Historische Zeitleiste

März

MaupertuisSamuel KönigLeonhard Euler

Ruhm und Ehre gebühren in der Wissenschaft dem, der eine neue Erkenntnis zuerst der Gemeinschaft der Forschenden mitteilt. Oft liegen die Lösungen in der Luft und an vielen Orten wird fieberhaft um die Wette gedacht und geforscht. Daß solche Steitigkeiten innerhalb einer Einrichtung entstehen, dürfte freilich eher selten sein. Die Priorität für einen solchen Prioritätenstreit gebührt wohl der Akademie.

Auf den März 1751 läßt sich der Beginn des "Aktionsstreites" zwischen dem Mathematiker Samuel König und dem Akademiepräsidenten Pierre-Louis Moreau de Maupertuis datieren. Die hitzigen Diskussionen machten die Akademie zum öffentlichen Gesprächsthema -sogar der preussische König war involviert - doch haben die persönlichen Eitelkeiten vor allem des Präsidenten, dem Ansehen der Akademie eher geschadet.

Mit dem Prinzip der kleinsten Aktion haben sich zuvor und danach eine Vielzahl der deutendsten Gelehrten - von Leibniz und Euler bis Helmholtz und Einstein - beschäftigt.

 

Maupertuis

Der "Aktionsstreit"
Der 1746 von König Friedrich II. zum Akademiepräsidenten ernannte Maupertuis nahm für sich in Anspruch, ein Prinzip entdeckt zu haben, das in allen Wissenschaften Gültigkeit besitzt und diese sogar neu begründet. Das "Principe de la moindre action", das zur Berechnung von Bahn und Geschwindigkeit bewegter Massen ein Minimum von verwendeter Aktionsmenge ansetzte, wurde von Maupertuis zudem als Beweis für das Dasein Gottes gedeutet.

Im Märzheft der Leipziger Zeitschrift Nova Acta Eruditorum erschien 1751 ein Aufsatz des Mathematikers Samuel König, in dem die Fassung des Prinzips der kleinsten Aktion durch Maupertuis als falsch und die gewählten Beispiele als unpassend kritisiert wurden. Ein Bewunderer von Leibniz, Schüler und Verehrer Christian Wolffs versuchte König überdies anhand des Bruchstückes eines Briefes von Leibniz an Jacob Hermann nachzuweisen, daß Leibniz als der eigentliche Entdecker des Prinzips zu gelten habe. Besondere Brisanz erhielt diese Zuschreibung an Leibniz, weil innerhalb der Akademie gerade heftig über die Gültigkeit von dessen Monadenlehre gestritten wurde und sich über dieser Frage zwei feindliche Lager gebildet hatten. Die Parteinahme Königs für das Lager Wolffs, dem auch Heinius, Formey und später Sulzer angehörten, provozierte den von Maupertuis und seinen Anhängern Euler und Merian angeführten Gegner zusätzlich.

Auf Betreiben Maupertuis' forderte die Akademie zur Entscheidung des Aktionsstreites von Samuel König die Vorlage des Originalbriefes, den Leibniz an Jacob Hermann im Jahre 1707 geschreiben hatte. Zudem stellten die Akademie und später sogar König Friedrich II. selbst Nachforschungen an. Gefunden werden konnte allerdings nur eine Abschrift des Briefes in der Sammlung des Schweizer Kapitäns Samuel Henzi. Zu wenig, um den Präsidenten zum Einlenken zu bewegen. Vielmehr verschärfte Maupertuis die Gangart. Um als unangefochtener Sieger des Prioritätenstreites gelten zu können, wirkte er auf die Abgabe eines Urteils der Akademie über die Echtheit des Briefes hin. Schließlich beugte sich die Versammlung dem Wunsch des Präsidenten und erklärte, gestützt allein auf das Urteil des Gutachters Euler - bei Anwesenheit nur der Hälfte ihrer Mitglieder - den Brief einstimmig als eine Fälschung.

Samuel König schickte der Akademie 1752 daraufhin sein Diplom zurück und legte die Mitgliedschaft als Auswärtiges Mitglied nieder. Ein Sturm der Entrüstung brach los, der sich weniger an den einzelnen sachlichen Positionen des Streites entzündete, als daran, daß der Präsident offenkundig seine Macht mißbraucht und sich König gegenüber unwürdig benommen hatte.
Der Streit um das Prinzip der kleinsten Aktion, in den schließlich auch Voltaire noch eingriff, dauerte bis zum Tod von Maupertuis im Jahr 1759 an.

Eine ausführliche Darstellung dieses Streites in der Akademie liefert A. Harnack, Geschichte der Königlich Preussischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin, Berlin 1900, Bd. 1.1: 331-345. Die Geschichte der sachlichen Auseinandersetzungen erklärt Hermann von Helmholtz 1887 in seiner Akademierede über die Entdeckungsgeschichte des Prinzips der kleinsten Aktion, in: Sitzungsberichte der Akademie 1887, II:749-757; Der Wortlaut dieser Rede ist auch bei Harnack, Bd. II:282-296 abgedruckt.

Andreas Sigismund Marggraf

Wir sind gewohnt, den Aufschwung der Chemie in Deutschland mit dem Wirken Justus Liebigs (1803 - 1873) zu verbinden, denn Liebig steht mit seiner einzigartigen Bedeutung für Forschung und Unterricht sowie der Auswirkung auf die Wirtschaft eindeutig am Beginn einer Entwicklung, die nach ihm nicht wieder abgerissen ist. In Berlin wirkte jedoch fast 100 Jahre vor Liebig mit Andreas Sigismund Marggraf ein Chemiker, der durch grundlegende Entdeckungen am Anfang von vielen heute bedeutenden wirtschaftlichen Entwicklungen steht.

Wie kam das Preußen des 18. Jahrhunderts zu einer solchen Chemiker-Persönlichkeit? Brandenburg-Preußen hatte 100 Jahre zuvor durch die Ansiedlung der Hugenotten einen guten Schuß merkantilen Geist und Weltoffenheit erhalten. Unter ihrem ersten König, Friedrich I., hatte die Hauptstadt zwar keine Universität, aber höfischen Glanz, Architektur und so viel Atmosphäre entwickelt, daß ein Mann wie Leibniz gewonnen werden konnte. Des Königs Sohn Friedrich Wilhelm I. hat nicht nur den preußischen Militarismus geschaffen und seine Untertanen geprügelt, sondern auch einiges zu deren Nutz und Frommen vollbracht. Durch rigoroses Sparen hat er den Schuldenberg seines großzügigen Vaters abgetragen; die Sauberkeit und Effizienz der Verwaltung ist sein Werk. Die von ihm zunächst unglaublich rüde behandelten Gelehrten haben jahrelang von den nachgezahlten Gehältern gelebt, die der großzügige Vater schuldig geblieben war. Friedrich Wilhelm I. hat die Charité gegründet, um Militärärzte auszubilden, gefördert hat er damit allerdings die gesamte Entwicklung der Medizin. Sein Appell an wirtschaftliches Denken hat dazu beigetragen, daß die wirtschaftliche Verwertung wissenschaftlicher Entdeckungen auf die Tagesordnung kam.

