Amtswechsel
Dieter Simon übergibt des Amt des Präsidenten der Akademie an Günter Stock

Einlaß NUR mit Einladung

09. Dezember 2005

Akademiegebäude
Leibniz-Saal

Amtswechsel in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften

9. Dezember 2005

 

Grußansprache des Senators für Wissenschaft, Forschung und Kultur, Thomas Flierl

 

Es gilt das gesprochene Wort!

 

 

Sehr geehrter Herr Professor Simon,

sehr geehrter Herr Professor Stock,

sehr geehrte Damen und Herren,

 

jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, jeder Amtswechsel drängt zur Rückschau und zum Ausblick der Akteure und Beobachter.

Der Senator für Wissenschaft, Forschung und Kultur hat angesichts der autonomen Verfasstheit der Berlin-Brandenburgischen Akademie in der Regel wenig Gelegenheit, sich vor den Mitgliedern der Akademie zur Arbeit der Akademie zu äußern.

Der heutige Amtswechsel bietet eine solche, und ich möchte sie nutzen.

Ich will dies im Wesentlichen als an der Arbeit der Akademie interessierter Beobachter tun, auch wenn ich mich bisweilen aufgrund des zwischen Berlin und Brandenburg abgeschlossenen Staatsvertrags über die Berlin-Brandenburgische Akademie in der Rolle einer Rechtsaufsicht befinde.

Fragen, wie sie seinerzeit der preußische König Friedrich II - so wird berichtet - an die Akademie gerichtet hat, weshalb etwa ein mit Champagner gefülltes Glas einen reineren Klang gäbe als ein mit Burgunder gefülltes Glas, sind deshalb von mir heute nicht zu erwarten.

Vermutlich würden Sie ohnehin ähnlich wie damals Professur Sulzer, der im Namen des Kollegiums sprach, erklären: "Die Lösung wäre nur aufgrund eines Experiments möglich. Die Mitglieder der Akademie sehen sich jedoch bei ihrer geringen Besoldung außerstande, einen so kostspieligen Versuch anzustellen."

Die Neukonstituierung der 1700 als Kurfürstlich-Brandenburgische Sozietät gegründeten Akademie der Wissenschaften in Form der Berlin-Brandenburgischen Akademie im Jahre 1992 fand in dem Bewusstsein statt, dass es neben den Hochschulen, den außeruniversitären Forschungsinstituten und den Forschungsförderorganisationen auch wissenschaftliche Einrichtungen geben muss, in denen der beste wissenschaftliche Sachverstand aller Fachdisziplinen zusammengeführt wird.

Dieser solle zu Fragen von besonderer wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Bedeutung - so die Erwartung - den wissenschaftlichen Erkenntnisstand feststellen, ihn bewerten, prospektivisch verarbeiten und ihn gleichzeitig verständlich und überzeugend öffentlich darstellen.

Voraussetzung dafür ist wohl, dass die von Friedrich Schleiermacher beschriebene Hoffnung auf produktiven Wechsel zwischen dem "Eifer für das besondere Fach" und "dem Ganzen", dem sich die Akademiemitglieder verbunden fühlen, Realität wird.

Grundlage für die Erfüllung der Erwartungen ist aber auch, dass die Berlin-Brandenburgische Akademie vor allem als "Arbeitsakademie" konzipiert wurde.

Sie, sehr geehrter Herr Professor Simon, haben in Ihrem 1999 verfassten Brevier "Akademie der Wissenschaften - Das Berliner Projekt"  geschrieben, die Berlin-Brandenburgische Akademie solle sich zu einer unverwechselbaren wissenschaftlichen Einrichtung an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Politik, Wirtschaft und Öffentlichkeit entwickeln.

Wichtig erscheinen mir hierbei die Beobachter- und Moderatorenrolle und die Funktion eines wissenschaftlichen Forums zur Zusammenführung und dichten Vernetzung vorhandenen Wissens.

Ihre Gedanken haben die Arbeitsgruppe "Ideale Akademie" angeregt, sie hat diese aufgenommen und fortgeführt, Ihrer Überzeugung, Herr Professor Simon, folgend:

"Wer die ideale Akademie sucht, muss bei den realen Akademien beginnen" und "Die Ahnung des Vollkommenen wächst aus der Anschauung des Gegebenen und der Kenntnis des Vergangenen"

Anrede,

Lassen Sie uns also das "Gegebene" anschauen und uns an "das Vergangene" erinnern: Ich denke, das Ergebnis der Arbeit kann sich sehen lassen.

Schaut man auf die Vielzahl an Arbeitsgruppen und wissenschaftlichen Initiativen, so können sie zu Recht als sichtbares Zeichen einer fruchtbaren Arbeit in einem breiten wissenschaftlichen und wissenschaftspolitischen Spektrum gelten. Beispielhaft darf ich die Arbeitsgruppen "Gemeinsinn und Gemeinwohl", "Sprache des Rechts", den "Gentechnologiebericht" und "Gesundheitsstandards" nennen.

Für besonders erwähnenswert halte ich auch die Langzeitvorhaben, die insbesondere hinsichtlich ihrer Begründetheit und Effizienz immer wieder unter Kritik standen. Ich sehe hier die Berlin-Brandenburgische Akademie in einer Vorreiterrolle zur Modernisierung dieser Art von Vorhaben in Deutschland.

Der Wissenschaftsrat hat wesentliche Impulse zur Weiterentwicklung des Akademienprogramms und zur "Errichtung der Nationalakademie" auch aus den Reihen der Akademiemitglieder, insbesondere aber von Ihnen, Herr Professor Simon, erhalten.

Auch akademieintern finden strukturelle Veränderungen statt. Die Diskussion der Vergangenheit mündete in einer Verfassungsreform, die ihrerseits nun zu einer Steigerung der Produktivität der Akademie führen soll.

An dieser Stelle will ich auch die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses hervorheben. Die gemeinsam mit der Leopoldina getragene Initiative zur Gründung der "Jungen Akademie" halte ich für beispielgebend.

Wichtig erscheint mir schließlich auch die Öffnung der BBAW für ein wissenschaftsinteressiertes Publikum. Hier möchte ich lediglich an den in diesem Jahr veranstalteten Einstein-Salon und dem Hannah-Arendt-Abend erinnern.

Dennoch ist auch die Berlin-Brandenburgische Akademie gut beraten, ihre Arbeit immer wieder einer selbstkritischen Analyse zu unterziehen.

Erlauben Sie mir, mich dazu mit einigen wenigen Gedanken zu äußern.

Aus meiner Sicht gibt es durchaus noch Möglichkeiten, mit Politik und Gesellschaft in noch stärkerem Maße ins Gespräch zu kommen, als dies bisher von der Berlin-Brandenburgischen Akademie wahrgenommen wurde.

Der geplante Senat könnte dazu zu gegebener Zeit einen Beitrag leisten - erschöpfen sollte sich der Dialog darin nicht.

Den Dialog der Akademie mit der Politik halte ich bisweilen für einseitig, insbesondere dann, wenn erwartet wird, dass die Politik unhinterfragt umsetzen soll, was die Berlin-Brandenburgische Akademie beschlossen hat. Das untergräbt nicht nur elementare Voraussetzungen für den Dialog, sondern wird auch demokratischen Spielregeln nicht gerecht. (Ich denke hierbei an die Akademieverfassungsreform per Änderungsstaatsvertrag, der von den Wissenschaftsministerien Berlins und Brandenburgs vorbereitet, zwischen den Regierungen der beiden Länder abgeschlossen und von den Parlamenten in Ländergesetze umgesetzt werden soll.)

Ich würde mir ferner wünschen, dass die Berlin-Brandenburgische Akademie für die von ihr diskutierten oder notwendig zu diskutierenden Themen mehr als bisher Öffentlichkeit herstellt.

Um Missverständnissen vorzubeugen, möchte ich vorausschicken, dass das aus meiner Sicht kein Problem der Öffentlichkeitsarbeit im engeren Sinne ist, die mit der Einrichtung der Stelle eines Pressesprechers gelöst werden könnte. Es geht mir vielmehr um das durch die Akademiemitglieder selbst öffentlich zu machende Engagement der Akademie zur Lösung wichtiger wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Fragen, das über die Persönlichkeit des Wissenschaftlers Glaubwürdigkeit und Gehör erhält.

