Beschäftigung mit preußischer Geschichte an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften entspringt nicht allein ihrem Traditionsverständnis als Nachfolgerin der Preußischen Akademie der Wissenschaften. Vielmehr wird sie gleichermaßen den Erwartungen einer interessierten Öffentlichkeit wie dem anhaltenden Interesse der geschichtswissenschaftlichen Forschung an Preußen als historischem Phänomen gerecht, das wie kein anderer Staat die moderne Geschichte Deutschlands geprägt und nachhaltig, wenn auch ambivalent, auf Europa ausgestrahlt hat.

Umso bemerkenswerter ist die derzeitig bundesweit geringe institutionelle Einbindung der Erforschung preußischer Geschichte. Die BBAW hat im Jahre 2004 das Vorhaben "Preußen als Kulturstaat" eingerichtet. Es widmet sich dem vielschichtigen Bild Preußens in der neueren Geschichte, das vornehmlich als Militär- und Obrigkeitsstaat, aber auch als toleranter Aufklärungsstaat oder viel geforderter Integrationsstaat gesehen wird.


Das Vorhaben wendet sich mit der Fokussierung auf die Kulturstaatsproblematik einem wissenschaftlich noch nicht ausgeleuchteten und dennoch zentralen Aspekt der preußischen Geschichte zu. Ganz allgemein geht es um das Verhältnis von Staatsbildung, Kultur und Gesellschaft. Für den Untersuchungszeitraum 19./20. Jahrhundert verbindet sich dieses Verhältnis mit den Begriffen von zentralstaatlich gelenkter Integrationspolitik und vorhandener Pluralität der Kulturen, Regionen, Religionen und Ethnien, von Staatskultur und Partikularkultur, von kultureller, bildungsgeschichtlicher und wissenschaftlicher Leistungskraft, von staatlicher Daseinsfürsorge und internationaler Modellfunktion. In einer Kombination von editorischer Grundlagenforschung und monographischer Analyse werden in dem Projekt ausgewählte Themen preußischer Kultur-, Religions-, Wissenschafts- und Erinnerungspolitik bearbeitet. Das Vorhaben ist modulartig aufgebaut und bedient sich vornehmlich der für das Thema einzigartigen Berlin-Brandenburgischen Archivlandschaft.

 

In einer ersten Phase steht die Erarbeitung der seit langem ausstehenden Geschichte des preußischen Kultusministeriums im Mittelpunkt. Dieser im Rahmen des Projekts übergreifende Themenschwerpunkt wird in einer Kombination aus quellenerschließender, editorischer und monographischer Arbeit das Kultusministerium als Staatsorgan und gesellschaftliche Agentur untersuchen, wobei über eine herkömmliche Behördengeschichte wesentlich hinausgegangen wird. Für die quellengestützte Analyse dieser komplexen Fragestellung werden neben der umfänglichen archivalischen Überlieferung des Kultusministeriums und anderer Zentralbehörden im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz Berlin-Dahlem vor allem Nachlässe von Akteuren aus Staat und Gesellschaft ausgewertet und wichtige Dokumente ediert. Biographisches Material über die höheren Kultusbeamten Preußens, über Wissenschaftler, Geistliche, Künstler, Publizisten und andere auf dem Felde der Kulturpolitik und Kultur tätig gewesenen Persönlichkeiten wird sowohl aus den archivalischen Überlieferungen wie aus den zeitgenössischen Publikationen, der Memoiren- und modernen Fachliteratur computergestützt ausgewertet und in verschiedenartigen Formen und Medien publiziert.


Als zusätzliche Serviceleistung werden drei, im Zuge des Forschungsprozesses sukzessiv anwachsende Online-Angebote präsentiert: eine Bibliographie, in der Titel zum Projektthema von der zeitgenössischen Publizistik bis hin zur modernen Fachliteratur zusammengestellt sind; eine Chronologie, die wichtige Daten der Profilierung Preußens als Kulturstaat enthält, und eine Bildergalerie zur exemplarischen Visualisierung der Leistungen des Kulturstaats und seiner Akteure.

