Die Text- und Wissenskultur des Alten Ägypten


Das Ägyptisch-Koptische lässt sich von der frühen Schriftentwicklung um 3000 v. Chr. bis zu den spätesten koptischen Textschöpfungen im 14. Jahrhundert n. Chr. über einen Zeitraum von fast 4500 Jahren verfolgen. Ein tiefgreifender Wandel der Sprache vollzog sich in diesem Zeitraum. Neben strukturellen und lexikalischen Veränderungen unterlagen auch die Textformate und die Schriftformate großen Veränderungen. Dieser Sprachwandel des Ägyptischen vollzog sich aber nicht einfach schubweise oder in linearer Abfolge, sondern er zeigt sich in den schriftlichen Dokumenten in einer oft komplizierten Überblendung und Verschränkung sprachlicher Horizonte. Alte Sprach-, Schrift- und Textformen kamen in Ägypten nicht außer Gebrauch. Sie wurden in mehrtausendjährigen Traditionslinien präsent gehalten und dazu nicht nur archiviert sondern auch adaptiert und in jüngere Kontexte integriert. So gibt es neue Textschöpfungen in alten, traditionellen Aufzeichnungsformen ebenso wie alte Texte, die in historisch junge Schriftformate und Verwendungskontexte integriert sind. Diese Sachlage und die fragmentarische Überlieferung von Texten haben in der Ägyptologie zu Kontroversen über das Alter von Textschöpfungen und über die eindeutige Trennung von sprachlichen Horizonten geführt. Der traditionelle Forschungsansatz in der Ägyptologie, der die ägyptische Sprachentwicklung als eine diachrone Abfolge relativ klar getrennter synchroner Sprachstufen des Alt-, Mittel-, Neuägyptischen, Demotischen und Koptischen darstellt, sollte sich in Zukunft auch durch eine differenzierende Methode der Textanalyse modifizieren lassen.

Aufgaben des Projektes „Strukturen und Transformationen des Wortschatzes der ägyptischen Sprache. Text- und Wissenskultur im Alten Ägypten“


Im Fokus der Arbeit des Akademienvorhabens liegen die Aufnahme ägyptischer Texte aller Sprachstufen des Ägyptischen und ihre Zusammenführung in ein elektronisches annotiertes Corpus. Die Textschöpfungen aus dem 1. Jahrtausend v. Chr. werden besonders berücksichtigt. Um auch die jüngste Sprachstufe des Ägyptischen, das Koptische, wieder an die Erforschung dieser Sprache anzubinden, werden auch Texte aus koptisch-christlicher Zeit (1. Jahrtausend n. Chr.) in das Corpus integriert. Der Erforschung des ägyptischen Wortschatzes soll dabei eine Schlüsselrolle zukommen. Veränderungen in Wortbestand und -bedeutungen verweisen auf den Wandel von Kultur. Um dies abzubilden, werden hieroglyphische, demotische und koptische Lemmata in einem diachronen Wortthesaurus (Wörterbuch) miteinander vernetzt präsentiert. Durch die Erfassung von Texten, in denen Spezialwissen der Ägypter niedergelegt wurde – wie aus der Medizin, Mathematik und Astronomie – wird auch die Bearbeitung eines Fachwortschatzes ermöglicht, deren Entwicklung mit der Entwicklung des Allgemeinwortschatzes kontrastiert werden kann.

 

Es gibt vier Arbeitsschwerpunkte:
1. Aufbau einer Datenbasis – eines digitalen Textcorpus.
Die Berliner Arbeitsstelle wird Texte aus dem 1. Jahrtausend v. Chr. eingeben, in denen sich Neuschöpfung und Rückgriff auf ältere Texte sowie Sprachkontakte besonders zeigen und daneben ein koptisches Textcorpus mit Texten vom 4. - 10. Jhd. n. Chr. aufbauen.
Die Leipziger Arbeitsstelle widmet sich speziellen Texten, in denen die pharaonische Kultur Wissen expliziert und reflektiert, so z. B. aus der Medizin und Magie, der Mathematik und Astronomie.
2. Aufbau eines digitalen Wortthesaurus (Wörterbuches), der den Wortschatz der ägyptisch-koptischen Sprache in seinem Gesamtbestand, d. h. Ägyptisch, Demotisch und Koptisch gemeinsam darstellt und die semantischen Strukturen und Entwicklungen detailliert aufzeigt.
3. Annotation, Strukturierung und dynamische Analyse von Textcorpus und Wortthesaurus, wofür Konzepte, Formate und Prozeduren sowie technische Instrumentarien entwickelt werden. Ein Teilbereich ist die Entwicklung von Methoden zur digitalen Codierung und sinnvollen Analyse der Hieroglyphenschrift (neben der üblichen Erfassung in einer gängigen Transkription.
4. Technischen Präsentation auf einer digitalen dynamischen Publikationsplattform, die auch neuen Formaten jeweils angepasst wird. Dazu wird die in der Ägyptologie eingeführte Publikationsplattform des „Thesaurus Linguae Aegyptiae“ genutzt und weiterentwickelt.

