Historische Zeitleiste

August

Alexander von Humboldt

Alexander von Humboldt ist nicht nur ein gefeierter Naturforscher, sondern auch ein intimer Kenner der Akademie gewesen. Deshalb verdienen selbst eher gallige Bemerkungen zur Lage Aufmerksamkeit und Nachdenken. Darunter etwa die Christian Gottfried Ehrenberg (nach August 1845) mitgeteilte Entfernungsmessung zwischen akademischer Wissenschaft und Politik oder auch das gegenüber dem GeneraldirektorAlexander von Humboldt der Berliner Museen Ignaz v. Olfers am 17.9.1855 geäußerte Urteil: "Die Akademie ist ein sehr kleiner Procyon [Hundsstern] des Publikums, liebt wenig und haßt viel." (1)

Wenngleich augenblickliche Verstimmungen über falsche Entscheidungen manche Schärfen zu erklären vermögen, gibt es doch auch tieferliegende Gründe für Humboldts Unzufriedenheit mit der Gestalt der Akademie. Zwar schätzte er den Akademiegedanken sehr hoch; statt einer reinen Forschungsinstitution wollte er jedoch eine "Akademie der Wissenschaften und der Künste" errichtet sehen, die in einem "schönen Ganzen" die wissenschaftliche Kultur befördern könnte.
Ob wir uns heute mit Fragen der Wissenschaftsethik, der transdisziplinären Zusammenarbeit und der Öffnung zum Publikum leichter täten, wenn sich Alexander von Humboldts Vision durchgesetzt hätte?

(1) Kurt-R. Biermann, Beglückende Ermunterung durch die Akademische Gemeinschaft. Alexander von Humboldt als Mitglied der Berliner Akademie der Wissenschaften, Berlin 1991:79, Anm. 29.

Richard Willstätter

Der gebürtige Karlsruher gehört zu den bedeutendsten Chemikern unseres Jahrhunderts. Er studierte in München, wo dank des Wirkens von Justus von Liebig und seines Nachfolgers Adolf Baeyer eine der Hochburgen der Chemie entstanden war.

Willstätters wissenschaftliches Interesse galt über Jahrzehnte den Naturstoffen. Ebenso wie bei seinem Doktorvater Alfred Einhorn, der nach Arbeiten am Cocain das erste Lokal-Anästhetikum, das Novocain, erfunden hatte, bildete Cocain auch für den jungen Willstätter den Ausgangspunkt seiner wissenschaftlichen Arbeit. Nach jahrelanger Forschung konnte er das giftige Alkaloid der Tollkirsche Atropin strukturell aufklären, woran sich eine Generation von Chemikern bis dahin vergeblich versucht hatte.

Nach den Arbeiten zu den Pflanzenbasen wandte er sich den Pflanzenfarbstoffen und schließlich dem grünen Farbstoff aller Pflanzen, dem Chlorophyll zu. Seine wissenschaftlichen Fragestellungen reichten weit in die Zukunft, seine Ausgangsposition schien angesichts des Wissensstandes auf dem Gebiet der Chemie zu seiner Zeit meist aussichtslos. So wurde Willstätter vielfach zum Wegbereiter maßgeblicher wissenschaftlicher Erkenntnis, der Erfolg jedoch blieb künftigen Generationen vorbehalten. Er bahnte unbestritten den Weg zur Erforschung des Chlorophylls, die Synthese aber gelang erst 1960, fast 20 Jahre nach seinem Tode. Die Bearbeitung der Fermente, dieser chemischen Zauberkünstler des lebenden Organismus, wurde von Willstätter und einigen anderen Pionieren der organischen Chemie schon vor Jahrzehnten angepackt. Es bedurfte jedoch noch der Mühe zweier Wissenschaftlergenerationen, ehe ihre Struktur und Wirkungsweise aufgeklärt waren.

Mit dem Nachweis der Existenz des vierwertigen Sauerstoffs beispielsweise - jeder Chemielehrer seiner Zeit hätte hier einen groben Fehler angestrichen - gelang es Willstätter aber auch, die Grenzen der Erkenntnis seiner Zeit zu überschreiten. Überraschenderweise fand er wenig später, daß auf diesem vierwertigen Sauerstoff das Farbprinzip fast aller Blüten und Früchte beruht. Seiner Vorliebe zu Versteinerungen, etwa den "Steinernen Bäumen", verdanken wir - als grundlegendem Beitrag auf dem Gebiet der anorganischen Chemie - die Entdeckung der einfach gelösten Kieselsäure als Schlüsselsubstanz des Versteinerungsvorganges.