Marggraf wurde am 3. März 1709 als Sohn eines Apothekers geboren. Der Vater war zu Wohlstand gekommen, so daß sein Sohn zeitlebens wirtschaftlich unabhängig war und auch den Aufwand seiner Forschung selbst bestreiten konnte. Er erlernte zunächst in der väterlichen Apotheke das Apothekergewerbe und wurde dann durch den Hofapotheker Neumann fünf Jahre weitergebildet. Neumann war Schüler von Stahl, dem bekannten Phlogiston-Theoretiker. Marggraf arbeitete dann in damals berühmten Apotheken in Frankfurt am Main und in Straßburg; er studierte 1733/34 in Halle Medizin und war anschließend in Freiberg tätig, wo er bei Baurat Henckel die noch wenig betriebene "nasse Analyse" erlernte. Als Sechsundzwanzigjähriger kehrte er nach Berlin zurück, wo er bis zu seinem Tode blieb. Bereits zwei Jahre später wurde er Mitglied der Akademie.

Die Akademie besaß zu dieser Zeit in der Dorotheenstraße 10 ein chemisches Laboratorium. Dort befaßte sich Marggraf zunächst mit dem Phosphor, der zwar bekannt, aber noch teurer als Gold war. Marggraf vervollkommnete die Herstellung, indem er Urin mit Bleikalk, Salmiak und Weinstein eindampfte und erhitzte. Nach vergeblichen Versuchen, Phosphor mit Edelmetallen zur Reaktion zu bringen, fand Marggraf dessen leichte Reaktion mit Schwefel. Diese Reaktion wird heute industriell in großem Maßstab durchgeführt und ergibt die Vorprodukte bekannter Insektizide.

Bei der Verbrennung des Phosphors zum Pentoxid beobachtet Marggraf, daß das kristalline Produkt schwerer ist als der eingesetzte Phosphor. Die Alltagserfahrung, daß, wer etwas verbrennt, nachher weniger an Gewicht zusammenzukehren hat, hatte bekanntlich die Theorie des Phlogiston begünstigt. Ihr zufolge sollte ein geheimnisvoller Stoff "Phlogiston" beim Verbrennungsvorgang entweichen. Marggraf, der sich ohnehin nicht für Theorien aufreibt, gelangt von seiner Beobachtung allerdings nicht zu einer neuen Interpretation der Verbrennung. Das gelingt erst eine Generation später Lavoisier in Frankreich.

1745 erscheint eine Arbeit, die die Auflösung von Gold, Silber und anderen Schwermetallen in einer Alkalilauge beschreibt, "welche vorhero mit getrocknetem Rinderblut calcinieret war". Marggraf hatte nach heutiger Kenntnis cyanidhaltige Lauge verwendet und damit nicht nur das Cyanid, sondern auch dessen Lösevermögen für Edelmetalle gefunden.

1749 wird eine Arbeit über die Herstellung von Zink publiziert, die für die Metallurgie besonders wichtig wurde. Marggraf hatte die Flüchtigkeit des Zinks entdeckt und beschrieb die Abscheidung frisch reduzierten Zinks durch Destillation. 200 Jahre lang benutzte man dieses Prinzip zur industriellen Zinkgewinnung.

Untersuchungen an pflanzlichem Material führten zur Entdeckung von "mineralischem und vegetabilischem Alkali", nach heutiger Sicht der Natrium- und Kaliumsalze. Marggraf findet sie nicht nur in der Pflanzenasche, sondern kann sie auch aus der Pflanze selbst extrahieren. Sie sind also kein Artefakt der Verbrennung. Bei dieser Gelegenheit findet Marggraf die Flammenfärbung durch Salze des Natriums (gelb) und des Kaliums (violett). Der Chemiker weiß heute, daß Kaliumsalze außerordentlich rein sein müssen, damit ihre Flammenfärbung nicht von der gelben Farbe des Natriums überdeckt wird, und bekommt Respekt vor Marggrafs Arbeitsweise.
1759 - Preußens Heer erleidet die Niederlage bei Kunersdorf - entdeckt Marggraf die Hydroxide des Magnesiums und des Aluminiums, die in unserem Jahrhundert Vorprodukte der Erzeugung der beiden Leichtmetalle sein werden.

Die spektakulärste und wirtschaftlich bedeutendste Arbeit von Marggraf ist der Nachweis des Zuckers in Rüben und seine Isolierung. Diese Arbeiten sind wahrscheinlich aus den genannten Versuchen hervorgegangen, Salze aus Pflanzenmaterial zu isolieren. Die Arbeitsweise ist nämlich ganz ähnlich. Der erste Nachweis von Zucker scheint relativ einfach gewesen zu sein: An der Oberfläche von getrockneten Rübenscheiben ließen sich mit dem Mikroskop Zuckerkristalle nachweisen. Sehr viel schwieriger waren Versuche, wägbare Mengen des Zuckers zu isolieren. Extraktion mit Alkohol führte zum Ziel. Die Angaben in Pfund und Unzen lassen eine Ausbeute von sechs Gewichtsprozent errechnen - die heutige, züchterisch veredelte Rübe ergibt das Dreifache.
Marggraf macht sich bereits daran, den als Lösungsmittel allzu akademischen Alkohol durch Wasser zu ersetzen. Jeder, der einmal Zuckerrübensaft eingedampft hat, weiß, daß man statt Zucker einen schwarzen Sirup erhält.

Marggraf kennt bereits den günstigsten Monat für Ernte und Verarbeitung der Rübe. Er bemüht sich stark um eine Zuckergewinnung im großen Maßstab. Trotzdem ist er sich bewußt, daß die Einführung einer Zuckerproduktion weit über seine Kräfte geht. Erst sein Schüler und Nachfolger im Amt Carl Achard wird ein halbes Jahrhundert später diese Aufgabe lösen, mit einem über Jahre erbrachten Einsatz aller Kräfte und auch seines Vermögens, außerdem begünstigt durch die napoleonische Kontinentalsperre, durch die kein Rohrzucker nach Europa kommt.
Marggraf lebt als Junggeselle in dem Haus, in dem sich auch das Laboratorium befindet. 1770 erleidet er einen Schlaganfall, von dem er sich nur langsam erholt, und von dem ihm eine teilweise Lähmung bleibt. Er arbeitet dennoch weiter, aber man sieht es Schriftstücken aus dem letzten Jahrzehnt seines Lebens an, wie schwer ihm selbst das Schreiben fällt. Er stirbt nach einem arbeitsreichen Leben im Alter von 73 Jahren.

