Wir schauen auf Kreta im Mittelalter: Die Insel, seit langem unter Herrschaft des Kaisers von Byzanz, gerät im Vierten Kreuzzug von 1203/4 in die Hand des Dogen von Venedig. Das bedeutet, dass die überwiegend griechisch-stämmige Bevölkerung jetzt Lebensmittel für die schnell wachsende venezianische Stadtbevölkerung produzieren muss, denn die Stadt in den Lagunen verfügt selbst über kein Hinterland. Die venezianische Kolonialregierung hat aber durchaus Konkurrenten: Die auf die Insel im Östlichen Mittelmeer ausgewanderten venezianischen Siedler, die griechischen Großgrundbesitzer, lateinische und byzantinische Klöster. Sie alle greifen nach den fruchtbarsten Böden und den besten Landarbeiter*innen und holen durch den Import von Sklavinnen und Sklaven überwiegend vom griechischen Festland zusätzliche Arbeitskräfte auf die Insel. Dem begegnet die venezianische Herrschaft mit Vorschriften über Abgaben, mit Zöllen und Handelsverboten. Durch eine Analyse der so entstandenen komplexen sozioökonomischen Beziehungen leitet Juliane Schiel (Universität Wien) ein neues Verständnis für agrarische Abhängigkeitsverhältnisse vor und am Beginn des kapitalistischen Kolonialzeitalters ab. Die Referentin blickt hinter die gebräuchlichen ‚Containerbegriffe‘, mit denen wir üblicherweise Epochen und Gruppen klassifizieren und bringt die dichten Datenreihen der mittelalterlichen Überlieferung in mikrohistorischer Betrachtung zum Sprechen.
Der Vortrag lädt dazu ein, klassische Epochenzuschreibungen mit empirischen Nahaufnahmen zu konfrontieren und über Stand und Perspektiven einer vergleichenden Sozialgeschichte des Mittelalters in der longue durée nachzudenken.
Eine Veranstaltung des Mittelalterzentrums der BBAW.