Willstätter gelangte mit seinen Forschungen oft an die Grenzen der Experimentierkunst. Seine Generation verfügte nicht annähernd über die experimentellen Möglichkeiten von heute. Es gab fast keine physikalischen Hilfsmittel zur Strukturaufklärung und erst recht nicht das riesige Angebot des internationalen Chemikalienhandels. Experimente zur Stoffwandlung waren stets davon abhängig, ob sich die gebildeten Substanzen kristallisieren oder durch Destillation abtrennen ließen. Das forderte nicht selten monatelange Bemühungen und vor allem sorgfältige Beobachtungen von oft unscheinbaren Veränderungen. Gelegentlich führte die aus heutiger Sicht primitive Arbeitsweise aber zu überraschend einfachen Lösung von Problemen. So fand Willstätter eine einfache Trennung der Edelmetalle Gold und Platin, als versehentlich Rückstände von Lösungen der wertvollen Metalle zusammengegossen worden waren.

Verglichen mit seiner Entwicklung als Wissenschaftlerpersönlichkeit vollzog sich der akademische Aufstieg Willstätters anfangs eher etwas schleppend. Zwar war er als 24-jähriger bereits habilitiert, doch mußte er sechs Jahre auf die außerordentliche Professur warten. Dann aber holten ihn Talentsucher aus der Schweiz auf eine Professur an das Polytechnikum in Zürich. Willstätter wurde schnell zu einem weltbekannten Mann. 1911 wurde er an eines der neugegründeten Kaiser-Wilhelm-Institute nach Berlin berufen. Hier wirkten damals herausragende Wissenschaftler wie Emil Fischer, Walter Nernst und Fritz Haber. Besonders mit Haber verband ihn eine tiefe Freundschaft. In die Berliner Zeit fällt die Wahl in die Preußische Akademie der Wissenschaften, eine von vielen wissenschaftlichen Ehrungen.

Im Institut für Chemie der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft in Dahlem sollten in nur 20 Monaten die Arbeiten über Pflanzenfarbstoffe ihren Höhepunkt finden. Kornblume und Rose, Pelargonie und Aster, Rittersporn und Dahlie feldmäßig angebaut, kamen zu prächtiger Blüte und wurden nicht mehr abgeerntet. Der Ausbruch des 1. Weltkrieges brachte alle Arbeiten zum Stehen. Willstätter befaßte sich dann mit der Entgiftung von Kampfstoffen und fand in überraschend kurzer Zeit in der Chemikalie Urotropin ein wirksames Mittel zur Gasmaskenfüllung gegen Chlor und Phosgen.

Das Jahr 1915 brachte die Zuerkennung des Nobelpreises für Chemie und die ehrenvolle Berufung auf den Lehrstuhl für allgemeine Chemie an der Universität München. Willstätter lebte in München für seine Arbeit, für sein Institut und für seine Studenten. Er war schon lange Zeit Witwer. Trotz der Unruhen des Krieges und der Nachkriegsjahre erfuhr er hier den Höhepunkt seines Lebens als Wissenschaftler.
1924 gab Willstätter seinen Lehrstuhl auf und legte alle Ämter nieder. Der Anlaß waren Unstimmigkeiten in Berufungsfragen, der tiefere Grund aber war Resignation vor der ständigen Zurücksetzung jüdischer Bürger. Willstätter, selbst Angehöriger der jüdischen Religionsgemeinschaft, spricht in seinen Lebenserinnerungen von den "Strömungen, dann der Sturmflut des Antisemitismus".
Diese "Sturmflut" sollte auch ihm nicht erspart bleiben. Mit der Wissenschaft und seinen Freunden verbunden verbrachte er zwar noch einige ruhige Jahre in seinem Münchener Heim. Dann aber mußte er die immer bedrohlichere Feindseligkeit des in Deutschland 1933 auch offiziell etablierten Antisemitismus erleben. Mit Zähigkeit, von einigen Freunden nach Kräften unterstützt, aber schon am Rande der Verzweiflung, gelang ihm im Jahr des Kriegsausbruches die Emigration in die Schweiz. Dort konnte er noch seine Lebenserinnerungen schreiben. Er verstarb 1942, wenige Tage vor seinem 70. Geburtstag.