Ernst Schmitz

Max PlanckHeinrich LüdersHans Stille

Am 14.3.1939 richteten die ehemaligen Sekretare Max Planck, Heinrich Lüders und Hans Stille ein Schreiben an den kommissarischen Präsidenten der Akademie, den Mathematiker Theodor Vahlen, in dem sie auf die drohende Gefahr hinwiesen, der Akademie könne - nach den bereits erfolgten Eingriffen des Reichsministeriums für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung - nun auch das für die Bewahrung eines Mindestmaßes an Selbststeuerung essentielle Recht, die Mitglieder des Akademiepräsidiums selbst zu wählen und sie dem Ministerium zur Ernennung vorzuschlagen, genommen werden.(1)

Dieser Besorgnis vorausgegangen war die Forderung des Reichsministers Bernhard Rust im Jahre 1938, "die Satzungen der Akademie entsprechend den Grundanschauungen, auf denen das staatliche und geistige Leben der deutschen Gegenwart beruht, umzugestalten".(2) Etabliert werden sollte mit diesem Vorstoß vor allem die Durchsetzung des Führerprinzips, die Anwendung des Reichsbürgergesetzes auf die Akademiemitglieder, die räumliche Beschränkung für Ordentliche Mitglieder auf Preußen sowie die Bestätigungspflicht für die Zuwahlen zu allem Mitgliedsarten.
Schließlich blieb der Akademie das Vorschlagsrecht für das Akademiepräsidium erhalten. Rust ließ allerdings wenige Wochen später wissen, er werde, "die Bestätigung versagen", wenn [ein Vorgeschlagener] Jude im Sinne desReichsbürgergesetzes ist."(3)

(1) Vgl. W. Hartkopf & G. Wangermann, Dokumente zur Geschichte der Berliner Akademie der Wissenschaften von 1700 bis 1990, Heidelberg, Berlin, New York 1991:446 f.
(2) Erlaß des Reichsministers für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung vom 8. Oktober 1938, in: ibid: 438 f.
(3) Erlaß des Reichsministers für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung vom 22. November 1938, in: ibid: 441.

Schreiben vom 14.3.1939
An
den kommissar. Präsidenten der
Preuss. Akademie der Wissenschaften,
Herrn Professor Dr. Vahlen


Berlin NW 7
Unter den Linden 38

Sehr geehrter Herr Kollege!
Es ist uns gerüchtweise zur Kenntnis gekommen, daß im vorgeordneten Ministerium der Plan erwogen werde, im Absatz 3 des § 6 der neuen Satzungen der Akademie, der von der Ernennung des Präsidiums handelt, die Worte "auf Vorschlag der Akademie" zu streichen.
Da das Vorschlagsrecht der Akademie nach unserer Auffassung zu ihren lebenswichtigen Befugnissen gehört, durch deren Schmälerung ihrem Ansehen im In- und Ausland ein empfindlicher Schaden zugefügt werden würde, so wären wir Ihnen zu Dank verbunden, wenn Sie alsbald Gelegenheit nehmen wollten, im Ministerium nähere Erkundigungen über diesen Punkt einzuziehen und gegebenenfalls auf das Bedenkliche einer solchen Maßregel hinzuweisen. Indem wir diese Bitte, die auf die Aufrechterhaltung eines von der Akademie einstimmig gefassten Beschlusses hinauskommt, an Sie richten, glauben wir im Sinne der Gesamtheit der Mitglieder unserer Akademie zu handeln.
Sollte die oben angedeutete Gefahr ernsthafte Formen annehmen, so bitten wir Sie, in tunlichst kurzer Frist eine außerordentliche Gesamtsitzung der Akademie anzuberaumen, in welcher der Akademie Gelegenheit gegeben wird, zu der Frage dieser Änderung des von ihr seinerzeit einstimmig beschlossenen Satzungsentwurfs Stellung zu nehmen.

Heil Hitler!

gez. Planck, gez. Lüders,
gez. Stille.

An
sämtliche Ordentliche Mitglieder der
Preuss. Akademie der Wissenschaften!
Obige Abschrift übersende ich zur gefl. Kentnissnahme.

Heil Hitler!

gez. Planck

Vorschlagsrecht
Die Erlasse des Reichsministeriums sahen durchgängig eine Bestätigung aller Wahlen durch das Ministerium vor, das Vorschlagsrecht selbst aber sollte nicht beseitigt werden. Sowohl der Erlaß des Reichsministers vom 22.11.1938, als auch die neue Satzung der Akademie vom 8.6.1939 sind in dieser Hinsicht eindeutig. Freilich stellt die Bedingung, daß nur "Reichsbürger" Ordentliche Mitglieder werden konnten und von den maximal 200 Korrespondierenden Mitgliedern höchsten 50 Ausländer - keinesfalls aber Juden - sein durften, einen eminenten Eingriff in die Zuwahlmöglichkeiten dar.(1)
Das Gerücht über die Streichung des Vorschlagsrechts, das Planck, Lüders und Stille zu ihrem Brief veranlaßt hatte, basiert vor allem auf dem Verhalten des Reichsministeriums bei der Ernennung des Präsidiums der Akademie. Nachdem die Akademie am 15.12.1938 den Entwurf der neuen Satzung angenommen hatte, die weitgehend den Forderungen der Erlasse des Reichsministers Rust vom Oktober und November entsprach, trat der vierte Sekretar der Akademie, der Jurist Ernst Heymann, am 22.12.1938 von seinem Amt zurück. Die übrigen drei Sekretare folgten seinem Schritt. Damit bot sich dem Minister eine Chance, die Akademieleitung nach seinen Wünschen zu besetzen. Er tat dies am 23.12.1938, indem er Theodor Vahlen zum kommissarischen Präsidenten und Heymann zum kommissarischen Vizepräsident bestimmte.

