Emil Stumpp: Gesichter einer untergehenden Republik

Ein Kurzfilm zum vergessenen Künstler

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Zeichnungen des Künstlers Emil Stumpp

Gesichter einer untergehenden Republik

Artikel aus der Neuen Pariser Zeitung, 22. Juni 1929
Abb. 1: „Stresemann in Paris“, Artikel aus der Neuen Pariser Zeitung, 22. Juni
1929, zeigt, wie die Lithografien des Künstlers in Zeitungsartikel eingebunden waren
Quelle: Archiv der BBAW, Sammlung Emil Stumpp
Porträt des Philologen Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff (1928)
Abb. 2: Porträt des Philologen Ulrich von
Wilamowitz-Moellendorff (1928)
Quelle: Archiv der BBAW, Sammlung Emil Stumpp
Porträt des Philologen Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff (1928)
Abb. 3: Porträt des Philologen Ulrich von
Wilamowitz-Moellendorff (1928)
Quelle: Archiv der BBAW, Sammlung Emil Stumpp
Porträt der Tänzerin Tatjana Barbakoff (1924)
Abb. 4: Porträt der Tänzerin Tatjana Barbakoff (1924)
Quelle: Archiv der BBAW, Sammlung Emil Stumpp
Selbstporträt des Künstlers mit seiner Tochter Hilde (1923)
Abb. 5: Selbstporträt des Künstlers mit seiner Tochter Hilde (1923)
Quelle: Archiv der BBAW, Sammlung Emil Stumpp

von Lucy Ruth Salmon

 

Emil Stumpp zeichnete die prägenden Köpfe der Weimarer Republik – bis das NS-Regime sein Leben zerstörte: der Arbeit beraubt, entrechtet, in Haft gestorben. Heute soll sein Werk wieder studiert werden: Im Archiv der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften bewahren 275 Zeichnungen das Andenken an den Chronisten einer untergehenden Welt.

Ob die tief gerunzelte Stirn eines Nobelpreisträgers oder die träumerischen Bewegungen einer Tänzerin, der Künstler Emil Stumpp zeichne alles mit einem „unbestechlichen Blick“[1]. So befand es der Schriftsteller Paul Enderling im Jahr 1928. Das stellen auch die 275 Werke unter Beweis, die sich heute im Archiv der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften befinden. Genauer handelt es sich um 151 Porträts, 28 Selbstbildnisse, 67 Aktdarstellungen und weitere Landschafts- wie Architekturzeichnungen. Der Sammler Sebastian Murken schenkte sie der Akademie im Juni des Jahres 2025.

Heute ist der Künstler kaum bekannt. Doch zu seinen Lebzeiten in der Weimarer Republik war Stumpp ein gefeierter Pressezeichner. Er porträtierte Persönlichkeiten aus der Wissenschaft, Politik, den Künsten oder dem Sport. Verschiedene Redaktionen verwendeten die Nachdrucke seiner Werke, um ihre Artikel zu bebildern. Käthe Kollwitz, Albert Einstein, Thomas Mann und Otto Dix gehören zu den Namen, deren Gesichter der Künstler genau beobachtete und zeichnerisch interpretierte. „Stumpp ist der Porträtist unserer Zeit“, schrieb Schriftsteller Paul Enderling 1928 in einem Zeitschriftentext über das Schaffen seines Freundes. „Er, der persönlich im Motortempo durch Europa reist, ein Ahasver der Graphik, sucht unser vibrierendes, unerhört vielgestaltiges Leben in seinen Brennpunkten auf.“[2] So besuchte Stumpp Orte, an denen das Fotografieren unerwünscht war: Er nahm etwa an Pressebesprechungen teil, um Politiker, wie den damaligen Reichskanzler Gustav Stresemann, darzustellen (Abb. 1). Oder er saß im Theaterpublikum, um berühmte Schauspieler:innen zu porträtieren. Daneben suchte Stumpp den Kontakt zu bekannten Gesichtern und ließ sich von seinen Redaktionen Reisen durch Europa und nach Nordamerika finanzieren. So erwischte er beispielsweise Thomas Mann bei einem Bankett nach seiner Vorlesung. Oder er zeichnete den norwegischen Maler Edward Munch, nachdem er nach Norwegen gereist war und bei ihm auf gut Glück an die Tür geklopft hatte.[3]