Ernst Schmitz

Nach dem Tod ihres Ehegatten, des Astronomen Gottfried Kirch, ist Maria Margaretha Kirch, Entdeckerin eines Kometen und als Kalenderdatenproduzentin für die Erwirtschaftung der Akademieeinkünfte mitverantwortlich, mehrmals wegen ihrer Anwesenheit auf dem Königlichen Observatorium verwarnt worden.
Das Observatorium galt als sozialer Mittelpunkt der Societät und war der zentrale Repräsentationsraum. Nach offizieller Lesart manifestierte sich beim Gang der adligen und sonstigen hochrangigen Besucher durch das Observatorium die "Ehre der Societät". Die Anwesenheit einer Frau war nach übereinstimmender Mitgliedermeinung dieser Ehre unendlich abträglich. So versuchte man Maria-Margaretha Kirch bei offiziellen Anlässen zu verstecken; schließlich wurde ihr gar die Wohnung gekündigt. Doch keine Entscheidung ohne ausreichende Entscheidungsvorbereitung. In mehreren Berichten wurde Klage über das Verhalten der Astronomin geführt:
"Ward erzehlet, wie, da neulich der Geheimte Staats-Minister, Herr von Grumkow auf den Observatorio gewesen, die Frau Kirchin, wieder geschehene Verwarnung mit heraufgangen, und die vornehme Gesellschaft mit ihrem Geschwätz betäubet. Concl. Der Fr. Kirchin Weisung zu thun, daß sie sich in ihren Grentzen, das Observatorium, wenn Fremde da sind vermeiden, und derselben Unterhaltung dem Hrn Wagner und H. Kirch überlassen solle." (1)

(1) Archiv BBAW, Sign.: I, IV; Nr. 6, Protokolle des Konzils, f. 269.

- Red.

Klage
Daß die akademische Männergesellschaft wirklich nichts unversucht ließ, verdeutlich auch dies Dokument:

"Vicepres. ... Berichtet, wie die Fr. Kirchin zwar anstalt mache, nach Hamburg zu reisen, gedenke aber in Kurzem wieder zu kommen, und wolle zu dem end ihre sachen auf dem Hofe stehen laßen. Ob solches zu dulden.
Conc.
Um allen denen ungleichen Urtheilen und Nachreden, so der aufenthalt dieser Frauen im Societaet Hof verursachet, auf einmal zu begegnen, wird allerdings nötig sein, daß daraus geschaffet werde, und ihr den raum zu benehmen, wäre zu überlegen, ob nicht [der Factor und Buchhändler der Societät] Papen auf eine Zeit lang noch daselbst zu laßen, und die übrige Wohnung unter die beiden Observatores dergestalt zu teilen, damit sie dieselbe ganz erfüllen. Es könnte H. Kirch die Zimmer zur rechten des Eingangs für sich, H. Wagner aber die beiden Aerker oben behalten, die stube zur linken aber, so nach dem Garten gehet, sollte die gemeine studirstube bleiben." (1)

(1) Archiv BBAW I, IV; Nr. 6, Protokolle des Konzils, f. 317 f.

Jacob Paul Gundling

Nach Leibniz' Tod im Jahr 1716 blieb das Präsidentenamt der Sozietät sechzehn Monate unbesetzt. Erst am 5. März 1718 ernannte der König seinen Oberzeremonienmeister und Geheimen Rat Jakob Paul Gundling zum neuen Präsidenten.

Jakob Gundling ist eines der schillerndsten Akademiemitglieder des frühen 18. Jahrhunderts. Anerkannt als Gelehrter, Berater des Königs und von ihm mit Titeln überhäuft, gleichzeitig bei den Tafelrunden des Tabakskollegiums jedoch dauerhaft Ziel des Gespötts der Höflinge und des Königs selbst - eine Vita, die Schriftsteller mehrfach zu literarischer Gestaltung gereizt hat. (1)