Das Projekt wird von Wolfgang Neugebauer geleitet.

 

Ein Teilprojekt: Das preußische Kultusministerium

Die wissenschaftliche Tätigkeit des Vorhabens weist eine modulartige Struktur auf, in der Forschung, Edition, Präsentation von Teilergebnissen und flexible Fortschreibung der Forschungsfragen und -themen ineinander greifen, so dass das Konzept laufend überprüft, geschärft und gegebenenfalls modifiziert werden kann. Methodische Offenheit und Flexibilität sollen gewährleisten, dass im Sinne der Modul-Planung auch neue Akzente im Forschungsprogramm gesetzt werden können.
Neben der momentanen intensiven Beschäftigung mit dem preußischen Kultusministerium konzentrieren sich derzeit thematisch weiterführende Überlegungen auf folgende Forschungsfelder:
 

  • Öffentlichkeit und Zensurpolitik in Preußen zwischen Wiener Kongress und Reichsgründung

Zentraler Ausgangspunkt des Themas ist die Entstehung von politisch-bürgerlicher Öffentlichkeit im Preußen des 19. Jahrhunderts und zwar im Spiegel der außerordentlich gut überlieferten Zensurakten. Die Politisierung der Öffentlichkeit seit der Epoche der Revolutionen ist ein lohnendes, bislang nur für kurze Epochen (etwa für Hardenbergs Wirken) berührtes und im Spiegel der Zensurpolitik noch kaum bearbeitetes Thema. Dabei wird es darum gehen, das Verhältnis der Publizistik im Vormärz zu frühen Formen der Vereinsbildung einerseits, zu Ständen bzw. Parlamenten andererseits zu bestimmen, wobei diese sich entwickelnde Öffentlichkeit sehr wohl in ihrem jeweils spezifischen Verhältnis zur aktiven adligen Literarkultur wie zu unterschiedlichen Volkskulturen zu beachten ist.


Die Herausbildung von Formen gesellschaftlicher Kommunikation und Selbstverständigung sowie der Versuch der verschiedenen Träger staatlicher Gewalt, diesen Prozess zu kontrollieren und zu steuern, werden im Zentrum der Untersuchung stehen. Es wird ganz wesentlich darum gehen, ältere Schablonen und Vorstellungen kritisch zu überprüfen. Gerade die "Zensurrealität" gilt es zu erfassen. Um 1840 hat es – um ein Beispiel zu geben – bisweilen sehr lange gedauert, bis Berliner Ministerien bemerkten, dass weitab im Lande Exponenten einer prononciert liberalen Oppositionsbewegung als Zensoren beauftragt worden waren und dieses Amt gegen die Intentionen der Regierung wahrnahmen. Auch nach 1850 scheint in Oppositionslandschaften die Zensur teilweise sehr oberflächlich gehandhabt worden zu sein. In Berlin wurde sie entschiedener praktiziert, teilweise auch gegen Blätter "von rechts". Wiederholt wurde die konservative "Kreuzzeitung" vom Ministerium beschlagnahmt.


Die Relation von sich formierender Öffentlichkeit und staatlicher Zensurpolitik wird in der Konfrontation mit politischen Zentralproblemen (Verfassungsfrage vor 1850 / soziale Frage, nationale Frage) zu untersuchen sein. Dabei sind die politischen (Vereine, Parteien) und sozialen Bewegungen im ganzen Staat und in seinen Provinzen ebenso wie in der Hauptstadt stets im Blick zu behalten.
 