Daraus wird - so meine Überzeugung - eine Wirkung erzeugt, die die Bereitschaft wichtiger und wünschenswerter Partner zum Dialog mit der Akademie wachsen lässt. Zum anderen entstünde auch nicht der Eindruck, die Berlin-Brandenburgische Akademie hätte nur einen Präsidenten und wenige Mitglieder.

Ein aktuelles Beispiel für eine öffentliche Positionierung von Mitgliedern der Akademie ist das kürzlich vorgestellte "Manifest Geisteswissenschaften", das auf eine breite öffentliche Resonanz gestoßen ist.

Auch wenn die Rückmeldungen im Wesentlichen kritisch waren, eröffnet sich damit jedenfalls die Chance eines breiter angelegten und vertieften Diskussionsprozesses unter den Mitgliedern der BBAW aber auch darüber hinaus - etwa im Wissenschaftsrat.

Anrede,

Lassen Sie mich ein Fazit ziehen:

Der Berliner Senat begrüßt außerordentlich, dass es der Berlin-Brandenburgischen Akademie unter Ihrer Präsidentschaft, Herr Professor Simon, gelungen ist, sich als Akademie in der Haupt- und Wissenschaftsstadt Berlin und in der Nachfolge der Preußischen Akademie sichtlich weiter zu qualifizieren und positionieren.

Die Akademie ist dafür von den Ländern Berlin und Brandenburg auch unter schwierigsten Haushaltsbedingungen finanziell auskömmlich ausgestattet worden. Ich gehe davon aus, dass mit der Optimierung der Gremienstruktur auch eine Überprüfung der Effizienz der sie unterstützenden Akademie-Administration einhergeht, damit Forschungsmittel in Zukunft nur für die Forschung im Sinne einer Arbeitsakademie verwendet werden.

In diesem Sinne wünsche ich uns eine Akademie, die das enorme Wissenspotential ihrer Mitglieder thematisch zusammenführt, quasi "destilliert" und der Öffentlichkeit präsentiert.

Ich darf Ihnen, sehr geehrter Herr Simon, für Ihre Arbeit als Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften danken und Ihnen für die Zukunft Gesundheit wünschen.

Ich bin sicher, sie bleiben Ihrer Akademie verbunden und unterstützen sie weiterhin.

Ihnen, Herr Professor Stock, wünsche ich für Ihre Amtszeit Gesundheit, Kraft, Ausdauer und gutes Gelingen.

Ihnen allen danke ich für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche Ihrer Veranstaltung einen guten Verlauf.

Amtswechsel in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften

9. Dezember 2005

 

Nach zehn Jahren übergibt Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Dieter Simon

das Amt des Präsidenten der Berlin-Brandenburgischen

Akademie der Wissenschaften an Prof. Dr. Dr. h. c. Günter Stock.

 

Ansprache Günter Stock

 

Es gilt das gesprochene Wort!

 

 

Sehr geehrte Frau Ministerin Wanka,

sehr geehrter Herr Staatssekretär Husung,

Exzellenzen,

sehr geehrte Präsidenten,

lieber Herr Simon,

liebe Kolleginnen und Kollegen,

meine sehr verehrten Damen und Herren,

 

eine Zwischenphase geht zu Ende, kalendarisch nicht exakt mit diesem Tag, aber doch mit diesem feierlichen Akt.

Professor Dieter Simon scheidet aus dem Amt des Präsidenten der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften aus, und ich versuche, in dieses Amt hineinzuwachsen. Nun ist es ja nicht so, daß alles schlagartig gegangen wäre. Aufgrund meiner Verpflichtungen bei meinem derzeitigen Arbeitgeber, der Schering AG, waren wir gezwungen, den Amtsübergang in mindestens zwei Etappen zu vollziehen. Ich fand es übrigens, wenn ich das an dieser Stelle so sagen darf, außerordentlich angenehm, wie Dieter Simon diese auch für ihn nicht ganz einfache Zwischensituation gemeistert, wie er mich an besonderen Stellen behutsam in das Amt eingeführt hat, aber wie er auch an manchen Stellen sehen wollte, wie ich das eine oder andere tue. Obwohl er bei bestimmten Dingen eventuell eine andere Entscheidung erwartet hatte, hat er mir die Freundschaft gleichwohl nicht aufgekündigt. Meine ersten Schritte in der Akademie wurden allerdings auch durch die angenehme Atmosphäre erleichtert, die in der Umgebung des Präsidenten herrscht, die er mit aufgebaut und geprägt hat und die natürlich zuvörderst etwas mit den handelnden Personen zu tun hat. Dafür bin ich ebenfalls sehr dankbar.

Lassen Sie mich ein wenig über meinen Amtsvorgänger, Herrn Professor Simon, sprechen. Beeindruckt hat mich eine Aussage von ihm, die Konrad Adam am 7. Juni 2005 anläßlich des 70. Geburtstages von Dieter Simon in einem Artikel in der „Welt“ aufgenommen und zitiert hat: „[Dieter Simon] hat seine Einstellung zur Welt einmal als ‚den Weg des als ob’ beschrieben: Man lebt, als ob man niemals sterben müßte; man plant, als ob der Plan in Erfüllung gehen könnte; man arbeitet, als ob man an den Erfolg der Sache glaubte […]“. Eine bemerkenswerte Hypothese, so denke ich, wenn man sich anschaut, was der scheidende Präsident unserer Akademie bewirkt hat. Nach einer exzellenten Wissenschaftskarriere als Inhaber des Lehrstuhls für Zivilrecht und Römisches Recht an der Universität in Frankfurt am Main und am dortigen Max-Planck-Institut für europäische Rechtsgeschichte, fiel ihm schließlich die Aufgabe zu, den Wissenschaftsrat in seiner bislang wohl bewegtesten und schwierigsten Zeit, nämlich der Wiedervereinigung, zu führen, bevor er 1995 dann als Nachfolger des Gründungspräsidenten Hubert Markl zum Präsidenten der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften gewählt wurde. Ein Leben, ein Arbeitsleben, in dem vieles gelang – ein Leben, in dem Dieter Simon zur öffentlichen Person wurde.

Das Wort von Dieter Simon hat Gewicht, ist gefürchtet und bereitet sprachliches und intellektuelles Vergnügen – oftmals in einer Weise, daß alle drei Elemente zusammenkommen. Wem sonst in unserer Wissenschaftslandschaft wäre dieses gelungen ! Offensichtlich ist das von Dieter Simon „als ob Getane“ in der Realität gewichtiger, als das von vielen Leuten, vielen Kollegen angestrebte tatsächliche Ergebnis, das in seiner Wirkung und in seiner Bilanzierung dann doch nur „ein als ob“ gewesen war.

Für mich ist diese Einstellung des „als ob“ Schutzschild und zugleich Mittel zur Distanzgewinnung. Nur, wer es wie Dieter Simon versteht, zum aktuellen Tun immer wieder Distanz zu gewinnen, ist wohl in der Lage, so viel Freude am Wort zu entwickeln, wo es doch die Tat ist, die zählt.

Diese Distanz ist es auch, die es Dieter Simon erlaubt hat, unmittelbar nach seinen Bemühungen als Vorsitzender des Wissenschaftsrates um die Wiedervereinigung des wissenschaftlichen Deutschlands eine kritische Bilanz zu ziehen, die in der Frage gipfelte, „wie denn ein selbst reformbedürftiges (westdeutsches) System Vorbild für eine Neuordnung des gesamtdeutschen Systems werden könne“. Eine irritierende, aber gleichzeitig notwendige Distanzierung, die zugleich auch selbstkritische Analyse ist. Diese selbst gegebene und selbst verordnete Freiheit war es wohl auch, die Dieter Simon in die Lage versetzt hat, unsere Akademie, der er seit dem 1. Oktober 1995 als Präsident vorstand, zu einer weithin sichtbaren und veritablen Arbeitsakademie zu entwickeln. Eine Akademie, die seit vielen Jahren eine besondere Rolle im Akademiensystem der Bundesrepublik spielt und diese Position in der Hauptstadt bewußt, aber auch mit großer Verantwortung gestaltet.