Gundling erhielt, nachdem er an verschiedenen Universitäten Jurisprudenz und Geschichte studiert hatte, 1705 eine Anstellung als Professor der Rechte und der Geschichte an der kurz zuvor in Berlin gegründeten Ritter-Akademie. (2) Die Thronbesteigung Friedrich Wilhelms I. im Jahr 1713 bedeutete für Gundling das Ende seines bis dahin gesicherten Gelehrtenlebens. Wenige Wochen nach Amtsantritt hatte der König im Rahmen eines Sparpakets zugunsten der Erweiterung des Militärs kurzerhand die Ritter-Akademie geschlossen und Gundling erst einmal erwerbslos gemacht. Doch mit der Entlasssung nahm seine zweifelhafte Karriere bei Hof ihren Lauf. Noch im selben Jahr wurde er zum Zeitungsreferenten des Königs ernannt und ab 1717 versah er auch das Amt des Oberzeremonienmeisters. Der mit dieser Position verbundene Wohlstand hatte allerdings seinen Preis: Er machte Gundling zum Spielball der Launen und Willkür von König und Hofadel. "Als Oberzeremonienmeister und gleichsam ersten 'Entertainer' setzte der König den Gelehrten dem Spott des Hofadels und anderer Zeitgenossen aus. Die Narrenkappe hatte für Jakob Paul eine doppelte Funktion: Sie bot einerseits die Möglichkeit, im ständigen Umgang mit dem König seiner Trunksucht zu frönen und diesem unangenehme Wahrheiten über die Verhältnisse bei Hofe zu sagen, womit er freilich keine Änderungen bewirkte, und sie verschaffte andererseits dem Wissenschaftler, der er immer noch blieb, Zugang zu den Archiven für seine historischen Forschungen." (3) Was sich in der Beschreibung des distanzierten Beobachters wie eine List der Vernunft liest, war freilich als Leben offenbar nur schwer zu ertragen. Zwei mal trieben die Erniedrigungen und Eskapaden während der Tafelrunden beim Tabakskolleg des Königs Gundling in die Flucht.

Angesichts dieser Biographie kann es nicht verwundern, daß die historische Bewertung des Societätspräsidenten Gundling umstritten ist. Adolf von Harnack, der sich als Historiograph der Akademie dem Königshaus stets verpflichtet fühlte, widersprach der Ansicht, die Einsetzung Gundlings zum Präsidenten der Societät der Wissenschaften sei eine Verhöhnung des Gelehrtenstandes durch den König gewesen. "Dass er die Societät durch diese Ernennung verhöhnen wollte, ist unrichtig. Zur Verhöhnung wurde die - freilich von vornherein traurige - Wahl erst durch das schimpfliche Betragen Gundling's selbst." (4) Ohne die Situation bei Hof und vor allem die Verhältnisse in der Societät selbst (5) genauer in den Blick zu nehmen, erkennt Harnack auf bloße Charakterschwäche und macht diese allein für den Niedergang der Gelehrtengesellschaft verantwortlich: "Dreizehn Jahre lang hat dieser Mann als Leibnizens Nachfolger an der Spitze der Societät gestanden; je tiefer er sank, desto tiefer sank auch das Ansehen der Societät bei Hofe." (6)

Gundling hat erwiesenermaßen als Präsident recht wenig bewegt. Zwar versuchte er anfänglich eine Organisationsreform auf den Weg zu bringen; all seine Bemühungen scheiterten jedoch - ob am Willen des Königs oder der Unfähigkeit Gundlings ist strittig. Immerhin vermochte er, was selbst Harnack anerkannte, der Sozietät das Kalenderprivileg und damit die hochnötigen Einkünfte zu sichern. Auch hat er durchsetzen können, daß die Bibliothek der Sozietät von jedem in Preußen erscheinenden Buch ein Pflichtexemplar bekam. (7) Gundlings Reputation als Gelehrter ist bescheiden aber anerkannt. Isaacsohn nennt ihn den ersten, der nach Samuel Pufendorf die Bedeutung der Urkunde als Grundlage der Geschichtsschreibung erkannte und seine Publikationen darauf gegründet hat. (8) Weitere Verdienste hat er sich bei der Entwicklung der historischen Geographie Brandenburgs erworben.