  • Katholische Kirche und preußischer Staat in den ersten zwei Dritteln des 19. Jahrhunderts

Das Thema Konfession im 19. Jahrhundert ist einerseits ein aktuelles historisches Forschungsfeld, dieses Jahrhundert ist sogar als das "zweite Konfessionszeitalter" (Blaschke) bezeichnet worden. Andererseits wurde in jüngerer Zeit darauf hingewiesen, dass der politische Katholizismus in der Konfliktphase vor dem Kulturkampf "weiter der Bearbeitung" harrt und dass man für das Verhältnis von (protestantisch geprägtem) Staat und katholischer Kirche auf ältere Arbeiten zurückgreifen müsse.
Einerseits wird in der Forschung postuliert, dass die katholische Kirche ihre Unabhängigkeit und den "wahren Glauben" gegen die Eingriffe der Zentralgewalt bis hin zur Bildung des politischen Katholizismus schützen musste, andererseits aber argumentiert, dass der moderne preußische Staat sich gegen diese traditionelle und regionale Autorität zu verteidigen hatte. Beiden Standpunkten liegt die Interpretation der katholischen Kirche als starker Minderheit zugrunde. Hierdurch wurde die Betrachtung des Konflikts zwischen ihr und dem preußischen Staat verengt. Vor allem wurden die Phasen der Wandlung von einer passiven zur aktiven Minderheit vernachlässigt. Besonders in der Rheinprovinz und Westfalen war die katholische Kirche weitaus stärker verankert als die preußische Regierung. Ohne formelle politische Macht wuchs ihr Einfluss in der Bevölkerung ab ca. 1830 sogar noch. Diese gleichzeitige Unter- und Überlegenheit der katholischen Kirche in diesen Provinzen sowie, freilich nationalpolitisch aufgeladen, in Posen, forderte den Staat zu Reaktionen heraus.

Der spannungsreiche Prozess der Interaktion zwischen Kirche und Staat verdient eine nähere Untersuchung. Nicht zuletzt fordern die in Berlin lagernden, bisher gutenteils unausgewerteten Quellen eine solche Analyse.
 

  • Repräsentation der Monarchie in Preußen (1797–1871)

Die Spätzeit des Hofes ist in der preußischen Geschichte nach wie vor defizitär, trotz neuer Studien zu Einzelthemen. Die vorgesehene Untersuchung legt ihren thematischen Schwerpunkt vorerst auf die Reisetätigkeit der Monarchen. Im Zentrum stehen dabei die Tradition monarchischer Selbstdarstellung und Veränderungen dynastischer Symbolik, aber auch deren zeitgenössische Reflexion. Diese Ansätze sollen anhand der Quellen überprüft werden: Monarchische Repräsentation war auch im 19. Jahrhundert kein Selbstzweck. Sie diente der Festigung der Monarchie und insbesondere nach 1789 der Herrschaftslegitimation. Herrschaft und Macht wurden durch sie wahrnehmbar.

Im Untersuchungszeitraum bestand neben der sich etablierenden „bürgerlichen Öffentlichkeit" weiter eine „repräsentative Öffentlichkeit" des Hofes, so erkennbar in fortgeführten Zeremonien und Ritualen – auch wenn diese einem u. a. verfassungsrechtlichen Funktionswandel unterlagen.
In wie weit neue Zeremonien geschaffen wurden, ist ebenso zu untersuchen wie die Frage, wie es dem preußischen Königshaus gelang, auf die Herausforderungen des säkularen Wandlungsprozesses vor allem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu reagieren und welches Verhältnis der Hof zur medialen Öffentlichkeit einnahm. Es ist nicht ausgeschlossen, dass die Untersuchung um andere Bereiche der monarchischen Repräsentation erweitert wird.
 