Doch dann folgte die Machtergreifung der NSDAP. Und seine große Karriere nahm schlagartig ein Ende. Im „General-Anzeiger für Dortmund“ hatte Stumpp am 20. April 1933 zum Anlass des sogenannten „Führertages“ ein Porträt von Adolf Hitler veröffentlicht, der gerade zum Reichskanzler ernannt worden war. Die Zeichnung, eine Lithografie unter dem Titel „Dem Kanzler zum Gruß“, zeigte den Reichskanzler im Profil. Stumpp hatte die Züge etwas verstärkt. Die NSDAP warf der Zeitung und dem Künstler eine „offensichtliche Verhöhnung des Volkskanzlers“ vor, denn die Zeichnung zeige den Führer „mit niedriger Stirn, fliehendem Kinn und einem Gesichtsausdruck, der auf niedrige Instinkte hinweist.“[4] Der „General-Anzeiger“ wurde sofort eingestampft. Schon am nächsten Tag erschien an seiner Stelle die „Westfälische Landeszeitung – Rote Erde” mit neuem Hakenkreuz-Logo und aus Sicht der NSDAP schmeichelhafterem Foto des Reichkanzlers.[5] Stumpp erhielt ein Berufsverbot und wurde aus der Reichspressekammer ausgeschlossen. Seiner Existenzmöglichkeiten beraubt, bemühte sich Stumpp, mit Aquarellen und Landschaftszeichnungen seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Er verkaufte seine Kunst im Ausland, reiste durch Europa und Skandinavien.

Im Februar 1940 kehrte er nach Deutschland zurück, da seine Tochter Hilde an einer Hirnhautentzündung erkrankt war. Doch er war zu spät, um sie noch lebend zu sehen. Als er nach der Beerdigung versuchte, das Land wieder zu verlassen, wurde ihm verweigert, seinen Pass zu verlängern, und er konnte nicht ausreisen. Am 2. Oktober verhafteten ihn die Nationalsozialisten und sperrten ihn in ein Gefängnis in Memel. Dort überlebte Stumpp nur ein Jahr. Er litt unter Hunger, chronischen Darmleiden und schließlich einer Lungenentzündung, an der er im April 1941 verstarb.

Dass die Emil-Stumpp-Sammlung sich nun im Archiv der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften befindet, schafft neue Möglichkeiten, sich mit der Geschichte des Künstlers und mit der Geschichte der Akademie auseinanderzusetzen. Sie erlaubt einen Einblick in das Schaffen des Künstlers und seinen Arbeitsprozess. Außerdem bietet sie eine außergewöhnliche Dichte an Porträts bekannter Gesichter aus der Forschung.

Emil Stumpp selbst schrieb in einem Ausstellungstext: Wenn er seine „Mappe mit der Ausbeute von ,Köpfen‘ zeige, […] wirken am meisten die Bildnisse aus dem Bereich des eigenen Schaffensgebietes. Die Dichter wollen Dichterbildnisse, Musiker die von Musikern sehen.“[6] So ist es naheliegend, zunächst eine Zeichnung eines Akademiemitglieds der damaligen Preußischen Akademie der Wissenschaften vorzustellen. In der Sammlung befinden sich zwei Porträts des klassischen Philologen Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff (Abb. 2 und 3), der als ordentliches Mitglied besonders das bis heute laufende Akademienvorhaben „Inscriptiones Graecae“ prägte. 

Den starren Blick des Philologen zeichnet Stumpp gleich zweimal: im Profil und in einer Dreiviertelperspektive. Er stellt jeweils nur den Kopf dar. Den hohen Kragen und das Jackett deutet er nur durch wenige flüchtige Kreidestriche an. Während er die äußeren Konturen des Kopfes vom Künstler dunkel umrandet, tanzen auf der Haut zarte geschwungene Linien, die die Konturierung seines Gesichts wiedergeben. Unterzeichnet hat Stumpp das Porträt in der rechten unteren Ecke auf Schulterhöhe. Er notierte das Jahr „‘28“. Die untere Kante des Blattes lässt der Künstler von Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff selbst signieren.

Das reflektiert die Praxis des Künstlers. Meistens zeichnet er in schnellem Tempo den Kopf einer Person in unterschiedlichen Ansichten. Dafür benötigt er oft nur eine knappe Viertelstunde.[7] Anschließend lässt er das Porträt von der dargestellten Person unterzeichnen. 

Stumpps Bilder waren sehr gefragt. Nach dem Zeichnen wanderten seine Werke in die Druckerwerkstatt, mit der er zusammenarbeitete. Diese vervielfältigte seine Zeichnungen als Lithografien, damit seine Sekretärinnen sie an verschiedene Zeitungsredaktionen verschicken konnten.[8] In der Sammlung der Akademie befinden sich auch einige solcher Lithografien und sogar Zeitungsartikel. Sie zeigen, wie seine Zeichnungen in ein Zeitungsblatt eingebettet wurden (Abb. 1). 