(1) Vgl z.B.: Jochen Klepper: Der Vater, Stuttgart 1937; Martin Stade: Der König und sein Narr, Berlin 1975; Heiner Müller: Leben Gundlings Friedrich von Preußen Lessings Schlaf Traum Schrei, Berlin 1977.
(2) Meyers Konversations-Lexikon, 5. Aufl., Bd. 8, Leipzig und Wien 1897:943.
(3) Conrad Grau: Professor in Halle, Präsident in Berlin. Annäherungen an die Brüder Nikolaus Hieronimus Gundling und Jakob Paul Gundling, in: Europa in der Neuzeit. Festschrift für Günter Mühlpfordt, Bd. 5 Aufklärung in Europa, hrsg. v. Erich Donnert, Köln, Weimar, Wien 1999:244.
(4) Adolf v. Harnack: Geschichte der Königlich Preussischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin, Berlin 1900, Bd. 1.1:220.
(5) Vgl etwa Grau: Ibid 1999: 251. Die Einflußmöglichkeiten des Präsidenten auf die internen Vorgänge der Sozietät waren schon zu Leibnizens Lebzeiten begrenzt. Das eigentliche Leitungsorgan der Sozietät war das Concilium, dem der Beständige Sekretar, die vier Direktoren der Klassen und der Fiskal als Vertreter des Staates angehörten. "Gundling, der diesem Gremium nicht angehörte, aber an seinen Sitzungen teilnehmen konnte, erhielt am 5. März 1718 also ein ehrenvolles, durch Leibniz gleichsam geadeltes, aber funktionsloses Amt in der Sozietät."
(6) Harnack a.a.O.::222.
(7) Ibid:233.
(8) Allgemeine Deutsche Biographie, 10:128.

Durch königliche Verordnung vom 24.8.1708 wird der Sozietät der Wissenschaften die Zensur der "politischen und die Zeit-Geschichte enthaltenden alss gelahrten zur Literatur und Scientien gehöriger Schriften" aufgetragen. (1)

Anlaß für die Verordnung des Königs waren öffentlich ausgetragene Händel zwischen zwei Akademiemitgliedern. Der Literat Christian Oelven, anwesendes Mitglied der Akademie seit 1701, hatte seinen Sozietätskollegen, den Philosophen La Croze scharf angegriffen. Er fühlte sich in seiner Dichterehre durch ein abschätziges Urteil La Crozes über ein dem Hof gewidmetes Anagramm getroffen und beleidigt. Croze bewahrte in der Öffentlichkeit zunächst Haltung; Leibniz gegenüber beklagte er sich jedoch nicht weniger ausfallend als der Kollege über ein Komplott mehrerer Sozietätsmitglieder gegen ihn. Schließlich zog er Konsquenzen und teilte mit, er "wolle dem Gebell der Cyniker der Societät nicht länger ausgesetzt sein, und er trete aus einer Gesellschaft aus, von der ihm neulich ein hochangesehener Mann gesagt habe: 'Leute, die man anderswo in's Narrenhaus steckt, nimmt man hier in der Societät auf.'" (2)

Leibniz versuchte die in der Öffentlichkeit ausgetragene Fehde seiner Sozietätsbrüder mit großem Einsatz an Verständnis, Einfühlung und Takt zu schlichten. Doch sie nahm an Schärfe weiter zu und führte schließlich zu einer Klage von La Croze gegen Oelven. Auch für die Sozietät hatten diese Querelen spürbare Folgen. Mit zunehmender Dauer wurde sie selbst zur Zielscheibe des Spotts und mußte sich den Verdacht gefallen lassen, eine "societas obscurorum virorum" zu sein (3). Institutionell folgenreich wurde eine Entscheidung des Königs: in hausväterischer Weisheit, weiteren Schaden ab- und eine erzieherische List anwendend, setzte er die Sozietät als oberste Zensurbehörde für alle im Inland erscheinenden und vom Ausland eingeführten politischen und gelehrten Schriften ein. (4)

(1) Zit. n.: A. v. Harnack: Geschichte der Königlich Preussischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin, Berlin 1900, II:182 f.
(2) Ibid:I.1:155.
(3) Ibid:156.
(4) Vgl.: Ibid:154-157.

Denis Papin

Gottfried Wilhelm Leibniz nannte ihn den besten Kenner des Verhaltens flüssiger und gasförmiger Stoffe. Mit seinem Namen verbinden sich die Erfindung des Dampfkochtopfes sowie Konstruktion und Bau der ersten betriebsfähigen atmosphärischen Dampfmaschine. Die Rede ist von Denis Papin.
Der in Blois an der Loire geborene Papin wurde 1707 auf Leibniz' zum Mitglied der Berliner Wissenschaftsakademie gewählt - sein Mitgliedsdiplom hat er vermutlich nie erhalten, im Archiv der Akademie findet man weder eine Reaktion auf seine Wahl noch Hinweise auf sein Wirken. Daß sich gerade diese Akademie seiner dennoch würdigend erinnert, hat gute Gründe.