Die nicht immer leichte Balance zwischen der Betreuung relevanter, wissenschaftlicher Exzellenz verpflichteten Langzeitvorhaben einerseits und der Hinwendung zu aktuellen Fragestellungen andererseits sowie das Wirksamwerden im öffentlichen Raum sind Dinge, die von Dieter Simon angestoßen, begleitet und virtuos in der Öffentlichkeit vertreten wurden. Seine Freude am sprachlichen und intellektuellen Aperçu, seine Gründlichkeit in der Analyse, seine Stringenz in der Argumentation, aber auch die Empathie für Themen und Menschen sind bei Dieter Simon eine einzigartige Symbiose eingegangen: Die von ihm angesteuerte Verfassungsreform der Akademie, die hoffentlich demnächst zu einem Abschluß kommen wird, sofern sie von den Trägern der Akademie per Gesetz bestätigt wird, die fachliche Profilschärfung und Vernetzung unserer Akademie mit in- und ausländischen, aber auch regionalen wissenschaftlichen Institutionen und Organisationen, die Etablierung Interdisziplinärer Arbeitsgruppen mit der Kompetenz zur Beratung wichtiger gesellschaftlicher Gruppen, die gemeinsam mit der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina gelungene Gründung der Jungen Akademie, vor allem auch die engagierten und weithin sichtbaren Veranstaltungsreihen und Foren unserer Akademie tragen seine Handschrift.

Mit Dieter Simon scheidet ein Akademiepräsident aus dem Amt, der wie nur wenige in der Wissenschaftslandschaft herausragt und der die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften im allgemeinen und öffentlichen Bewußtsein breit verankert hat. Wenn wir ihn jetzt nach zwei Amtsperioden verabschieden, dann tun wir dieses in großer Dankbarkeit und mit großem Respekt für das, was er für uns geleistet hat. Zugleich hoffen wir, daß es ihm gelingt, auch in dieser ganz speziellen Situation sein Prinzip des „als ob“ er in den Ruhestand ginge, verwirklichen zu können. Wir wünschen uns von ihm Zwischenrufe, Gegenworte, Empathie und Sympathie für unseren weiteren Weg, und wir wünschen ihm Gesundheit, Muße, Lebensfreude und wenig Anlaß zu „heiligem Zorn“.

 

Nun lassen Sie mich dem zuwenden, was vor uns liegt: Ich hatte ja bereits anläßlich der diesjährigen Festsitzung zum Leibniztag der Akademie am 25. Juni ein wenig von dem skizziert und erklärt, was mir für die Zukunft vorschwebt. Ich werde heute keine neuen Ziele definieren können, denn die bereits genannten sind für meine Begriffe nicht nur richtig, sondern, wie ich mittlerweile stärker merke, auch anspruchsvoll, sogar anspruchsvoller, als ich zunächst dachte: Die Ernsthaftigkeit, ja Heftigkeit, mit der sich die Leopoldina in Richtung einer nationalen Akademie bewegt, die neuen vorwärtsdrängenden Töne, welche man aus der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften hört, die sich durch Neuwahl einiger Akademiepräsidenten verjüngt und verändert – all dieses zeigt, daß die Akademienlandschaft in der Bundesrepublik dabei ist, sich möglicherweise grundlegend zu ändern. Ein gutes Zeichen.

Das Drängen unserer europäischen und internationalen Nachbarn nach einer deutschen Stimme im europäischen und weltweiten Akademienverbund, die täglich zunehmende, mit Händen greifbare Not, für die großen Fragen der Zukunft ehrlichen und am Stand der Wissenschaft orientierten Rat für Bürger und Politik zu finden, all dieses hat sich in den vergangenen Monaten nicht abgeschwächt, sondern im Gegenteil – es hat sich verstärkt.

D. h. die Notwendigkeit, hier eine Position zu finden, die Notwendigkeit, sich der Verantwortung und Verpflichtung bewußt zu sein, die die wissenschaftliche Elite – und dazu gehören Akademien – nicht nur, aber eben auch hat, in besonderer Weise bewußt zu machen und daraus Konsequenzen abzuleiten, ist noch einmal gewachsen.

Ein organisatorischer Streit wäre zum jetzigen Zeitpunkt falsch. Vielmehr sind wir hier alle gefragt, wenn wir nicht Gefahr laufen wollen, daß auch in Zukunft, wie es ja heute schon geschieht, der gut organisierte Rat der Royal Society in London viele unserer Meinungen beeinflußt. Ein Beispiel: mit das Beste, was ich persönlich über die Nanotechnologie bisher gelesen habe, kommt aus der Royal Society.

Damit wir uns richtig verstehen: Ich halte es nicht für falsch, von der Royal Society zu lernen, aber ich finde es bedenklich, wie weit – zeitlich gesehen – die Royal Society uns mit ihren Vorschlägen voraus war. Und ich halte es für noch bedenklicher, wenn wir nicht in einigen, wissenschaftlich und gesellschaftspolitisch zentralen Fragen ebenfalls frühzeitig und qualitativ hochwertig Stellung beziehen, um somit wiederum unsererseits Einfluß auf andere europäische oder auch weltweite Stellungnahmen anderer Wissenschaftsakademien nehmen zu können. Denn auch im Ratgeben ist ein europäisches Geben und Nehmen von großer, kaum zu überschätzender Bedeutung.

So kann ich auch nur mit großer Freude sehen, wie sehr sich acatech, der Konvent für Technikwissenschaften der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften, als nationale Technikakademie zu etablieren versucht. Und ich bestreite nicht, daß es Fragen innerhalb der Technikwissenschaften gibt, die vornehmlich in einer solchen technikorientierten Akademie zu diskutieren und zu lösen sind.

Was mich jedoch ein wenig traurig macht, ist allerdings die Tatsache, daß die anderen Akademien, welche die Wissenschaft in ihrer vollen Breite und Exzellenz vertreten, sich seit sehr langer Zeit sehr viel schwerer damit tun, dem nachzufolgen. Und ich sehe insbesondere – zum Teil mit Freude –, daß acatech zunehmend versucht, auch Wissenschaftler und Experten, die nicht aus dem Bereich der genuinen Technikwissenschaften kommen, aufzunehmen, weil acatech erkennt, daß Technik allein nicht die Antworten bietet, die die Zukunft braucht. Aber acatech übernimmt damit letztlich eine Rolle, die aus meiner Sicht von den klassischen Akademien der Wissenschaften zu übernehmen wäre. Das heißt also, daß die Integration der technischen Wissenschaften in das Akademiegeschehen verbessert werden kann und muß. Wobei ich mir am Ende eine sehr gute partnerschaftliche Kooperation denke und wünsche – und zwar zwischen einer allgemeinen Akademie der Wissenschaften, die in Deutschland agiert, und einer technikwissenschaftlichen Akademie. Dies ist ein international gängiges Modell, und wir brauchen auch in dieser Hinsicht internationale organisatorische Vergleichbarkeit, um Gesprächspartner sein zu können.

D. h. eine der zentralen Aufgaben der nächsten Wochen und weniger Monate wird es sein, unsere Position und Rolle im Hinblick auf die neue Initiative zur Gründung einer nationalen Akademie zu präzisieren und damit zu definieren, um innerhalb der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften, aber auch gemeinsam mit der Leopoldina und acatech handlungsfähig zu bleiben.

Ein zweites großes Thema wird der gesamte Bereich der traditionellen Langzeitvorhaben sein, für die es nach meinem Verständnis gegenwärtig allenfalls eine Atempause gibt. Die Frage ihrer Finanzierung und die daran geknüpfte Frage der Erneuerung des Akademienprogramms wird uns noch grundsätzlich beschäftigen. Wir müssen uns insbesondere gemeinsam mit dem Vizepräsidenten und Vorsitzenden des Ausschusses Akademievorhaben, Herrn Professor Volker Gerhardt, für eine Lösung dieses Problems einsetzen. Eine Thema, das – wie Sie wissen – weit über unsere Akademie hinausreicht.

Ein drittes Thema berührt schließlich die Frage der geisteswissenschaftlichen Zentren und deren Verortung im Wissenschaftssystem. Im Gegensatz zum Wissenschaftsrat, der sich wohl für deren ausschließliche Eingliederung in die Universitäten aussprechen wird, haben wir in unserem kürzlich vorgestellten „Manifest Geisteswissenschaften“ – und ich denke, auch in Übereinstimmung mit vielen Fachkundigen hier in unserer Akademie – vorgeschlagen, daß auch Akademien, und speziell unsere Akademie, geradezu prädestiniert sind, zur institutionellen Heimat von geisteswissenschaftlichen Vorhaben und Zentren zu werden. Neben dem grundsätzlichen Problem bleibt dabei natürlich die Frage der langfristigen Finanzierung.