Bereits in der Plenarsitzung der Akademie vom 12.1.1939 wurde dagegen Widerstand laut, denn auch die Niederlegung der Geschäfte durch die vier Sekretare war ohne vorherige Mitteilung an das Präsidium erfolgt. Heymann begründete den damaligen Schritt zwar mit Zeitnot, die Mitglieder waren sich jedoch über der Druck, den das Reichsministerium ausübte, um eine wunschgemäße Besetzung der Akademieleitung herbeizuführen, durchaus im Klaren.(2)


Viele Akademiemitglieder verweigerten schließlich der En-bloc-Abstimmung über das neue Präsidium ihre Zustimmung. Als Vahlen nach Bekanntgabe der neuen Satzung in der Plenarsitzung der Akademie am 15.6.1939 den Mitglieder zur Wahl aufrief, schlug Planck Hans Stille als Präsidentschaftskandidaten vor. In der anschließenden Einzelabstimmung erhielt Vahlen 23 und Stille 25 Ja-Stimmen; in der entscheidenden zweiten Abstimmung kam es zur Stimmengleichheit. Vahlen mußte dem Reichsminister nun mitteilen, daß die Akademiemitglieder ihm die Gefolgschaft versagt hatten. Über seinen Staatssekretär ließ der Minister daraufhin am 24.6.1939 die Einsetzung von Vahlen als Präsident, von Heymann als Vizepräsident sowie des Mathematikers Ludwig Bieberach als Sekretar der Mathematisch-naturwissenschaftlichen, des Ägyptologen Hermann Grapow als Sekretar der Philosophisch-historischen Klasse sowie von Helmuth Scheel als Direktor verkünden.(3)

1) Vgl. W. Hartkopf & G. Wangermann, Dokumente zur Geschichte der Berliner Akademie der Wissenschaften von 1700 bis 1990, Heidelberg, Berlin, New York 1991:144-150, 438-439, 441-442.
2) Vgl. C. Grau, W. Schlicker & L. Zeil, Die Berliner Akademie der Wissenschaften in der Zeit des Imperialismus. Teil III: Die Jahre der faschistischen Diktatur 1933 bis 1945, Berlin 1979:69 f.
3) Ibid:72.

- Red -

Hans-Holm Bielfeldt

Die Philologie vermag das an Wissenschaft interessierte öffentliche Bewußtsein weit weniger zu beschäftigen als etwa die Geschichtswissenschaft. Philologien teilen sich nach genetischer Sprachverwandtschaft verschiedenen Grades, nach der Zugehörigkeit zu Sprachfamilien. Für die romanischen Sprachen ist die Romanistik, für die germanischen die Germanistik, für die slawischen die Slawistik zuständig usw. Die Verwandtschaft der Sprachen, nicht eine Verwandtschaft der Literaturen, bildet die philologischen Disziplinen. Gliedert sich die Philologie nach verwandten Sprachen, muß sie sich auch den Menschen zuwenden, die sie sprechen, ihren kulturellen Leistungen, besonders ihren Literaturen, ihren Wertvorstellungen und den politischen Umständen und Gebilden, in denen sie leben. Der Rang, der einer Philologie gewährt wird, kann nicht unberührt bleiben von äußeren Beziehungen, historisch-politischen, kulturellen und gegebenenfalls strategischen, die zu den Ländern bestehen, die lebendiges Interessengebiet dieser Philologie sind.

Es ist begreiflich, daß die slawische Philologie besonders empfindlich für solche Reperkussionen war. Die Frankfurter Halbmonatsschrift "Das Freie Wort" beklagte im Jahre 1905, daß "... man zwar an fast allen zwanzig Universitäten des damaligen Deutschlands orientalische Sprachen studieren könne, Slawistik aber nur an dreien, Berlin, Leipzig und Breslau". Bedeutende Slawisten mußten ihre Außenseiterrolle unter den Philologen zugeben: "Die slavische Philologie blieb eine reine Kathederwissenschaft, eingeengt auf den Kreis weniger Gelehrter und ohne jeglichen Widerhall in der Gesellschaft. Wer sich ihr in Deutschland widmen will, braucht die größte Resignationsfähigkeit. ... der Kulturwert des Slavischen wird heute so wenig berücksichtigt wie im Jahre 1908 ... Wer ist daran schuld, daß wir über diese für die deutsche Wissenschaft so beschämende Zustände ... nicht oder kaum doch hinaus gekommen sind? ... Den gebildeten Kreisen ist die Bedeutung dieser großen Philologie völlig unbekannt geblieben." (1)

Man muß etwas von dieser Konstellation der slawischen Philologie wissen - auch davon, daß sich das Interesse an der russischen Sprache bis zum zweiten Weltkrieg im wesentlichen auf Generalstabsoffiziere, Großkaufleute und sprachvergleichende Indogermanisten beschränkte -, wenn man Gestalt und Leistung des deutschen Slawisten Hans-Holm Bielfeldt zu verstehen und zu würdigen versucht.


Die Lage der Slawistik in der sowjetischen Besatzungszone Deutschlands und in der DDR schien unmittelbar nach Kriegsende aussichtsreich. Die zwei berühmtesten Slawisten Deutschlands, Max Vasmer und Reinhold Trautmann, befanden sich im Osten, an der Berliner Humboldt-Universität und an der Leipziger Universität. Slawistische Lehrstühle konnten nahezu lückenlos errichtet, wenn auch nicht immer ganz angemessen besetzt werden. Die Philologie, die sie betrieben, besonders die russische, fand sich in einer gesellschaftspolitischen Umgebung, die ihr bevorzugten Rang zu versprechen, die Bewahrung philologisch-traditioneller Aufgaben jedoch zu gefährden schien. Es war eine Konstellation von an Ironie grenzender Gegensätzlichkeit. Das unverdiente, aber zählebige Schattendasein der klassischen Slawistik, ihre latente Zurücksetzung mußte abrupt ein Ende finden, als unvermittelt und unverhofft an allen Bildungseinrichtungen der obligatorische Russischunterricht eingeführt wurde, begleitet und veranschaulicht von der Alltagspräsenz dieser Sprache und gelegentlich huldigenden Verbrämungen. Eine sonst jeder Philologie hochwillkommene gymnasial-pädagogische Legitimierung, ausgedehnt auf alle Schul- und Fachbildung, mußte mit der Tradition und dem Niveau einer exklusiven, aber vernachlässigten Slawistik in Einklang und zu wechselseitigem Gewinn gebracht werden.

Es fiel vor allen Hans-Holm Bielfeldt zu, der bis dahin schwächsten der Philologien großer Kultursprachen Europas zu unvoreingenommenem Ansehen und angemessenem kulturpolitischen Rang zu verhelfen. Bielfeldt stand vor dieser Aufgabe nicht allein, aber die großen Mitstreiter blieben nicht an seiner Seite. Reinhold Trautmann verließ Leipzig im Herbst 1948. Er folgte einem Ruf nach Jena, wo er nach längerer Krankheit im Oktober 1951 starb. Max Vasmer kehrte nach zweijähriger Tätigkeit an der Stockholmer Universität nicht an die Humboldt-Universität, sondern an die neugegründete Freie Universität Berlins zurück. Anfang Januar 1953 blieb auch der Ordinarius für Slawistik an der Leipziger Universität nicht länger in der DDR. Reinhold Olesch hatten drei Jahre gereicht, den Rang dieser Philologie überzeugend zu bestimmen. Sein Weggang nach Köln war ein unersetzlicher Verlust.