Zum einen verkörpern Papins Arbeiten auf heute noch bemerkenswerte Weise die Einheit von theoretisch-physikalischen Grundlagen und praktisch-technischen Anwendungen. Durch seine Jahre bei Huygens in Paris und später bei Boyle in London war Papin bestens über die neuesten Entwicklungen informiert: es war der atmosphärische Luftdruck entdeckt worden - Torricelli machte seine berühmten Versuche 1643 und Guericke baute um 1650 seine Magdeburger Halbkugeln - und es wurden die Gasgesetze formuliert. Die empirische Forschungsarbeit verlangte die Entwicklung von Luftpumpen und Windbüchsen, wie die Verdichter seinerzeit bezeichnet wurden. Hierzu leistete Papin durch den Bau entsprechender Maschinen wesentliche Beiträge. Durch die Untersuchung der Verdampfung und Kondensation erkannte er offensichtlich die Druckabhängigkeit der Siedetemperatur, auf der das Prinzip des Dampfkochtopfes beruht. Die Untersuchungen mit dem Dampfkochtopf aber machte er, um Verfahren der Lebensmittelzubereitung und -konservierung - z.B. die Geleeherstellung - unter dem Gesichtspunkt erhöhter Haltbarkeit oder Minderung des Brennstoff-Verbrauchs zu verbessern.

Zum anderen muß man sich die Bedeutung vergegenwärtigen, die die Erfindung der Dampfmaschine für die technische Entwicklung der nachfolgenden 250 Jahre hatte. Es ist durchaus keine dichterische Überhöhung, wenn Adalbert von Chamisso, gleichfalls Mitglied der Berliner Akademie, die Dampfmaschine als die erste "warmblütige" Erfindung der Menschheit feierte. Mit Konstruktion und Bau der atmosphärischen Dampfmaschine, bei der auf die Ausnutzung der Kondensation verzichtet wird, wie es bei den Dampflokomotiven noch heute üblich ist, konnte Papin den wesentlichen Entwicklungsschritt vor Watt vollziehen. Und ihm war bewußt, daß der menschlichen Gesellschaft auf diese Weise der Zugang zu einer neuen Energiequelle erschlossen war. An Leibniz schrieb er über die Maschine "die der Theorie nach die Kräfte der Menschen bis ins Unendliche steigern muß. Was aber die praktische Seite anbelangt, so glaube ich ohne Übertreibung behaupten zu können, daß mit Hilfe dieses Mittels ein einziger Mensch die Arbeit von sonst hundert verrichten wird." Daß die Maschine schon nach der Funktionsüberprüfung nicht mehr betrieben werden konnte, ist der damaligen Fertigungstechnik zuzuschreiben: die Verbindung der einzelnen Elemente, auch der Rohrleitungen, wurde mit Kitt hergestellt!

Mit dem geistigen Vater und ersten Präsidenten der 1700 gegründeten Societät, Gottfried Wilhelm Leibniz, verbindet Papin ein über anderthalb Jahrzehnte hinweg geführter außerordentlich intensiver Briefwechsel. Beide hatten sich 1672/73 in Paris persönlich kennengelernt. Ihr Briefwechsel gibt nicht nur Aufschluß über die Gedanken und Vorstellungen von Papin, sondern belegt auch Interesse und Mitwirkung von Leibniz an technischen Entwicklungen - getreu seinem Leitmotiv "theoria cum praxi". So ist belegt, daß Leibniz zur Verbesserung der Papinschen Dampfmaschine Vorschläge zur Speisewasserversorgung, zur Speisewasservorwärmung, zu einem regenerativen Betrieb, der erst von Stirling erneut aufgegriffen wurde, und zur Automatisierung des periodischen Betriebs gemacht hat. Papin aber erhielt nicht die Gelegenheit, nochmals eine Dampfmaschine zu bauen und so blieben auch all die Leibnizschen Vorschläge ohne praktische Umsetzung.

