Über das geschichtstheologische Werk, das der kalabresische Ordensgründer (gest. 1202) in seinen letzten zwanzig Lebensjahren geschaffen hat, existiert eine umfangreiche internationale Forschung des 20. Jahrhunderts, die sich auf die fehlerreichen Editionen der drei Hauptwerke in der Zeit der Kirchenreform und Endzeiterwartung im frühen 16. Jahrhundert, später auch auf einzelne Handschriften der vielen ungedruckten Werke gestützt hat. Meist sehr unkritische Editionen dieser Werke seit etwa 1930 und erneut seit 1970 haben das Bedürfnis einer kritischen Textgrundlage gezeigt. Deren Plan ist durch die DFG-geförderte Handschriftensammlung und Arbeit an einzelnen Werken durch den Berichterstatter vorbereitet worden; 1990 hat sich in Berlin ein Herausgeberkreis gebildet, dem außerdem die Historiker Robert E. Lerner (Northwestern University, Evanston), Alexander Patschovsky (Universität Konstanz), Gian Luca Potestà (Università Cattolica, Mailand) und Roberto Rusconi (Università dell'Aquila) angehören; er tritt jährlich zusammen.

 

Neben den selbst einzelne Werke edierenden Herausgebern (bisher Selge und Potestà) sind mehrere externe Editoren, z.T. auf Vertragsbasis, verpflichtet worden. Auf italienischer Seite fördert ein 1979 gegründetes "Centro Internazionale di Studi Gioachimiti" mit Sitz in S. Giovanni in Fiore, das im Abstand von fünf Jahren Kongresse veranstaltet, die Ausgabe; es erscheint auch in deren Titelei. Nachdem die Trägerschaft der beiden zentralen mediävistischen Editionsinstitute Italiens und Deutschlands gewonnen wurde, bei denen die Ausgabe erscheint, wurde 1995 das Patrocinium der beiden Akademien erwirkt. 1996 wurde ein Alexander von Humboldt-Forschungspreis für internationale Kooperation an Robert E. Lerner verliehen, der auf fünf Jahre berechnet und in Kooperation mit dem geschäftsführenden Berliner Herausgeber zu verwenden ist.

 

Als erster Teilband der Opera minora sind, von Gian Luca Potestà bearbeitet, die "Dialogi de prescientia Dei et predestinatione electorum", vermutlich ein Frühwerk, erschienen (Opera omnia IV, 1, Rom 1995). In Fertigstellung für den Druck befindet sich das vom Berichterstatter bearbeitete "Psalterium decem cordarum", ein trinitäts- und geschichtstheologisches sowie hermeneutisches Hauptwerk, das als Band 16 der "Quellen zur Geistesgeschichte des Mittelalters" und zugleich Band 1 der Opera omnia erscheinen soll. Weitere Werke sind in fortgeschrittener Bearbeitung, darunter in Berlin durch den Berichterstatter (mit einer halben Mitarbeiterstelle aus DFG-Mitteln) das umfangreichste, die Expositio in Apocalypsim. Dies Werk sollte bald nach dem Jahr 2000 abgeschlossen sein; die Gesamtausgabe kann, wenn der bisherige Arbeitsrhythmus erhalten bleibt, in 15 bis 20 Jahren abgeschlossen werden. Die Errichtung einer kleinen Berliner Arbeitsstelle, d.h. die Gewinnung einer Vollzeitstelle für einen befristeten Mitarbeiter, wird zur Sicherung dieses Zieles angestrebt, ist aber derzeit noch nicht in Aussicht.

 

Neben der DFG-Förderung, die für bisher zwei Werke gewährt wurde, ist die Lehrstuhlausstattung des Berliner Kirchengeschichtslehrstuhls (bis 1992 an der Kirchlichen Hochschule Berlin, seitdem an der Humboldt-Universität) materielle Grundlage der Arbeit. Sie hat in verschiedener Hinsicht wesentlich davon profitiert, daß der Lehrstuhlinhaber zugleich Leiter der Berliner Schleiermacherforschungsstelle (1979–1992 bei der Kirchlichen Hochschule Berlin, 1989 von der Akademie der Wissenschaften zu Berlin, 1994 von der BBAW übernommen) ist. Ein geschichtsphilosophischer Traditionsstrom "von Joachim von Fiore bis Schelling" (H. de Lubac) verbindet beide Autoren: mit Joachim beginnt die in der Aufklärung vollendete europäische Umformung des geschichtsphilosophischen Augustinismus zur Erwartung einer innergeschichtlichen Höherentwicklung der Christenheit, die sich in der Höherentwicklung der Menschheit auflöst.

 

Die wissenschaftliche Kontrolle der Editionen liegt außer beim Herausgeberkreis bei den veröffentlichenden Instituten, „Monumenta Germaniae Historica” und Istituto Italiano per il Medioevo.

Kontakt
Prof. Dr. Kurt Victor Selge
Projektleiter
Joachim von Fiore
Jägerstraße 22/23
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