Hans-Holm Bielfeldt war umgeben von zahlreichen Slawisten unterschiedlicher Profilierung, aber allein in der Lage und entschlossen, die Slawistik der DDR in die Hand zu nehmen und in einer äußerst komplizierten politischen und kulturpolitischen Situation das Beste aus ihr zu machen. Schüler und Doktorand berühmter Slawisten seiner Zeit, Max Vasmers, Erich Bernekers und Aleksander Brückners, avancierte er bald zum führenden Repräsentanten der Slawistik im östlichen Teil Deutschlands. Er war weit davon entfernt, an einer unbeirrbaren Kontinuität des Wissenschafts- und Wissensverständnisses festzuhalten und erfaßte wie kein anderer mit Umsicht und Geschick die Chance, den expansiven Russischunterricht zum Nutzen der Slawistik zu wenden und ihr Niveau und Charakter zu bewahren. Das Studium der Russistik, das jedes Jahr viele Hunderte von Student(inn)en mit verläßlicher Berufsaussicht antraten, konnte zwar eine gewisse Auslese der Mittelmäßigkeit nicht vermeiden, bot aber ebenfalls größere Chancen, Talente zu entdecken und slawistisch auszubilden. Bielfeldt konnte beides steuern, ohne seinen anspruchsvollen slawistischen Standard zu verletzen. Hatte er doch lange Zeit den Löwenanteil von Dissertationen und Habilitationen in der DDR auf sich nehmen müssen. Bielfeldts Engagement und natürlicher Autorität gelang es, überkommene und neue politische und psychologische Schranken vor der russischen Sprache und dem Russischunterricht wegzuräumen. Mit Geduld und überzeugender Anschaulichkeit demonstrierte er immer wieder verwandtschaftliche Beziehungen der russischen Sprache zum Deutschen, begegnete er dem Mythos der exotischen Ferne und Fremde des Russischen. Zahllose Beispiele, Etymologien und Entlehnungen waren ihm griffbereit. In diesem Aufklärungsunternehmen stand ihm der Berliner Finno-Ugrist Wolfgang Steinitz zur Seite.

Bielfeldts Verbundenheit mit aktuellen Bildungsaufgaben der Slawistik, die auch die frühe Herausgabe des dringend gebrauchten russisch-deutschen Wörterbuchs (1958) mit 60 000 Stichwörtern einschloß, schien verstärkter Anreiz zur eigentlich philologischen Forschung. In einer subtilen Analyse widmete er sich dem frühesten weltlichen tschechischen Literaturwerk, der Alexandreis. "Die Quellen der alttschechischen Alexandreis" eröffneten 1951 die "Veröffentlichungen des Forschungs-Instituts für Slawistik der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin" - die bedeutendste über sechzig Bände erreichende slawistische Publikationsreihe der DDR. In den "Quellen" untersucht Bielfeldt das komplizierte Verhältnis der alttschechischen Alexandreis zu lateinischen und deutschen Quellen, insbesondere zu Ulrich von Eschenbachs "Alexander" und Walther v. Châtillons "Alexandreis". Die einschlägige Text- und Quellenproblematik stellte er unter den Leitgedanken, daß "... im 13. Jahrhundert die europäische Kulturgemeinschaft noch fast unberührt vom kommenden Nationalismus war". Deutsch-slawische Wechselseitigkeit war ein dominierendes Thema der Bielfeldt'schen Forschungskonzeption für die Slawistik der DDR. Seine von Max Vasmer angeregte Dissertation "Die deutschen Lehnwörter im Obersorbischen" (1933) war der Anfang einer nicht abreißenden Serie von Untersuchungen, die den lebhaften sprachlichen Verkehr und Austausch zwischen slawischen Sprachen, vor allem westslawischen, und Deutsch behandeln und zum bleibenden Forschungsgut geworden sind. Was alles an slawischem Wortgut in die deutsche Sprache gekommen ist, demonstrieren Bielfeldts "Die Entlehnungen aus den verschiedenen slawischen Sprachen im Wortschatz der neu-hochdeutschen Schriftsprache" (2). Deutsch-slawische Sprachkontakte rückten ins Zentrum seiner Forschungsinteressen auch deshalb, weil Bielfeldt Slawist und Germanist war. In Marburg, München und Berlin hatte er beide Fächer studiert. Die äußere Gemeinsamkeit beider Fächer hat Bielfeldts rationales wie emotionales Engagement für einen inneren Auftrag der deutschen Slawistik gefestigt. Für seine Erfüllung besaß er Voraussetzungen wie kein anderer in der DDR. Die Slawistik in diesem Teil Deutschlands war von Glück begünstigt, als die Leitung der beiden größten slawistischen Lehr- und Forschungsinstitute, des Slawischen Instituts der Humboldt-Universität und des Instituts für Slawistik der Akademie der DDR, für lange Jahre in seinen Händen lag. Hans-Holm Bielfeldt wurde 1953 zum ordentlichen Mitglied der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin - ab 1972 Akademie der Wissenschaften der DDR - gewählt. 1973 wurde er Doctor honoris causa der Universität Warschau. Er war Vizepräsident des internationalen Slawistenkomitees.

Daß die Slawistik im Osten Deutschlands internationales Ansehen hatte und behielt, ist vor allem Bielfeldt, dem liberalen hanseatischen Deutschen, zu danken. Daß sein Einfluß in der Slawistik der DDR Grenzen hatte, beunruhigte ihn.

Hans-Holm Bielfeldt wurde am 6. März 1907 in Lübeck geboren. Seine Lübecker Herkunft verriet er auch gelegentlich durch Innuendos zu Thomas Mann. Er starb am 30. September 1987 in Berlin.

(1) R. Trautmann und H.F. Schmid in: "Wesen und Aufgaben der deutschen Slavistik", Leipzig 1927.
(2) Sitzungsberichte der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin. Klasse für Sprache, Literatur und Kunst, Jg. 1965, Berlin 1965, Nr. 1:1-59.

Rudolf Ruzicka

August Böckh

Auf einen von August Böckh am 15. März 1815 gestellten Antrag hin faßt die historisch-philologische Klasse der Akademie eine Woche später den Beschluß, ein Corpus aller antiken Inschriften herauszugeben. Begonnen werden soll mit dem griechischen: dem Corpus Inscriptionum Graecarum. Nach den griechischen Inschriften sollten die lateinischen folgen, deren Materialien bereits besser geordnet waren.

