Die Rede von der „Wissensgesellschaft“ ist ein Reden von der Allgegenwart der Wissenschaft im Alltag. In Deutschland ist der Dialog zwischen Wissenschaftlern und Öffentlichkeit lange Zeit vernachlässigt worden.

Die Sprache, der Ton und Gestus, in denen Wissenschaftler sowie Forscherinnen ihre Thesen und Ergebnisse vermitteln, sind weitgehend hermetisch und bestenfalls für den Austausch unter Gleichen geeignet. Sie haben sich noch nicht den veränderten Verhältnissen entsprechend  angemessen entwickelt. Werbung um Vertrauen und eine größere Offenheit gegenüber Forschung lassen sich nur sehr begrenzt an Medien, Agenturen oder Experten für Kommunikation delegieren. Es ist nicht zuletzt eine Aufgabe der Wissenschaft selbst, sich mit den veränderten Verhältnissen in einer von Wissenschaft geprägten Welt auseinanderzusetzen und über die Nebenwirkungen von undurchschauten und oft undurchschaubaren Fortschritten öffentlich nachzudenken. Dabei ruhen verschiedene Lasten auf der Wissenschaft: Zum einen die Übersetzung und Erläuterung modernen natur- und geisteswissenschaftlichen Denkens, dessen Komplexität inzwischen ein Ausmaß erreicht hat, das nur noch Eingeweihten zugänglich ist. Zum anderen die Aufklärung über Chancen und Risiken, die mit der Wissenschaft verbunden sind. Schließlich ist drittens die Emanzipation der Öffentlichkeit von der Wissenschaft eine Aufgabe, an der die Wissenschaft mitwirken muss.

Der Herstellung einer kritischen Urteilsfähigkeit gegenüber den Experten und den sie teilweise andächtig vermittelnden Medien muss in einem lebendigen Dialog zwischen Wissenschaftlern und den ihre Ergebnisse nutzenden und von ihnen betroffenen gesellschaftlichen Akteuren die Bahn bereitet werden, um sowohl distanzloser Wissenschaftsgläubigkeit als auch einem Wissenschaftshass die Grundlage zu entziehen. Zu den Voraussetzungen eines Gesprächs, das mehr sein will als Belehrung, gehört die Beobachtung und immer wieder erneuerte Reflexion über die Beziehungen zwischen Wissenschaft und anderen gesellschaftlichen Bereichen ebenso wie eine Kritik, die auch den Wissenschaftsbetrieb selbst in näheren Augenschein nimmt.
 

Es gehörte seit jeher zu den vornehmsten Aufgaben von Wissenschafts- akademien, zwischen wissenschaftlicher Gemeinschaft und Gesellschaft zu vermitteln. Wenn aus dem behaupteten Dialog zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit ein echtes Gespräch werden soll, müssen zeitgemäße und vor allem intelligente Wege dafür entwickelt werden, die zumindest versuchen, den Problemen auch sprachlich und sachlich gerecht zu werden. Keinesfalls genügt es, die allerneuesten Erkenntnisse einem gläubigen Publikum multimedial aufbereitet bekannt zu machen. Benötigt werden Formen für einen Dialog, der den Nicht-Experten – also jeden – einlädt, sich für Wissenschaft zu interessieren.

Die Akademie hat mit „Gegenworte“ ein Vorhaben gestartet, das sich sowohl als Plattform für zunächst virtuelle Gespräche und Begegnungen versteht wie als Forschungsprojekt, das an der Entwicklung neuer, den heutigen Bedingungen angemessenen Formen der Kommunikation arbeitet. Die „Gegenworte” thematisieren Probleme an den Rändern der Disziplinen und sie verstehen sich als Experimentierfeld für eine Sprache, die weder unnötig simplifiziert, noch den Laien ausschließt.
 

Berichtet wird nicht über Ergebnisse der Forschung wie auf den Wissenschaftsseiten von Tageszeitungen, sondern darüber, wie Wissenschaft funktioniert, was man von ihr verlangen oder nicht verlangen kann, wie wissenschaftliche Probleme in die Gesellschaft hineinwirken und jenseits der präsentablen Ergebnisse für die Forschung relevant sind. In den „Gegenworte“ publizieren keineswegs nur Mitglieder der Akademie, auf den Seiten der zweimal jährlich erscheinenden Edition begegnen einander Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus unterschiedlichen Fächern, Journalisten, Praktiker, Schriftstellerinnen, Politiker und Künstler.

Jedes Heft greift ein Thema auf, das sowohl die wissenschaftliche Gemeinschaft wie die Öffentlichkeit betrifft. In verständlicher Sprache wird quer über Disziplinen und Genres hinweg öffentlich nachgedacht. Bisherige Themen waren u. a. die Forschungsfreiheit, Lug und Trug in den Wissenschaften, Public Understanding of Science, Forschung mit Tieren, Evaluierung, Interdisziplinarität, Sprache der Wissenschaft, Digitalisierung, Wissenschaft und Kunst, Utopien und Dystopien, die Frage nach einem neuen Gesellschaftsvertrag mit Wissenschaft, das Verhältnis zwischen Mythos und Wissenschaft, die Reduktion als Mittel wissenschaftlicher Erkenntnis und das Selbstverständnis von Forschenden und Lehrenden.

Kontakt
Dr. Ann-Christin Bolay
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