Papin hatte zunächst in Angers Medizin studiert. Noch vor 1669 muß er den Doktorhut erworben haben. Schon 1671 ist er in Paris und arbeitet bei Huygens, beschäftigt er sich mit dem Bau von Luftpumpen und der Konservierung von Lebensmitteln. Ab 1675 arbeitet er in London u. a. bei Boyle, wird 1680 Mitglied der Royal Society und entwickelt den Digestor (Dampfkochtopf). Von 1682 bis 1684 ist er in Venedig, wo eine Akademie aufgebaut werden und er die Leitung der Experimente wahrnehmen soll. 1684 kehrt er nach London zurück und wird temporary curator of experiments an der Akademie. Er beschäftigt sich u.a. mit der Weiterentwicklung von Luftpumpen, mit Heberkonstruktionen, mit der Entwicklung von Barometern, mit der Untersuchung von Prozessen im Vakuum (Verbrennung, Schallausbreitung), der Verwendung des Vakuums zum Konservieren. Nachdem 1685 in Frankreich das Edikt von Nantes aufgehoben wurde, bleibt ihm als Hugenotten die Rückkehr in die Heimat verwehrt. Er nimmt deshalb 1687 eine Professur für Mathematik und Physik in Marburg an. Wenngleich seine Vorlesungen zur Hydraulik und (vermutlich) zur Optik wohl nur auf mäßiges Interesse bei den Studenten trafen, zeugt doch eine lange Liste von Entwicklungen von der Kreativität Papins in dieser Zeit. Ihn beschäftigen Luftpumpen, Pulvermaschinen, Hochdruckmaschinen, ein Tauchschiff, Kanonen. Er befaßt sich mit Problemen der Kraftübertragung, der Ofenentwicklung und der Überhitzung des Dampfes. Man findet bei ihm den ersten Fön und die erste Luftmatratze.

Den Höhepunkt seiner Entwicklungen bildet zweifellos die Inbetriebnahme der atmosphärischen Dampfmaschine 1707 in Kassel. Unterstützung findet Papin für seine Arbeiten beim Landgrafen Carl von Hessen wenn auch sporadisch, da dieser durch die Kriege seiner Zeit stark in Anspruch genommen war. Und so bedurfte es auch mehrerer Anläufe seitens Papin, ehe der Landgraf schließlich 1707 seinem Wunsch auf Entlassung zustimmt. Papin geht nach London. Was ihn zu diesem Schritt veranlaßt, bleibt nur zu vermuten. Wahrscheinlich spielte der höhere Entwicklungsstand des englischen Maschinenbaus eine Rolle. Leibniz jedenfalls versucht ihn in Deutschland zu halten, schlägt ihn in dieser Zeit für die Wahl in die Berliner Akademie vor.
Papins Aufenthalt in London aber ist keineswegs von Erfolg gekrönt. Vielleicht weil zur selben Zeit die englische Entwicklung einer mit der von Papin vergleichbaren Dampfmaschine von Savery bekanntgeworden war. Papin hatte sich zu Vergleichsuntersuchungen angeboten. Vielleicht aber auch, weil er mit einem Empfehlungsschreiben von Leibniz an die Royal Society kam, deren Präsident Newton war. Newton und Leibniz lagen zu jener Zeit in einem schwer nachvollziehbaren Streit um die Priorität bei der Begründung der Infinitesimalrechnung.

Aus dem Briefwechsel Papins mit dem Sekretär der Royal Society Sloane jedenfalls sind zahlreiche Entwicklungen Papins in jenen Jahren bekannt: so der Vorschlag einer Druckkammer, einer Warmkammer für medizinische Behandlungen und einer Art Sicherheitsschloß für Kassetten. Er befaßt sich mit der Uhrenentwicklung und konzipiert einen neuen Verbrennungsofen. Er entwickelt eine Zahnradkraftübertragung, die in dieser Form erst bei Otto wiederzufinden ist und denkt theoretisch über den Radwiderstand nach. Doch allen Vorschlägen ist dasselbe Schicksal beschieden: wegen fehlender Mittel werden sie nicht ausgeführt.
Papin stirbt (wahrscheinlich) 1712 - wo, ist nicht gesichert überliefert.

Ein Biograph schreibt über Papin: "Sein Grundzug bestand in einer übergroßen Reizbarkeit, einer echt französischen Leidenschaftlichkeit. Sie bereitete ihm so manche Widerwärtigkeit, wenn er sich von ihr hinreißen ließ, aber sie wirkte antreibend und kräftigend, wenn er sie beherrschte. Daraus leitet sich auch seine Energie ab, die ihn in so reichhaltigem Maße zu außergewöhnlichen Vorschlägen und auch Erfolgen befähigte."

Wolfgang Fratzscher

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