Die historisch-philologische Klasse der Akademie verband mit dieser Gründung eine weitreichende wissenschaftspolitische Absicht: "Der Hauptzweck einer Königlichen Akademie der Wissenschaften muss sein, Unternehmungen zu machen und Arbeiten zu liefern, welche kein Einzelner leisten kann; theils weil seine Kräfte denselben nicht gewachsen sind, theils weil ein Aufwand dazu erfordert wird, den kein Privatmann daran wagen wird." (1)

Die seit 1815 unternommenen geisteswissenschaftlichen Grundlagenforschungsvorhaben - 1847 folgte das Corpus Inscriptionum Latinarum - haben zur wissenschaftlichen Reputation der Preussischen Akademie im 19. Jahrhundert in erheblichem Maße beigetragen. Wenngleich nicht bestritten werden kann, daß sich viele einer je zutage getretenen professoralen Kompetenz verdanken, trugen sie einem vitalen Bedürfnis der wissenschaftlichen Gemeinschaft Rechnung und wurden fruchtbar für die Entwicklung unterschiedlicher Disziplinen. Erkenntnis und Anerkennung dieser Funktion und Leistung verpflichten die Akademien der Gegenwart, sich Rechenschaft darüber abzulegen, ob ihr wissenschaftliches Handeln solchem Anspruch gerecht zu werden vermag.

(1) Zit. nach A. Harnack, Geschichte der Königlich Preussischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin, Berlin 1900, Bd. II:375

Selbstbegutachtung am Beginn des 20. Jahrhunderts
" ... die Akademie hat sich niemals weniger als in dem letzten halben Jahrhundert darauf beschränkt, den Mittheilungen ihrer Mitglieder zu lauschen. Den Grossbetrieb der Wissenschaft, den das Zeitalter forderte, hat sie aufgenommen und im Laufe der letzten Jahrzehnte mehr als zwanzig umfassende Unternehmungen ins Werk gesetzt, welche die Kräfte des einzelnen Mannes übersteigen und Menschenalter zu ihrer Durchführung erheischen. Sie hat treue Arbeiter ermittelt und gesammelt; sie ist die Schutzstätte der jungen Talente geworden, und sie hat auch dort gesäet, wo sie selbst nicht ernten wird."

A. v. Harnack, Festrede zum 200. Jahrestag der Gründung der Akademie am 20.3.1900, in: Die Zweihundertjahrfeier der Königlich Preussischen Akademie der Wissenschaften am 19. und 20. März 1900, Berlin 1900:46

200. Jahrestag
Auch der Kaiser zeigt sich mit der Leistung der Akademie sehr zufrieden: "die Organisation und Leitung wissenschaftlicher Arbeit durch die Akademien" habe sich "als ein wesentliches und zur Erreichung grosser Ziele unentbehrliches Element wissenschaftlichen Fortschritts erwiesen."
Ebenso zufrieden ist der Monarch freilich auch mit dem, was die Akademie unterläßt. So zollt er ihr in seiner Jubiläumsadresse ausdrückliches Lob dafür, "dass sie sich der Verfolgung aller ausserhalb der Wissenschaft liegenden Interessen gänzlich ferngehalten hat". Zwar habe sie "die grossen Erlebnisse der Nation auch in ihrem Wirken gespiegelt", es jedoch "stets verschmäht, in das Gewühl der politischen Leidenschaften hinabzusteigen, und ihre oberste Pflicht vielmehr alle Zeit in der reinen und interesselosen Pflege der Wissenschaft erblickt."

Zitiert nach: Die Zweihundertjahrfeier der Königlich Preussischen Akademie der Wissenschaften am 19. und 20. März 1900, Berlin 1900:19-21.

Albert Einstein

"Die unterzeichneten Mitglieder der Akademie beehren sich, die Erwählung des ordentlichen Professors der theoretischen Physik an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich, Dr. Albert Einstein, zum ordentlichen Mitglied der Akademie, mit einem besonderen persönlichen Gehalt von 12 000 M, zu beantragen. A. Einstein, geboren im März 1879 in Ulm, erzogen in München, seit 1901 Bürger von Zürich, war schon lange vor seiner Promotion literarisch tätig, zuerst in Zürich, dann in Bern, wo er von 1902-1909 als technischer Experte am Eidgenössischen Patentamt angestellt war. Erst im Jahre 1905 promovierte er an der Universität Zürich, habilitierte sich 1908 in Bern und folgte 1909 einem Ruf als außerordentlicher Professor der theoretischen Physik an die Universität Zürich, im folgenden Jahre einem solchen als Ordinarius an die Deutsche Universität Prag, von wo er 1912 von Zürich für das Eidgenössische Polytechnikum zurückgewonnen wurde.

Durch seine Arbeiten auf dem Gebiet der theoretischen Physik, die zu allermeist in den Annalen der Physik publiziert sind, hat sich Einstein in den Kreisen seiner Fachwissenschaft schon mit jugendlichen Jahren einen Weltruf erworben. Am weitesten ist sein Name bekannt geworden durch das von ihm in seiner berühmten Abhandlung über die Elektrodynamik bewegter Körper (1905) aufgestellte Prinzip der Relativität, nach welchem der Widerspruch zwischen der sonst ausgezeichneten bewährten Lorentzschen Theorie des ruhenden Lichtäthers und der experimentell nachgewiesenen Unabhängigkeit der elektrodynamisch-optischen Vorgänge an irdischen Körpern von der Bewegung der Erde seine radikale Erklärung findet durch den Umstand, daß ein mit der Erde bewegter Beobachter sich einer anderen Zeitmessung bedient als ein im heliozentrischen System ruhender Beobachter. Die umwälzenden Folgerungen dieser neuen Auffassung des Zeitbegriffs, die sich auf die gesamte Physik, vor allem auch auf die Mechanik, und darüber hinaus bis tief in die Erkenntnistheorie erstrecken, haben später durch den Mathematiker Minkowski eine Formulierung gefunden, welche dem ganzen System der Physik ein neues einheitliches Gepräge gibt, indem darin die Zeitdimension als völlig gleichberechtigt mit den drei Raumdimensionen auftritt.