Ziel


Das Ziel des gemeinsamen Vorhabens mit Arbeitsstellen an Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und an der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig ist es, die Gesamtheit der überlieferten ägyptischen Sprache einer differenzierenden und strukturierenden Analyse zu öffnen. Das Innovative an diesem Ansatz ist die Möglichkeit über die Grenzen der einzelnen Schriftformen hinweg zu recherchieren.
Die Ergebnisse werden in einer digitalen Forschungsplattform präsentiert, die einen neuen Umgang mit der textlich vermittelten Begriffs- und Wissenswelt der ägyptischen Kultur erlaubt. Auf ihr wird ein Gesamtbild synchroner und diachroner Wortschatzstrukturen des ägyptischen Allgemein- und Fachwortschatzes entworfen. Über die Ägyptologie hinaus werden dadurch auch der Allgemeinen Linguistik ägyptische Daten und Analysen aus den Bereichen der historischen Linguistik, diachronen Lexikologie und Sprachkontaktforschung zugeführt
 

Geschichte der ägyptologischen Lexikographie als Akademieforschung


Das Akademienvorhaben „Strukturen und Transformationen des Wortschatzes der ägyptischen Sprache. Text und Wissenskultur im alten Ägypten“ baut auf einer langen lexikographischen Tradition der in Berlin und Leipzig ansässigen Akademien der Wissenschaften auf.
Der Begründer einer modernen Lexikographie für das Ägyptische der Pharaonenzeit war Adolf Erman (1854-1937). Er legte mit seinem Berliner „Wörterbuch der ägyptischen Sprache“ (13 Bde, Leipzig-Berlin 1926-1963) die Grundlage für die Erforschung des ägyptischen Wortschatzes. Sein neuartiger Ansatz bestand darin, ein Wörterbuch nicht durch Exzerpte einzelner Textpassagen zu gewinnen, sondern es auf einer umfassenden Erschließung des damals erreichbaren Textmaterials zu gründen. Unter Ermans Leitung entstand in Zusammenarbeit mit über 80 Ägyptologen aus aller Welt das weltweit umfangreichste Archiv mit Kopien ägyptischer Texte. Dieses Belegarchiv mit 1,5 Millionen Zetteln steht noch heute neben den gedruckten Wörterbuchbänden als ein Forschungswerkzeug ersten Ranges für die Ägyptologie zur Verfügung. Durch Neufunde und neue Forschungen wurde eine Neuaufnahme der Arbeiten am Ägyptischen Wörterbuch bereits seit Mitte des 20. Jahrhunderts als ein Desiderat in der internationalen Ägyptologie empfunden.

Die Neubearbeitung des ägyptischen Wörterbuches seit 1992

 

Mit der Einrichtung des Akademienvorhabens „Altägyptisches Wörterbuch“ im Jahre 1992 hat sich die BBAW dieser Aufgabe gestellt. Durch die Schaffung eines nunmehr elektronischen Textcorpus und der Verknüpfung von Textcorpus und lexikalischem Wortthesaurus konnte Ermans strikter Rückgriff auf die zugrundeliegenden Textquellen eines Wörterbuchs erstmals vollständig realisiert werden.
Durch Kooperationen mit anderen Projektgruppen konnten umfangreiche Teilcorpora erstellt werden. Ab 1999 wurden an der SAW „Literarische Texte“ und ab 2000 an der Akademie der Wissenschaften und der Literatur (Mainz) eine „Demotische Textdatenbank“ bearbeitet. Weitere Teilcorpora wurden vom „Totenbuchprojekt “ der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste, vom Projekt „Digital Heka“ der Leipziger Universität sowie vom Projekt „Leuven online index of ptolemaic and roman Hieroglyphic Texts “ von der Katholieke Universiteit Leuven zur Verfügung gestellt. Die Texte des „Edfu Projektes “ der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen wurden 2012 in das Gesamtcorpus integriert.

Projektdarstellung
Thesaurus Linguae Aegyptiae

Der „Thesaurus Linguae Aegyptiae“ - die Publikationsplattform ägyptischer Textcorpora


Innerhalb der Laufzeit des Vorhabens „Altägyptisches Wörterbuch“ (1992 bis 2012) wurde eine internetfähige Version der Textdatenbank entwickelt. Auf dieser Publikationsplattform - dem „Thesaurus Linguae Aegyptiae“ (TLA) - wurden seit 2004 jährlich neue Versionen des Textcorpus veröffentlicht, so dass zu Projektende im Dezember 2012 ein Gesamtcorpus mit 1.120.000 Textwörtern im Netz stand. Durch die Verknüpfung von linguistisch annotiertem Textcorpus und Wortthesaurus lassen sich Spezial- und Teilwörterbücher oder Indizes von Texten und Textgruppen erstellen. Recherchen zum kombinierten Auftreten zweier Wörter sowie einige im System implementierte corpuslinguistische Analyseverfahren wie die Kollokationsanalyse und die Schlüsselwortanalyse bieten neuartige Forschungswerkzeuge für die Ägyptologie und interessierte Nachbardisziplinen. Außerdem sind Recherchen nach hieroglyphischen Wortschreibungen innerhalb des Wortthesaurus im Internet ermöglicht worden. Der „Thesaurus Linguae Aegyptiae“ bietet auch den direkten Zugang zum wertvollen alten Zettelarchiv, das als „Digitalisiertes Zettelarchiv“ seit 1999 bereits separat im Internet zur Verfügung gestellt und dann 2004 in die neue Plattform des TLA integriert wurde.

 

Mit dieser Publikationsplattform sind neue Forschungsansätze und Aufgabenstellungen in den Blick gerückt. Das Projekt „Strukturen und Transformationen des Wortschatzes der ägyptischen Sprache“ baut auf der materiell-technischen Basis sowie den Strukturen und Funktionalitäten dieses Forschungswerkzeuges auf und publiziert seine Ergebnisse im Rahmen neuer Versionen des „Thesaurus Linguae Aegyptiae“ regelmäßig in jährlichen Versionen.

Kontakt
Dr. Daniel Werning
Arbeitsstellenleiter
Strukturen und Transformationen des Wortschatzes der Ägyptischen Sprache
Tel.: +49 (0)30 20370 447
daniel.werning(at)bbaw.de 
Unter den Linden 8
10117 Berlin
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