Ein viertes Thema schließlich, welches ich bereits anläßlich des Leibniztages genannt habe, ist die zunehmende Hinwendung zu Langzeitaufgaben: Und hierbei handelt es sich insbesondere um unsere gegenwarts- und zukunftsbezogenen Aufgaben. Konkret ist der von uns vorgelegte und in den Wintermonaten ausführlich zu diskutierende „Gentechnologiebericht“ ein erstes Beispiel für solche Langzeitaufgaben. Wie sichern wir beispielsweise die Qualität, Kontinuität und Finanzierung solcher Aufgaben und natürlich, welche zusätzlichen Themen gilt es in einer solchen oder ähnlichen Organisationsform zu bearbeiten?

Ein fünftes Themenfeld schließlich wäre die Frage, ob wir uns selbst wichtige Fragen als sogenannte Jahresthemen vorgeben sollten. Jahresthemen, die dann von verschiedenen Akteuren innerhalb und außerhalb der Akademie im Verlauf eines Jahres zu bearbeiten wären. Und hier denke ich insbesondere an die Kooperation mit anderen, großen wissenschaftlichen Institutionen in Berlin und Brandenburg, aber ich denke auch an eine Einladung zur Mitarbeit von Museen, die für meine Begriffe bislang noch viel zu wenig in die gemeinsame Aufgabenstellung, die wir als Akademie haben, eingebunden sind, und die mit ihrer sehr speziellen Sprache und der Art der Vermittlung von Themen in besonderer Weise geeignet sind, Aufmerksamkeit, Verständnis und vielleicht neue, andersartige Lösungsansätze für drängende Fragen zu präsentieren.

Mit solchen Jahresthemen könnte man in exemplarischer Weise zwei für die Akademie zukunftsrelevante Akzente setzen: Zum einen könnte damit für bestimmte Themen sowohl die Autonomie der Wissenschaft, als auch ihre Einheit, d. h. das exemplarische Zusammenwirken aller Disziplinen in Trans- und Interdisziplinarität in höchster Qualität dokumentiert werden. Zum anderen aber könnte auf diese Weise auch das Interesse des Bürgertums an der Wissenschaft und für wissenschaftliche Fragestellungen in besonderer Weise herausgefordert und stimuliert werden: Überhaupt dann, wenn es uns gelingt, die Methodenvielfalt wissenschaftlichen Arbeitens von der Grundlagenarbeit über eher praxisorientierte Fragestellungen bis hin zur – bereits bewährten – Kooperation mit Schulen und zur Museumsarbeit in einem großen Spannungsbogen zusammenzuführen, um in der Tat den Versuch zu machen, ganzheitlich bestimmte Fragestellungen zu diskutieren.

Unsere Langzeitaufgaben wie der „Gentechnologiebericht“ und hoffentlich andere, noch zu gründende Unternehmungen dieser Art, sollten dazu dienen, Fragestellungen, welche die Gesellschaft zwar bewegen, auf die sie aber noch keine Antworten hat, weil sie oftmals noch gar nicht über die richtigen Fragen verfügt, frühzeitig aufzugreifen und einer wissenschaftsbegleitenden Debatte zuzuführen.

Aber zuvörderst, liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Frau Ministerin, lieber Herr Staatssekretär, brauchen wir unsere neue Verfassung, um das, was wir gelernt haben, das, was wir an Erfahrungen gesammelt haben, auch organisatorisch und strukturell besser umsetzen und abbilden zu können.

Soweit zu den Aktivitäten der nächsten Wochen und Monate. Soweit zu einzelnen Vorstellungen, die ich Ihnen anläßlich dieser Amtsübergabe vermitteln wollte.

Ich hoffe sehr und ich wünsche mir, daß es uns gelingt, bei all der Arbeitslast, die jeder von uns, jeder von Ihnen trägt, doch noch genügend Zeit und Freude für solche Themen aufzubringen, die ganz ohne Frage für unsere Arbeit in der Akademie, aber auch in einem höheren Sinn für unsere Arbeit außerhalb der Akademie langfristig von Bedeutung sein können.

Die Kunst wird also darin bestehen, zunächst einmal im Einvernehmen mit den Vizepräsidenten, aber vor allem für den Vorstand unserer Akademie solche Themen zu definieren und Aufgabenpakete zu schnüren, die ausreichend intellektuelle Betroffenheit bei denen auslösen, die letztlich die Arbeit zu leisten haben.

Ich danke Ihnen allen für die Arbeit, die während der vergangenen zehn Jahre geleistet wurde, um die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften dort hinzubringen, wo sie heute steht. Aber ich freue mich noch mehr auf die gemeinsame Arbeit, die vor uns liegt. Ich freue mich auf das Amt, und ich freue mich ganz persönlich auf Sie, die ab jetzt meinen Alltag, meine berufliche Perspektive und nicht zuletzt meine Lebensqualität ganz entscheidend beeinflussen werden.

Noch einmal herzlichen Dank für das Vertrauen, aber noch viel mehr Dank dafür, daß eine ganze Reihe von Ihnen die klare Bereitschaft geäußert hat, auch zukünftig – zum Teil verstärkt – daran mitzuarbeiten, unsere Akademie dort hinzubringen, wo sie stehen sollte, nämlich im Zentrum des intellektuellen Geschehens in unserer Region, aber auch in unserem Land.

Den Ländern Brandenburg und Berlin, also Ihnen, sehr geehrte Frau Ministerin Wanka, und Ihnen, Herrn Staatssekretär Husung, danke ich für die bisherige Unterstützung und die, wenn ich das frei interpretieren darf, mit ihrem heutigen Besuch ge­zeigte Bereitschaft, uns weiterhin – vielleicht sogar noch mehr – zu unterstützen. Und vielleicht gibt es ja Gelegen­heiten und Möglichkeiten, daß auch wir Sie in Ihrer Arbeit noch mehr als bisher begleiten und unterstützen.

 

*******

Jetzt habe ich noch die große Freude, Ihnen, meine sehr verehrten Damen und Herren, die heute von der Versammlung der Mitglieder neu gewählte Vizepräsidentin der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften vorzustellen: Es ist Frau Professor Angela Friederici, die die erste Frau in diesem Amt ist. Sie folgt Herrn Professor Detlev Ganten nach, der als Vorstandsvorsitzender der Charité–Universitätsmedizin Berlin um seine vorzeitige Entlastung von dieser Aufgabe gebeten hatte. Wir danken ihm für das in der Vergangenheit Geleistete und wünschen ihm Kraft und Fortune für das, was er zu tun hat !

Lassen Sie mich Ihnen die neue Vizepräsidentin in wenigen Worten kurz vorstellen: Angela Friederici, 1952 in Köln geboren, hat an den Universitäten Bonn und Lausanne Germanistik, Romanistik, Sprachwissenschaft und Psychologie studiert. Es folgt 1976 die Promotion im Fach Germanistik an der Universität Bonn, vier Jahre später erwirbt sie das Diplom im Fach Psychologie. 1986 habilitiert sie sich in Gießen für das Fach Psychologie.

Nach Forschungsstationen u.a. am Department of Psychology des Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge (USA) sowie am Max-Planck-Institut für Psycholinguistik in Nijmegen (Niederlande) folgt 1989 ihre Berufung auf eine Professur für das Fachgebiet Psychologie mit dem Schwerpunkt Kognitionswissenschaft an der Freien Universität Berlin; 1991–94 ist sie dort Professorin für Allgemeine Psychologie. Seit 1994 ist Angela Friederici Gründungsdirektorin und Wissenschaftliches Mitglied am Max-Planck-Institut für neuropsychologische Forschung in Leipzig – jetzt Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften. Zugleich ist sie Honorarprofessorin an den Universitäten Leipzig und Potsdam sowie an der Charité–Universitätsmedizin Berlin.

Angela Friedericis Forschungsschwerpunkte sind die Neurokognition der Sprache und des Spracherwerbs. Von der hohen Anerkennung, die ihren wissenschaftlichen Arbeiten bislang zuteil wurde, zeugen insbesondere das Heisenberg-Stipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft, der Alfried Krupp-Förderpreis für junge Hochschullehrer der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung sowie der Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis der DFG. Darüber hinaus gehört sie der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina, dem Senat der Max-Planck-Gesellschaft sowie dem Gesundheitsforschungsrat des Bundesministeriums für Bildung und Forschung als Mitglied an.

