit ebenfalls mit dem Berliner System erfaßt und über die Plattform des „Altägyptischen Wörterbuchs” zur Verfügung gestellt. Damit werden erstmals auch französische Textbearbeitungen in die Datenbank integriert. Entscheidend ist, daß die Nutzbarkeit des Materials nicht erst mit dem Abschluß des Gesamtprojekts möglich wird. Die Textdatenbank ist jederzeit in ihrem aktuellen Zustand mit Gewinn zu konsultieren. In einer ersten Ausbaustufe wurde dieses neuartige, sich dynamisch fortentwickelnde Forschungswerkzeug als Thesaurus Linguae Aegyptiae  ab Oktober 2004 im Internet weltweit zur Verfügung gestellt. Er wird jährlich zweimal aktualisiert, wobei jeweils am 31. Oktober jeden Jahres, dem Geburtstag Adolf Ermans, eine neue Version angeboten wird.

 

Um sich dem Ziel der Erschließung eines umfassenden Textcorpus schneller zu nähern, ist bereits anderwärts erfaßtes Textmaterial nach Möglichkeit einzubeziehen. Das Projekt arbeitet daher nicht nur am Aufbau der eigenen Textdatenbank. Es will darüber hinaus interessierten Fachwissenschaftlern komfortable Werkzeuge zur datenbankgestützten Texterfassung zur Verfügung stellen. Sodann wird daran gearbeitet, unter der einheitlichen Rechercheoberfläche der Textdatenbank des Altägyptischen Wörterbuches eine Vielzahl unterschiedlicher, auch auswärtiger Datenbestände zu integrieren. Dadurch wird es möglich, spezialisierte Textdatenbanken, ohne in ihre Struktur und Autonomie einzugreifen, unter einer gemeinsamen Nutzerschnittstelle verfügbar zu machen.

 

Einen wichtigen Schritt in diese Richtung stellt bereits die Erschließung des Zettelarchivs des Wörterbuches der Ägyptischen Sprache  dar, das seit Ende März 1999 in digitalisierter Form zur Recherche im Internet verfügbar ist.

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