So fundamental sich dieser Gedanke Einsteins für die Entwicklung der physikalischen Prinzipien erwiesen hat, so liegen doch die Anwendungen desselben einstweilen noch hart an der Grenze des Meßbaren. Weit bedeutungsvoller für die praktische Physik hat sich sein Eingreifen in andere zur Zeit im Vordergrunde des Interesses stehende Fragen erwiesen. So war er vor allem der erste, der die Bedeutung der Quantenhypothese auch für die Energie der Atom- und Molekularbewegungen nachgewiesen hat, indem er aus dieser Hypothese eine Formel für die spezifische Wärme fester Körper ableitete, die sich später zwar im einzelnen nicht vollkommen bestätigt hat, aber doch die Grundlagen für die weitere Entwicklung der neueren kinetischen Atomistik schon richtig angibt. Auch mit dem lichtelektrischen und mit dem photochemischen Effekt hat er die Quantenhypothese durch Aufstellung neuer interessanter, durch Messungen kontrollierbarer Beziehungen in Zusammenhang gebracht und hat als einer der ersten auf die enge Verwandtschaft zwischen den Konstanten der Elastizität und denen der optischen Eigenschwingungen der Kristalle hingewiesen.
Zusammenfassend kann man sagen, daß es unter den großen Problemen, an denen die moderne Physik so reich ist, kaum eines gibt, zu dem nicht Einstein in bemerkenswerter Weise Stellung genommen hätte. Daß er in seinen Spekulationen gelegentlich auch einmal über das Ziel hinausgeschossen haben mag, wie z. B. in seiner Hypothese der Lichtquanten, wird man ihm nicht allzuschwer anrechnen dürfen; denn ohne einmal ein Risiko zu wagen, läßt sich auch in der exaktesten Naturwissenschaft keine wirkliche Neuerung einführen. Gegenwärtig arbeitet er intensiv an einer neuen Gravitationstheorie; mit welchem Erfolg, kann auch erst die Zukunft lehren. Der eigenen reichen Produktivität gegenüber steht die besondere Begabung Einsteins, fremden neu auftauchenden Ansichten und Behauptungen schnell auf den Grund zu gehen und ihr Verhältnis zueinander zur Erfahrung mit überraschender Sicherheit zu beurteilen.

Aber nicht nur in der Aufstellung und Kritik neuer Hypothesen, auch in der Behandlung und Vertiefung der klassischen Theorie konnte Einstein von Beginn seiner literarischen Tätigkeit an als Meister gelten. Sein bevorzugtes Arbeitsfeld ist hier die kinetische Theorie der Materie und ihre Beziehungen zu den Hauptsätzen der Wärmelehre. Die Gibbssche etwas abstrakte Behandlungsweise der statistischen Mechanik hat er durch eine physikalisch anschaulichere Darstellung ergänzt und hat aus den Boltzmannschen Sätzen über die Schwankungen der Zustandvariablen eines im thermodynamischen Gleichgewicht befindlichen Systems eine Anzahl Folgerungen gezogen, welche die experimentelle Forschung nach verschiedenen Richtungen befruchtet haben, so in erster Linie die schönen Perrinschen Untersuchungen der suspendierten Teilchen), deren Bedeutung für die kinetische Theorie der Materie gerade durch die Mitwirkung Einsteins noch erheblich verstärkt worden ist.

Die Unterzeichneten sind sich wohl bewußt, daß ihr Antrag, einen in noch so jugendlichem Alter stehenden Gelehrten als ordentliches Mitglied in die Akademie aufzunehmen, ein ungewöhnlicher ist, sie meinen aber, daß er sich nicht nur durch die ungewöhnlichen Verhältnisse hinreichend begründen läßt, sondern daß es das Interesse der Akademie direkt fordert, die sich darbietende Gelegenheit zur Erwerbung einer so außerordentlichen Kraft nach Möglichkeit zu nutzen. Wenn sie auch naturgemäß für die Zukunft keine Bürgschaft zu übernehmen vermögen, so treten sie doch mit voller Überzeugung dafür ein, daß die heute schon vorliegenden wissenschaftlichen Leistungen des Vorgeschlagenen, von denen in der gegebenen Zusammenstellung nur die markantesten hervorgehoben sind, seine Berufung in das vornehmste wissenschaftliche Institut des Staates vollauf rechtfertigen, und sie sind weiter auch davon überzeugt, daß der Eintritt Einsteins in die Berliner Akademie der Wissenschaften von der gesamten physikalischen Welt im Sinne eines besonders wertvollen Gewinns für die Akademie beurteilt werden würde.

Planck
Nernst
Rubens
E. Warburg

Wahlvorschlag für A. Einstein zur Aufnahme als ordentliches Mitglied in die Akademie der Wissenschaften von M. Planck, Berlin, 12. Juni 1913. Quelle: Archiv der BBAW, Bestand PAW (1812-1945), II-III-36

Zugaben
Einstein: Unfrisierte Gedanken
S. Hawking über politische Aktivitäten Einsteins
Weiteres für Fans -> (geben Sie folgende URL ein: www.aip.org/history/einstein/)

Einstein: Unfrisierte Gedanken
Ich habe keine besondere Begabung, sondern ich bin nur leidenschaftlich neugierig.
*
Wenn ein blinder Käfer auf einer Kugeloberfläche krabbelt, merkt er nicht, daß der zurückgelegte Weg gekrümmt ist. Ich hingegen hatte das Glück, es zu merken.
*
Phantasie ist wichtiger als Wissen. Denn Wissen ist begrenzt.
*
Woher kommt es, daß mich niemand versteht und jeder mag?
*
Was diese Philister einem, der nicht von ihrer Sorte ist, alles in den Weg legen, ist wirklich schauderhaft. So einer betrachtet jeden jungen intelligenten Kopf instinktiv als eine Gefahr für seine morsche Würde.
*
Ich werde nämlich mit der Berühmtheit immer dümmer, was ja eine ganz gewöhnliche Erscheinung ist. Das Mißverhältnis zwischen dem, was man ist, und dem, was die andern von einem glauben oder wenigstens sagen, ist gar zu groß. Man muß es aber mit Humor tragen.
*
Wäre ich noch einmal ein junger Mensch und stünde ich erneut vor der Entscheidung über den besten Weg, meinen Lebensunterhalt zu verdienen, so würde ich nicht ein Wissenschaftler, Gelehrter oder Pädagoge, sondern eher ein Klempner oder Hausierer werden wollen, in der Hoffnung, mir damit jenes bescheidende Maß an Unabhängigkeit zu sichern, daß unter den heutigen Verhältnissen noch erreichbar ist.
*
Ich persönlich empfinde den Höchstgrad des Glücksgefühls bei großen Kunstwerken. Aus ihnen schöpfe ich Geistesgüter beglückender Art von einer solchen Stärke, wie ich sie aus anderen Bereichen nicht zu gewinnen vermöchte.
*
Ich sorge mich nie um die Zukunft - sie kommt früh genug.
*
Alles, was ich als junger Mensch vom Leben wünschte und erwartete, war, ruhig in einer Ecke zu sitzen und meine Arbeit zu tun, ohne von den Menschen beachtet zu werden. Und jetzt schaut bloß, was aus mir geworden ist.
*
Ich muß mich sehr entschuldigen, daß ich noch unter den Lebenden weile. Aber dagegen wird es jedenfalls ein Mittel geben.