Frau Friederici ist seit 1994 Ordentliches Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Von 1994-97 vertrat sie den damaligen Konvent der Interdisziplinären Arbeitsgruppen im Vorstand der Akademie; außerdem war sie von 1995-98 Sprecherin der Interdisziplinären Arbeitsgruppe „Regelwissen und Regellernen in biologischen Systemen: Zur Dynamik und Struktur von Gedächtnisprozessen (RULE)“.

Liebe Frau Friederici, ich freue mich über Ihre (fast spontane) Bereitschaft, das Amt der Vizepräsidentin der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften zu übernehmen, und ich bin voller Spannung und Vorfreude auf unsere gemeinsame Zeit im Dienste unserer Akademie.

Amtswechsel in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften

9. Dezember 2005

 

Nach zehn Jahren übergibt Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Dieter Simon

das Amt des Präsidenten der Berlin-Brandenburgischen

Akademie der Wissenschaften an Prof. Dr. Dr. h. c. Günter Stock.

 

Bericht Dieter Simon

 

Es gilt das gesprochene Wort!

 

 

Frau Ministerin Wanka,

Herr Staatssekretär Husung,

Meine Damen und Herren,

 

vielen von uns hat die historische Konstellation der letzten Wochen die Anwesenheit bei verschiedenen offiziellen und offiziösen Amtsübergaben beschert. Wir konnten beobachten, daß sie beharrlich einem bestimmten Muster folgen.

 

Zunächst: Rückblick mit gemäßigter Genugtuung. Man hat – in  aller Bescheidenheit – viel geleistet. Noch Größeres haben leider die Umstände verhindert. Man hatte viele Helfer, denen zu danken jetzt gute Gelegenheit ist, aber auch Widersacher, denen man heute großmütig vergibt. Man fühlt sich ein wenig erleichtert, aber man verspürt auch eine gewisse Wehmut, denn der Abschied ist kein wirklich freiwilliger. Gleichwohl wird nicht geklagt. Der Souverän hat gesprochen, sein Wille geschehe.

 

Deshalb folgt dem Blick zurück der Blick nach vorn. Die Nachfolger werden es nicht leicht haben, denn die Probleme, die man mit Sorge betrachtet, sind groß. Man wünscht den Neuen viel Glück und hofft bei sich, daß sie alsbald untergehen werden. Dann würde man zwar nicht zurückkehren, aber die Erinnerung würde zwangsläufig das vergangene Wirken aufpolieren. So dankt man denn nach allen Seiten, erhebt lächelnd sein Glas und schreitet beklatscht und aufrecht von dannen.

 

Ich wollte diesem Muster folgen, habe aber schnell gemerkt, daß es nicht so recht hierher paßt. Zum Teil aus strukturellen Gründen: in den Wissenschaftsorganisationen haben die Nachfolger sich nur selten die frisch geräumte Stelle mühsam erkämpft. Sie mußten zum Platznehmen gebeten und geschoben werden. Und die Amtsträger hüpfen in der Regel befreit aus ihren Sesseln.

Das Muster verwerfe ich aber auch aus persönlicher Veranlagung: Mir würde es nicht einfallen, meinen Widersachern zu verzeihen oder meinen Nachfolger mit gut verhohlenem Mißmut zu betrachten. Im Gegenteil. Meinen Widersachern wünsche ich nach wie vor das denkbar Schlechteste und meinen Nachfolger betrachte ich mit Freude und Liebe.

 

Da die Amtsübergabe, genau besehen, in erster Linie eine Sache zwischen ihm und mir ist, und Sie, meine Damen und Herren eigentlich nur zur Beglaubigung dieses Vorgangs, hinzugetreten sind, habe ich beschlossen, ihm zur Amtsübergabe einen Brief zu schreiben. Diesen Brief, den er, wenn die Berliner Post ihren bisherigen Eifer beibehält, durchaus noch vor Weihnachten bekommen könnte, lese ich Ihnen jetzt vor:

 

„Lieber Günter,

am Freitag werde ich Dir das Amt eines Präsidenten der BBAW übergeben. Es ist ein schönes Amt und ich freue mich, daß Du es mit derselben Unbefangenheit und Entschiedenheit übernimmst, wie ich es vor 10 Jahren vom Gründungspräsidenten Hubert Markl übernommen habe. Damals war es noch ganz neu, erst knapp 3 Jahre alt und mehr entworfen als entwickelt. Ich habe es 10 Jahre verwaltet und bin froh, daß ich es Dir jetzt überlassen darf.

Warum es der Senat überhaupt in Auftrag gegeben hat, ist mir nie ganz klar geworden. „Wozu braucht diese Region eine Akademie?“ habe ich mich des Öfteren gefragt. Der Geist von Leibniz weht und west doch hier wahrhaftig nicht. Und selbst von Administratoren der Berliner Wissenschaft war zu hören, daß man der Meinung sei, für eine Wissenschaftsakademie gäbe es hierzulande keinen Bedarf. Es muß also - so argwöhne ich heute – ein entschiedener politischer Wille am Werk gewesen sein.

Vielleicht war die Vorgeschichte nicht ganz unschuldig. Du erinnerst Dich, daß der Senat in kurzer Folge zwei Akademien geschlossen hatte. Eine frisch gegründete, aber mißliebige West-Berliner und eine frisch beschnittene, aber ebenfalls mißliebige Ost-Berliner Akademie. Ein solcher Weltrekord im Akademienschließen hätte manchen Orts als Beleg für Provinzialismus und schlechten Geschmack gewertet werden können. Das war zu vermeiden indem man neues Leben aus den selbst erzeugten Ruinen sprießen ließ.

Außerdem lag das alte preußische Erbe, die gut bewerteten Langzeitvorhaben, der Wissenschaftspolitik vor den Füßen. Unser späterer innovativer Gedanke, sie eigenen Editions- und Dokumentationszentren anzuvertrauen, war noch nicht geboren. Und die Wahnidee der Gegenwart, man könne durch die Rückführung außeruniversitärer Kraft der universitären Notdurft begegnen, lag noch in weiter Ferne.

 

Also schien eine Akademie das Gebot der Stunde, und da man gerade in Berlin war, sollte es auch keine kleine, sondern eine möglichst große, eine für alle, eine nationale Akademie sein.

 

So ungefähr muß es zum Auftrag an Freund Markl gekommen sein, eine nationale Akademie zu gründen. Ein Auftrag, den er dann huldvoll an mich weiterreichte. Daß er nicht zu erfüllen war, brauche ich Dir nicht zu begründen. Schließlich hast Du eigene Anschauungen vom föderalen Kindergarten, der national mit zentralistisch verwechselt, patriotische Gesinnung als Ausdruck für die Liebe zum Eigenheim hält und seine Spielzeuge lieber zertrümmert, als mit den Nachbarskindern teilt.

 

Wir mußten den gesamtstaatlichen Gedanken suspendieren, ohne ihn prinzipiell aufzugeben. Wo er sich heute befindet, ist schwer auszumachen. Es gibt allerlei, eher rührende Versuche, die Zersplitterung der Kräfte durch artifiziell ausgedachte, flächendeckende Organisationsungeheuer zu überwinden.

Da aber die innovatorische Kraft sich unter dem Zwang zur Berücksichtigung auch noch des letzten partikularen Interesses schnell verzehrt, sind konturenlose Modelle für unplausible Funktionen entstanden, für die sich – wie ich vermute – in den nächsten Jahrzehnten kein Geldgeber finden wird.

In der Akademie wurden, als die Lage erkannt war, die Wegweiser umgestellt. Statt aufs Ganze, wiesen sie jetzt nur noch auf das Haupt. Die mühsame Wanderung in Richtung Hauptstadtakademie begann.

 

Mühsam war dieser Weg, der unter der flotten Fahne „Arbeitsakademie“ beschritten wurde, aus dreierlei Gründen:

„Arbeitsakademie“, das sollte heißen, daß die Mitglieder in eigener Person forschen und nicht nur, wie die klassische Gelehrtengesellschaft, durch Wissenschaftsbeamte forschen lassen. Zum „Selbstforschen“ braucht man naturgemäß Forscher und das sollte die Gemeinschaft unserer Mitglieder sein.

134 Menschen, meistens männliche, waren wir 1995, wenn man alle Verbindlichkeitsgrade zusammenrechnet. 261, immer noch weit überwiegend männliche, sind wir heute. Gleichwohl mehr als genug für raumgreifende Forschungen, sollte man glauben. Aber Du kennst ja unsere Mitglieder. Wenn sie frisch gewählt und glänzend ob der widerfahrenen Ehrung im Büro des Präsidenten sitzen, sind sie zu jedem Leistungsschwur bereit.