  • Wissenschaftspolitik in der Republik. Disziplinen, Berufungen und Gesellschaft unter den Kultusministern Haenisch, Boelitz, Becker und Grimme (1918–1933)

Zunächst sollen im Sinne einer Zusammenschau zentrale Themenfelder bzw. Probleme der Wissenschaftspolitik 1918–33 aus ministerieller Sicht dargestellt werden. Fragen wie Hochschulreform und Etablierung neuer (Teil-) Fächer an Universitäten, Auslandsstudien und internationale Austauschorganisationen, vermehrte Nachwuchsförderung und soziale Lage der Hochschullehrer sind zu behandeln. Zweitens soll die Berufungspolitik in ausgewählten Disziplinen analysiert werden. In den Fokus genommen werden voraussichtlich: Geschichte, Soziologie, Pädagogik, Teilbereiche von Nationalökonomie und Rechtswissenschaft sowie die Physik. Für beide Fragenkomplexe findet sich in den kultusministeriellen Akten bzw. sonstigen zentralstaatlichen Beständen wie auch in Gelehrten- und Wissenschaftspolitiker-Nachlässen im Geheimen Staatsarchiv PK sowie Universitäts- und Akademie-Archiven aussagekräftiges Material. Aus den durch Schriftwechsel, Einzelgutachten, Fakultätslisten etc. belegten Einzelfällen sind Grundlinien der Wissenschaftspolitik zu rekonstruieren. Leitfragen lauten z. B.: Welche spezifischen Änderungen gab es gegenüber der Kaiserzeit? Welche Fächer und wissenschaftlichen Richtungen wurden gefördert? Kooperieren oder konfligieren Ministerium und Fakultäten? Welche (neuen) institutionellen und personalen Einflußfaktoren gab es? Werden Unterschiede in der Behandlung der Disziplinen erkennbar? Die Studie leistet Grundlagenforschung, denn mit der Edition von ministeriellen Aktenstücken, die in Berlin verfügbar sind, aber in manchen Universitätsarchiven auch kriegsbedingt nicht überdauerten, werden Dokumente zugänglich gemacht, auf die Forscher zu einzelnen Universitäten und Fächern zurückgreifen können.
 

  • Die Finanzierung des preußischen Kulturstaats 1817–1934

Eine Charakteristik des Kulturstaates als Kulturinterventionsstaat beinhaltet zwangsläufig auch die Fragen nach den zur Verfügung stehenden finanziellen Mitteln und nach ihrer Verteilung. Im Rahmen einer Studie werden sowohl Überblicksstatistiken zu den Kultus-Etats im gesamten Untersuchungszeitraum als auch detailliertere Zahlen zu den Umbruchsperioden 1848/50, 1864/71 und 1918/19 ermittelt. Damit können Grundproportionen und Anteile der zentralstaatlichen Finanzierung von Kultur insgesamt sowie einzelner Bereiche oder Projekte herausgearbeitet werden. Diese Ausführungen sowie Fallstudien zu verschiedenen Finanzierungsformen und -mechanismen im Verantwortungsbereich des Kultusministeriums werden mit der Edition von bisher ungedruckten Grundsatzdokumenten untermauert. Es soll versucht werden, im Sinne des weiten Kulturstaatsbegriffs nicht nur die Finanzierung aus zentralen Staatsfonds, sondern auch aus regionalen, kommunalen und privaten Mitteln einschließlich der Mitwirkung von Vereinen, Verbänden usw. zu problematisieren und außerdem die Eigenfinanzierung aufgrund von Gebühren, Spenden usw. zu berücksichtigen. Damit kann eine durch die Ausrichtung auf den Staatshaushalt gegebene etatistische Betrachtungsweise um die gesellschaftliche Perspektive erweitert werden. Unter dem Blickwinkel der Finanzen sollen Themen wie die Entwicklung der Universitäten im Gefolge der preußischen Reformen, der Konflikt mit der katholischen Kirche in den 1840er-Jahren, die Bülow’sche Deutschtumspolitik, die Etablierung bzw. Schließung von Forschungsunternehmen, Lehranstalten, Instituten oder Museen sowie die Einführung des Schulfunks betrachtet werden. Diese Aufzählung ist aber nicht endgültig, sondern wird in starkem Maße von der Ergiebigkeit der archivalischen Quellen abhängen.

 

 

 

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Dr. Johannes Thomassen
Leiter
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