Doch er zeichnete nicht nur „Köpfe“. Stumpps Mappen sind ebenso gefüllt mit Landschaftszeichnungen, Aktdarstellungen und Ganzkörperporträts. Ein weiteres Werk aus der Sammlung zeigt die Tänzerin Tatjana Barbakoff im Jahr 1924 im Ganzkörperformat (Abb. 4). Sie dreht ihren Kopf mit geschlossenen Augen von den Betrachtenden weg. Ihre erhobenen Arme scheinen durch tänzerische Schwingungen Linien in die Luft gezeichnet zu haben. Die Form des langen Gewands deutet Stumpp durch schweifende Kreidestriche an. Vor allem die streng zurückgelegten, kohlschwarzen Haare und das im Tanz versunkene Gesicht ziehen in den Bann. Rezensionen ihrer Aufführungen beschreiben genau diese Qualitäten der Tänzerin. Sie sei „so ganz ohne jeden Willen mit uns im Zuschauerraum in Verbindung zu treten. Und ihre Tänze waren Träume, auch zauberische Brücken, von Stille zu Stille geschlagen.“[9]

Tatjana Barbakoff war Tochter einer chinesischen Mutter und eines russisch-jüdischen Vaters. In ihren Auftritten kombinierte sie ihre Kenntnisse aus dem klassischen Ballett mit Einflüssen ihrer chinesischen Herkunft und Bezügen zur zeitgenössischen Kunst. Doch auch Barbakoff ist heute kaum noch bekannt. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten muss sie als Jüdin nach Frankreich fliehen. Im Februar 1944 wurde sie nach Auschwitz deportiert und in der Gaskammer ermordet. Es blieben von ihren Auftritten keine Filmaufnahmen oder Tonmitschnitte – nicht einmal eigene Niederschriften sind von Barbakoff bekannt. Nur noch Rezensionen und Porträts sind heute erhalten. So dokumentiert das Porträt von Stumpp die träumerische Kunst der Tänzerin, wie sie noch 1924 zu erleben war. Die Zeichnung hält ein künstlerisches Talent fest, das in der NS-Zeit vernichtet wurde und in Vergessenheit geraten ist.

Als Chronist mit Kreide und Papier beobachtete und porträtierte Emil Stumpp verschiedenste Persönlichkeiten der Zeit. Die Schenkung seiner Bilder eröffnet neue Perspektiven auf die Weimarer Republik – und auf das Werk eines Künstlers, dessen „unbestechlicher“ Blick die Gesichter einer zu Ende gehenden Epoche festhielt.


 


[1] ENDERLING, Paul: Emil Stumpp, in: Die Graphischen Künste 51, 1928, S. 56–64.

[2] Ebd.

[3] Im Artikel „Emil Stumpp: Köpfe: Zur Eröffnung der Emil Stumpp-Ausstellung“ beschreibt er seine Reise nach Norwegen und sein treffen mit Edward Munch. STUMPP, Emil: Köpfe: Zur Eröffnung der Emil Stumpp-Ausstellung (Rathaussaal), in: General-Anzeiger für Dortmund und das Gesamte rheinisch-westfälische Industriegebiet, 93. Aufl., 03.04.1931, Zeitungsartikel aus der Sammlung des BBAWArchivs.

[4] General Anzeiger für Dortmund, 45. Jg., Nr. 108, 21.4.1933, S. 1.

[5] DELKUS, Horst: Das Deutsche Exilarchiv öffnet den Nachlass und das künstlerische Archiv von Emil Stumpp, in: Nordstadtblogger, 09.02.2025, www.nordstadtblogger.de/das-deutsche-exilarchiv-oeffnet-den-nachlass-und-das-kuenstlerische-archiv-von-emilstumpp/  (letzter Zugriff: 6. Oktober 2025).

[6] STUMPP, Emil: Köpfe: Zur Eröffnung der Emil Stumpp-Ausstellung (Rathaussaal), in: General-Anzeiger für Dortmund und das Gesamte rheinisch-westfälische Industriegebiet, 93. Aufl., 03.04.1931, Zeitungsartikel aus der Sammlung des BBAW-Archivs.

[7] So schrieb er es selbst in einem Artikel, der zu seiner Ausstellung erscheint. STUMPP, Emil: Emil Stumpp und seine Köpfe, in: Nürnberger Zeitung, 28.05.1932, Artikel aus der Sammlung des BBAW-Archivs. 

[8] vgl. LÜTGEMEIER-DAVIN, Reinhold: Köpfe der Friedensbewegung (1914 – 1933): Gesehen von dem Pressezeichner Emil Stumpp, Essen, Deutschland: Klartext Verlag, 2016, S. 28.

[9] Zitiert in ROEDER, Etienne: Tänzerin Tatjana Barbakoff – Porträt einer vergessenen Frau, in: Deutschlandfunk Kultur, 03.06.2015, www.deutschlandfunkkultur.de/taenzerin-tatjana-barbakoff-portraet-einer-vergessenen-frau-100.html  (letzter Zugriff: 6. Oktober 2025).