Verschicke ich dann meine Ladungen und Einladungen, erhalte ich in großen Mengen Hinweise auf die berüchtigten Unausweichlichkeiten, die schon vor längerem eingegangenen, unwiderruflichen Verpflichtungen, die plötzlichen, unvorhersehbaren Abberufungen von höherer und höchster Stelle. Und was daran vielleicht das Mißlichste ist: es ist nicht einmal gelogen.

Unsere Mitglieder sind keine Berufsanfänger. In der Regel stehen sie im Zenith des Lebens. Auch wenn unser Durchschnittsalter zum Zeitpunkt der Zuwahl ständig gesunken ist und heute bei rund 52 Jahren liegt, kann man die Akademie schwerlich mit einem wissenschaftlichen Jugendclub verwechseln. Lehrstühle, Institute, Forschungseinrichtungen der verschiedensten Art gehören gleichsam zur Grundausstattung unserer Mitglieder – und um die besten bemühen sich eben viele. Die Akademie kann nicht erwarten, daß die Arbeiten in ihrem Auftrag als die angenehmsten und ruhmreichsten gelten, die man erledigen kann.

 

Nun ist der Mensch, und damit auch der deutsche Professor, zweifellos so geartet, daß sogar spirituelle Begabungen, wie Phantasie und Idealismus, selbst dort, wo von Jugend an nicht vorhanden gewesen, in erstaunlicher Weise sprießen, wenn sie von saftigen Sitzungsgeldern gedüngt werden.

Ich hätte aus dieser Erfahrung gerne Kapital geschlagen, aber der dafür erforderliche Zauberstab wurde mir leider niemals zur Verfügung gestellt. Ich blieb auf Freundschaft, Überredung, Bitten und Schimpfen angewiesen, allesamt wirksame, aber wie erwähnt, mühevolle Mittel, um die heute vorhandene, schlagkräftige und einsatzbereite Mannschaft zu gewinnen.

Du wirst den gleichen Weg gehen müssen, denn es ist nicht zu erwarten, daß unsere Finanzierungsträger, die Länder Berlin und Brandenburg, in den nächsten Jahren in eine so strotzende Finanzlage geraten werden, daß sie Dir derartige Stimulationsmittel zur Verfügung stellen könnten.

 

Ganz abgesehen davon, daß sie es für diesen Zweck gewiß nicht wollen würden. Denn es ist, wie Du erleben wirst, bereits ziemlich schwer, ihren Geberwillen insoweit aufrecht zu erhalten, als er die von Anfang an zugesicherten Mittel betrifft. Das liegt weniger am etwa schwankenden Willen der politischen Spitzen, obwohl uns Vergeßlichkeit, wenigstens in Berlin, nicht wundern dürfte. Denn mit sechs Senatoren und sechs Staatssekretären in nur 10 Jahren hat dieses Ressort eindeutig italienische Verhältnisse erreicht. So ist es denn, contrarywise, eher erstaunlich und erfreulich, daß sich das Ziel „Hauptstadtakademie“ über alle Amtswechsel rettete und daß ihm Brandenburg ohne Zögern beigetreten ist.

 

Wenn es gleichwohl zu permanenten Haushaltskonflikten gekommen ist, die versprochenen Steigerungen nicht gewährt, unsere Umwidmungen beanstandet und immer wieder Kürzungsoperationen vorgenommen wurden, dann deshalb, weil auf den, wie es so schön heißt, Arbeitsebenen, das strategisch-politische Ziel nicht begriffen und deshalb auch nicht unterstützt wurde.

Zahllose Male mußte ich das Argument hören, daß „andere Akademien“ dieses oder jenes doch auch nicht hätten, so daß man folgerichtig dieses oder jenes streichen könne, wenn nicht sogar streichen müsse. Und dies, obwohl gerade der Umstand, daß wir etwas Besonderes, etwas Hauptstädtisches und damit etwas Großartiges sein sollten, zu unseren Bedürfnissen und Ausgaben geführt hat.

Auf diese Weise haben wir unsere Tagungsstätte eingebüßt, hätten fast das Gebäude am Gendarmenmarkt verloren, müssen jede dringend benötigte, zusätzliche Kompetenz, deren Erwerb uns endlich glückt, mühsam rechtfertigen, bekommen entrüstet unsere Gehälter vorgerechnet – und was sonst noch einer auf demokratische Einebnung versessenen Bürokratie einfallen mag.

Du mußt also mit einem Grundhaushalt leben, der in 10 Jahren von 5 Millionen € um stolze 300.000 € auf 5,3 Millionen € gestiegen ist. Daß Dir am Ende rund 20 Millionen  Euro zur Verfügung stehen werden, hängt zunächst mit dem Akademienprogramm zusammen. Ferner mit einer beachtlichen Summe eingeworbener Drittmittel und dem nahezu gleichgroßen Betrag von Vergütungen für Dienstleistungen der Akademie. Alles in allem jedoch ein Betrag, der das bedächtige Vorankommen der Arbeitsakademie hinreichend erklärt.

Dein voller Einsatz im Bereich des außerstaatlichen fund raising wird also erforderlich sein. Ich hoffe, Du hast hier eine glücklichere Hand als ich, der ich erkennen mußte, daß mein Geschick und mein angestrengter Charme nicht ausreichen, um mehr als allerkleinste Sümmchen in Bewegung zu setzen.

In jedem Fall hast Du in unserem Förderverein und insbesondere seiner Vorsitzenden Friede Springer eine engagierte und kundige Hilfe an Deiner Seite, die Dir über mancherlei Schwierigkeiten hinweghelfen wird.

 

Der dritte und letzte Stolperstein auf dem Wege zu einer „Arbeitsakademie“ war das völlig unbrauchbare Satzungskleid, mit dem die Akademie antreten mußte. Inkompetent aus den Satzungen anderer Akademien, die sich ausschließlich als einheimische Gelehrtengesellschaften definierten, abgeschrieben, teils zu weit, teils zu eng, vornehm und verschlissen zugleich, ähnelte die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften einem jungen Bergmann, der im Frack seines Großvaters zur Arbeit unter Tage einfährt.

 

Bestehendes umzuformen ist stets schwieriger, als Neues zu schaffen. Man repariert das Auto während der Fahrt. Aber in gemeinschaftlicher Anstrengung konnte der klapprige Bus in ein schnittiges Fahrzeug umgebaut werden. Neue Funktionen wurden ersonnen und erprobt (wie die Referenten für Auslandsbetreuung und Öffentlichkeitsarbeit) und andere (wie das Generalsekretariat) aufgegeben . Kritische und effektive Organe (wie der Rat der Akademie und sein Senat) waren zu entwickeln und einzusetzen.

Du wirst das mittlerweile präzise und auf hohen Touren laufende Gefährt demnächst unserem Souverän, den Abgeordneten Berlins und Brandenburgs zu erläutern haben, denn sie müssen in einem erneuerten Staatsvertrag ihre kleine Wissenschaftsmaschine noch endgültig absegnen. Ich bin aber ziemlich optimistisch. Es gibt eine Vernunft der Sache, die für sich spricht.

So ist es, um nur ein einziges Beispiel zu nennen, für eine gemütliche kleine Gelehrtengesellschaft mit einem ehrenamtlichen Präsidenten sicher angemessen, die gesamte operative und verwaltungsführende Arbeit mittels eines professoralen Generalsekretärs zu erledigen und dessen Sprechzettel im Falle eines erkälteten Präsidenten durch ein beliebiges Vorstandsmitglied vortragen zu lassen.

Für einen hauptamtlich und real arbeitenden Präsidenten einer Wissenschaftsorganisation sind zwei Vertreter nach außen, um Geist und Natur an die Welt zu bringen und zwei Dirketoren nach innen, je einer für Verwaltung und für Wissenschaft sicher eine angemessene Lösung. Man kann gegen ein solches Modell gewiß manches einwenden. Aber sicher nicht dies, die anderen Akademien hätten es nicht.

 

Soviel zum Werkzeug, mit dem Du in den nächsten Jahren zu arbeiten hast. Was mit ihm in der Vergangenheit Brauchbares oder sogar Gutes bewirkt wurde, sollte ich Dir – mich selber rühmend - um so weniger vortragen, als Du seit Deiner Mitgliedschaft, wenn nicht an allem, so doch am Meisten, förderlich mitgewirkt hast.

Aber vielleicht ist es für Deine strategischen Entscheidungen von Nutzen, Dir jene Dinge aufzuzählen, die mir mißlungen sind, die unfertig blieben und die ich mangels Fähigkeiten oder mangels Interesses nicht in Angriff genommen habe.

 

Erfreulicherweise wirst Du an einem Ort operieren können, der zu den begehrtesten in Berlin gehört. Wir haben ihn hartnäckig aus seinem elenden Zustand befreit und systematisch ans Licht gezogen. Beatrice Fromm, die frühere Generalsekretärin hat sich, wie Du weißt, große Verdienste bei der Bergung der im Schutt des alten Gebäudes entdeckten Perlen erworben und die seinerzeit in der Senatsverwaltung Verantwortlichen besaßen den Weitblick, sie bei ihren Anstrengungen nachhaltig zu unterstützen.

Du solltest diesen Prozeß der Wiedergewinnung eines bedeutenden Ortes, der auch den Mitgliedern am Herzen liegt, wie sie nicht zuletzt durch die Spende ihrer Stühle bewiesen haben, weitertreiben. Es gibt noch allerlei schmutzige Fleckchen auf dem Festgewand zu entdecken. Vielleicht gelingt es Dir sogar, eine neue Tagungsstätte für die Akademie zu gewinnen. Lasse sie Dir aber nicht, wie seinerzeit ich, mit großem Pomp verleihen. Du ersparst es Dir dann, wenn sie wieder kassiert wird, den betretenen Verleiher auch noch trösten zu müssen.

 

Was unsere Hauptaufgabe, die Wissenschaft, angeht, so arbeiten wir, wie ich Dir nicht zu erklären brauche, einerseits mit unseren langfristig angelegten und zurückhaltend ergänzten Traditionsbeständen. Zum anderen mit spontan aus den Reihen der Mitglieder hervorgegangenen Arbeitsgruppen und Initiativen.

Die Langzeitvorhaben wurden evaluiert und in vielfacher Weise modernisiert. Z.B. technisch, durch den umstandslosen Anschluß an die zunächst nur zögerlich angenommene elektronische Welt. Oder strukturell, durch transparente Gliederung der Vorhaben, strikte Fristen und ähnliche effizienzsteigernde Maßnahmen. Schließlich noch personell durch Schärfung des Bewußtseins der Mitarbeiter für ihre Verantwortung gegenüber den Universitäten. Heute sind die vom Gründungspräsidenten noch als „Riesenschildkröten“ ridikülisierten Vorhaben effiziente, auf hohem Niveau arbeitende, nach außen vernetzte und mit internationaler Wirkkraft arbeitende Einheiten, auf die stolz zu sein die Akademie allen Grund hat.

Von den immer vorhandenen Ausnahmen abgesehen, ist es mir allerdings nicht geglückt, die Wissenschaftsbeamten in eine Wissenschaftlergemeinde zu verwandeln, die in der Akademie den Ort sieht, an dem der geisteswissenschaftlich Sinnierende die Chance hat, zu sich selbst zu kommen.

Die Haltung, wie ich sie aus meinem Max-Planck-Institut kannte, daß alle sich ihren Forschungen in geradezu existentieller Weise verschrieben sahen, fand ich hier, zwar gewiß nicht durchgängig, aber doch im sichtbaren Großen und Ganzen, ersetzt durch die betriebswirtschaftliche Existenz, die ihren Arbeitsplatz absolviert und bei dessen drohendem Verschwinden mit der gewerkschaftlich und anwaltlich unterstützten Klage aufmarschiert.

Insofern war der Präsident ein verklagter Dauergast bei den verschiedenen Instanzen der Arbeitsgerichtsbarkeit. Das dürfte vorwiegend durchaus verständliche, ökonomische, sozialstaatliche und makrostrukturelle Gründe haben. Am Ende hängt es aber vielleicht ein wenig auch damit zusammen, daß ich mich schließlich doch nicht davon überzeugen konnte, daß die Förderform der Langzeitvorhaben der für geisteswissenschaftliche Unternehmen – seien sie auch bloß hilfswissenschaftlicher Art –  kreativste Modus der Pflege ist.

Daß Du hier Abhilfe schaffen kannst, wage ich zu bezweifeln. Es könnte gelingen, wenn es Dir gegeben sein sollte, die Traditionsvorhaben in bevorzugtem Maße zur Chefsache zu machen. Ohnehin wird es sehr wichtig sein, darauf zu achten, daß die, seit der mißglückten Empfehlung des Wissenschaftsrates von außen elementar bedrohten, langfristigen Unternehmungen in den von uns entworfenen Zentren und institutsähnlichen Akkumulationen eine gesicherte Bleibe finden.

 

Was die Arbeitsgruppen und Initiativen betrifft, so bleibt es Ärgernis und Kummer zugleich, daß der zu Beginn meiner Tätigkeit in Aussicht gestellte Aufwuchs nicht realisiert wurde. Hier, wo die Arbeitsakademie zeigen konnte und gezeigt hat, daß sie über den täglichen Wissenschaftstrott hinausweisende Themen der Gegenwart aufgreifen und zu orientierender Weisung verarbeiten kann, mußte die Aufgabe ständig durch Spenden und andere private Mittel unterfüttert und am Leben erhalten werden.

Es kam hinzu, daß der vorhin beschriebene gelehrtengesellschaftliche Geburtsfehler uns ständig und zunehmend unter den Druck setzte, Mittel in die Stabsarbeit fließen zu lassen. Dennoch haben wir die anfänglich fünf Arbeitsgruppen auf heute zwanzig gesteigert und in den zurückliegenden Jahren weitere zwanzig abgeschlossen.

Betrachtet man die Gemeinwohlstudie, die Gesundheitsstandards, die Abfallenergie, den Gentechnologiebericht und eine Reihe ähnlicher Arbeiten, dann sieht man, daß wir nicht nur zur perfekten Erledigung dieser selbst gewählten Aufgaben in der Lage waren, sondern daß wir nunmehr zu Vergleichbarem und Größerem durchaus gerüstet sind.

Es ist mir aber nicht geglückt, der Politik dieses Potential hinreichend zu Bewußtsein zu bringen. Die Politiker pflegen in vergleichbaren Fällen zu sagen, es sei ihnen nicht gegeben gewesen, dem Wähler ihr Anliegen ausreichend zu verdeutlichen. Unser durchgehend vorzügliches, vielfach sogar persönlich freundschaftliches Verhältnis zu den Politikern der Landesebene hat sich nur sporadisch zu Dienstleistungen von unserer Seite verdichten lassen und mehr – wenn ich so sagen darf – im „Ausland“ (etwa dem Saarland, Rheinland-Pfalz und Hamburg) als „zu Hause“ verwirklicht.

Und der Bund hat es vorgezogen, in Eigenregie Räte zu gründen und seine Wissenschaftsprojekte in seinem Direktionsbereich zu halten, statt sie der Wissenschaft anzuvertrauen, die sie – mit geringerem Aufwand an Geld und Arbeit – keinesfalls schlechter erledigt hätte.

Ich habe Grund zu der Vermutung, daß auf der Bundesebene in den meisten Fällen die schnatternde Angst vor dem föderalen Gespenst die Auftragsvergabe gesteuert hat. Möglich auch, daß man uns nicht getraut hat. Wie dem auch sei – vielleicht ist Dir die neue Bundesregierung mehr gewogen, als mir die alte. Du hast bessere Verbindungen und bist diplomatischer als ich. Könnte sein, daß Dir ein Durchbruch gelingt. Zu einer Prognose lasse ich mich allerdings nicht herbei.

 

Nur wenig wirst Du tun müssen, um die Akademie in höherem Maße als bisher als lebendigen Ort der Wissenschaft sichtbar und vernehmbar zu machen. Wir haben unser Haus diesbezüglich in den letzten Jahren vorzüglich ausstaffiert. „Wir“, das heißt: das Präsidium und unsere ideenreiche, engagierte und begeisterungsfähige Administration, deren Lebendigkeit das Wort „Verwaltung“ Lügen straft. Es ist keineswegs überraschend, daß wir vor einigen Tagen als „Ort der Ideen“ ausgezeichnet wurden

Wir haben die Akademievorlesungen und den Leibniztag, die Ernst-Mayr-Lecture und den Tag der Geisteswissenschaften, die Besondere Vorlesung und die Causerie, das Lesemarathon und die Brandenburger Schulvorträge. Unsere Vorhaben – und  zwar die traditionellen wie die interdisziplinären – veranstalten Symposien, Ringvorlesungen, Kongresse und Workshops. Wir haben den Dialog mit der Politik durch unser wissenschaftspolitisches Forum gepflegt und mit der Gesellschaft durch unsere Holtzbrinck-Connection. In den letzten beiden Jahren haben die Medien nahezu wöchentlich über eine Aktivität der Akademie zu berichten Anlaß gehabt.

Das Präsidium hat große Erinnerungsveranstaltungen initiiert: zu Goethe, Hannah-Arendt, La Mettrie, Montesquieu und anderen. Es hat jüngere und ältere Künstler gefördert und sich bemüht, durch Preis- und Medaillenverleihungen sowie durch Stipendien Verdiente und Herausragende zu ehren und zugleich der staatsvertraglichen Verpflichtung zur Förderung des Nachwuchses gerecht zu werden.

 

Wir haben die Junge Akademie gegründet, und zwar, wie ich Dir im Vertrauen sagen darf – nur wir. Die Mitführung der Leopoldina war der übliche Preis, den wir dem föderalismusgeschwächten Bund für seinen erheblichen und nach der Volkswagenstiftung dann entscheidenden, finanziellen Beitrag entrichten mußten.

Wir haben einen Film über die Akademie, in dem auch unser einzigartiges Archiv gebührend zu Wort kommt und eine Litfaßsäule. Unsere Bibliothek wurde modernisiert und unsere Publikationen haben neben dem traditionellen Jahrbuch und den Berichten und Abhandlungen, durch das Circular, die Gegenworte und die Protokolle unserer transdisziplinären Debatten einen in der Republik singulären Stand erreicht.

 

Hier steht also alles zum Besten und wenn Du nachhaltig auf Nachschub achtest, wird es keiner zusätzlichen Anstrengungen bedürfen, um weiteres Terrain zu gewinnen.

Die Akademie ist weltweit vernetzt. Das ist im Wesentlichen ein Werk unseres 1. Vizepräsidenten Helmut Schwarz. Sein Netzwerk aus 20 Verträgen auf drei Kontinenten bedarf allerdings zweifellos nicht nur der Pflege, sondern auch der Stärkung. Hier kann von uns wesentlich mehr geleistet werden, als mir mit dem nicht vorhandenen Budget einerseits und meiner Scheu vor internationalen Auftritten andererseits zu erreichen möglich war.

Auch sonst habe ich mich in dem großen Raum denkbarer Kooperationen ziemlich zurückhaltend bewegt. Eine Ausnahme bilden die Universitäten, mit denen wir nicht zuletzt durch die Entwicklung der Akademieprofessur eine enge Verbindung anstrebten und eingingen. Darüber hinaus haben wir nur mit wenigen außeruniversitären Einrichtungen (vorwiegend Max-Planck-Institute und Akademien) fruchtbar zusammengearbeitet.

Mit der Union der Akademien habe ich dagegen ein Zusammenwirken nur im Rahmen des Akademienprogramms für zweckmäßig gehalten und auch da hätte ich einen Austritt aus dem Verein und ein direktes Management zwischen der Bund/Länder-Gemeinschaft und uns vorgezogen und für effizienter und ergiebiger gehalten. Ein entsprechender Plan ist aber schon im ersten Jahr meiner Präsidentschaft an der damals noch ehrerbietigen Bund-Länder-Kooperation gescheitert.

 

Den Versuchen der Unionspräsidenten, die Akademienunion zu einer operativen Einheit mit eigenem wissenschaftspolitischen Profil umzuformen, war ich schon als Vorsitzender des Wissenschaftsrats nicht gewogen. Weder die Struktur, noch das Personal der Union schienen mir damals für solche säulenvermehrenden Flausen wirklich geeignet und gerüstet.

Als Präsident der BBAW habe ich zum großen Ärger der Betroffenen diese Politik um so energischer fortgesetzt, als sich alsbald zeigte, daß eine intensive Zusammenarbeit zur Konzentration der Lasten bei uns und zur Verteilung der Gewinne auf alle führen würde.

Für diese Art von Altruismus bin ich jedoch nicht zu haben – und ich hoffe, Du auch nicht. Schließlich kommst Du aus einer Welt, die dem Sozialismus doch ziemlich fern steht.

Bleibt noch die – an dieser Stelle passende – Gretchenfrage, wie es die Akademie mit der sog. großen Politik halten soll.

Da wir zwar alle eine politische Meinung haben, unsere Ansichten aber vielfach bis zur krassen Kontradiktion variieren, ist jeder Versuch, Meinungen zu Stellungnahmen zu bündeln mit einem hohen Risiko für den inneren Frieden behaftet. Ich habe mich deshalb nur zweimal bemüht, unsere Mitglieder für außerwissenschaftliche politische Ziele zu gewinnen.

Einmal für die sog. Balkaninitiative, bei der es nach dem NATO-Bombardement um tätige Hilfe zur Selbsthilfe ging. Zum anderen für einen völkerrechtsorientierten Friedensaufruf, in letzter Minute vor dem Irak-Krieg. Beide Male haben die Mitglieder, von einzelnen unrühmlichen Ausnahmen abgesehen, mit großer Geschlossenheit im vorgeschlagenen Sinne votiert und beide Male hat der folgende Verlauf der Geschehnisse unser Votum nachdrücklich als richtig erwiesen.

Gleichwohl möchte ich Dir wünschen, daß Du praktische Klugheit und politische Weitsicht unserer Mitglieder so wenig wie möglich auf die Probe stellen mußt.

 

Lieber Günter,

ich habe in vielen Institutionen gedient. In keine habe ich mich so verliebt, daß ich mich veranlaßt gesehen hätte, sie auch nach Ablauf der Dienstzeit noch mit meiner Liebe zu verfolgen und zu drangsalieren. Aber ich habe immer versucht, die besten aller verfügbaren Nachfolger aufzuspüren und zu gewinnen. Ich bin fest davon überzeugt, daß mir mit Dir ein großer Wurf für die Akademie geglückt ist. Vermutlich die beste aller Taten, die ich für sie getan habe.

Deine künftige Aufgabe ist nicht eben simpel. Die neue Welt ist Dir, gottlob, nicht völlig unvertraut, aber sie ist doch eine ganz andere als Deine alte.

Du mußt viel reden, auch wenn Dir nicht danach zu Mute ist. Du mußt häufig schweigen, auch wenn Dir nach lautem Reden der Sinn steht. Du mußt mancherlei Hände schütteln, die Du als Unbeteiligter niemals anfassen würdest. Du mußt Grüsse erwidern, selbst wenn Du Deinen Gruß gern behalten möchtest. Du mußt keine Kratzfüße machen, aber allerlei höfische Verdrießlichkeiten werden Dir keinesfalls erspart bleiben.

Aber das alles läßt sich ertragen. Denn Du wirst glänzend entschädigt. Du wirst großartige Stunden erleben: Begegnungen mit Mitarbeitern, Mitgliedern und Sachwaltern, Menschen, von deren Reichtum und Tiefe Du keine Vorstellung hattest. Es wird Lehrreiches und Aufregendes geben, Anstrengendes und Heiteres, Quisquilien und Wichtigkeiten. Ich wünsche Dir viel Zufriedenheit und viel Erfolg.

 

Dein Dieter“

 

 

Soweit, meine Damen und Herren, mein Brief an Günter Stock.

Sie selbst haben sich bereitgefunden, heute hier in einer Art Zeugenschaft der Amtsübergabe beizuwohnen, und als diese Zeugen bitte ich Sie, meinen Nachfolger zum Wohle der Akademie in der gleichen Weise zu unterstützen, wie Sie mich unterstützt haben.

Ich danke Ihnen.

Die Akademie lädt ein
Freitag, 9. Dezember 2005, 19 Uhr

Programm
Begrüßung
Dieter Simon

Grußansprachen
Prof. Dr. Johanna Wanka, Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg
Dr. Thomas Flierl , Senator für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Berlin

Amtsübergabe
Es sprechen: Dieter Simon  und Günter Stock 

Norbert Miller liest Gedichte von Gottfried Benn.
Rolf von Nordenskjöld spielt Klarinette, Baßklarinette und Kontra-Altklarinette.


Die Veranstaltung schließt mit einem kleinen Empfang.

Veranstaltungszeitraum:

19 Uhr

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