Quelle: Einstein, Albert, Einstein sagt. Zitate, Einfälle, Gedanken, München 1999
 

Hawking über Einstein
Einsteins Engagement in Fragen der Kernwaffenpolitik ist allgemein bekannt: Er unterzeichnete den berühmten Brief an Präsident Franklin Roosevelt, in dem die Vereinigten Staaten beschworen wurden, dieses Problem ernst zu nehmen, und er beteiligte sich nach 1945 an den Bestrebungen, einen Atomkrieg zu verhindern. Doch das waren nicht nur einzelne Aktionen eines Wissenschaftlers, der in die Politik hineingezogen wurde. Einsteins ganzes Leben war, wie er es selbst ausgedrückt hat, "hin- und hergerissen zwischen Politik und Gleichungen".

Einsteins früheste politische Aktivitäten fielen in den Ersten Weltkrieg, als er Professor in Berlin war. Erschüttert vom Kriegsgeschehen, nahm er an Protestkundgebungen gegen den Krieg teil. Sein Eintreten für zivilen Ungehorsam und die Beteiligung an öffentlichen Aufrufen zur Kriegsdienstverweigerung machten ihn bei seinen Kollegen nicht gerade beliebt. Nach dem Krieg bemühte er sich um die Aussöhnung der Völker und um bessere internationale Beziehungen. Auch diese Aktionen schadeten seinem Ansehen, und schon bald wurde es ihm erschwert, in die Vereinigten Staaten zu reisen, auch wenn er dort nur Vorlesungen und Vorträge halten wollte.
Das zweite große Wirkungsfeld Einsteins war der Zionismus. Obwohl jüdischer Herkunft, lehnte er die biblische Gottesvorstellung ab. Als ihm jedoch die antisemitischen Tendenzen vor und während des Zweiten Weltkriegs immer bewußter wurden, begann er sich nach und nach mit dem Judentum zu identifizieren und wurde später ein überzeugter Anhänger des Zionismus. Abermals hinderte ihn die Tatsache, daß seine Auffassungen alles andere als populär waren, nicht daran, seine Meinung zu sagen. Man griff seine Theorien an. Eine Anti-Einstein-Organisation wurde gegründet. Ein Mann wurde wegen Anstiftung zum Mord an Einstein vor Gericht gestellt (und zu einer lächerlichen Geldstrafe von sechs Dollar verurteilt). Doch Einstein war nicht aus der Ruhe zu bringen. Als ein Buch mit dem Titel "100 Autoren gegen Einstein" erschien, meinte er: "Wenn ich unrecht hätte, wäre einer genug!"

1933 kam Hitler an die Macht. Einstein hielt sich in Amerika auf und erklärte, er werde nicht nach Deutschland zurückkehren. Die Nazis plünderten sein Haus und zogen sein Bankguthaben ein, und die Schlagzelle einer Berliner Tageszeitung lautete: "Gute Nachrichten von Einstein - er kommt nicht zurück." Angesichts der nationalsozialistischen Bedrohung sagte sich Einstein vom Pazifismus los und empfahl den Vereinigten Staaten, eine eigene Atombombe zu entwickeln, weil er befürchtete, daß deutsche Wissenschaftler eine solche Bombe bauen könnten. Doch noch bevor die erste Atombombe explodiert war, warnte er öffentlich vor den Gefahren eines Atomkriegs und schlug eine internationale Kernwaffenkontrolle vor.

Alles, was Einstein sein Leben lang für den Frieden tat, hat wahrscheinlich wenig Dauer gehabt - ganz gewiß hat er sich damit keine Freunde gemacht. Nur sein öffentliches Eintreten für den Zionismus fand gebührende Anerkennung: 1952 wurde ihm die Präsidentschaft des jungen Staates Israel angeboten. Er lehnte ab mit der Begründung, er sei zu naiv für die Politik. Vielleicht hatte er in Wirklichkeit einen anderen Grund. Um ihn noch einmal zu zitieren: "Gleichungen sind wichtiger für mich, weil die Politik für die Gegenwart ist, aber eine Gleichung ist etwas für die Ewigkeit."

Zit. n.: Stephen W. Hawking, Eine kurze Geschichte der Zeit. Die Suche nach der Urkraft des Universums, Reinbek 1993:218ff.

"... früh um 2 Uhr ward es hell gestirnet. Meine Ehefrau hat, (nachdem ich etliche Nächte zu vor, den wandelbaren Stern am halse des Schwans observiret, und sie ihn, als ich noch schlief, auch gerne sehen, und selbst finden wollte) einen Cometen am Himmel gefunden. Worauf sie mich aufweckte, da ich den fand, daß es wahrhaftig ein Comet war. ... Es wundert mich doch, da ich den Cometen die vorigen Nächte nicht gesehen habe."

Quelle: Archiv der BBAW, Nachlaß Kirch, Nr. 2 f. 2, Beobachtungstagebücher Gottfried Kirch.

Ehefrau
Die Ehefrau des Astronomen der Akademie Maria Margaretha Kirch (1670-1720) entdeckte nicht nur den Kometen von 1702. Sie bearbeitete auch einen großen Teil des Kalenderwerks, korrespondierte mit Leibniz und publizierte mehrfach über astronomische Gegenstände - etwa über die Conjunction von Jupiter und Saturn. Die beiden Kinder, Christfried und Christine, wurden ebenfalls in die Arbeit eingebunden. Beobachter sprechen deshalb vom Akademieobservatorium dieser Zeit auch als dem "Familienbetrieb Kirch".

Zugabe
"Die in Deutschland gegenwärtig herrschenden Zustände veranlassen mich, meine Stellung bei der Preussischen Akademie der Wissenschaften hiemit niederzulegen."

So beginnt der Brief, mit dem Albert Einstein auf die drohenden Gefahren durch den Nationalsozialismus reagiert und am 28. März 1933 seinen Austritt aus der Akademie erklärt. Er fährt fort:

"Die Akademie hat mir 19 Jahre lang die Möglichkeit gegeben, mich frei von jeder beruflichen Verpflichtung wissenschaftlicher Arbeit zu widmen. Ich weiss, in wie hohem Masse ich ihr zu Dank verpflichtet bin. Ungern scheide ich aus ihrem Kreise auch der Anregungen und der schönen menschlichen Beziehungen wegen, die ich während dieser langen Zeit als ihr Mitglied genoss und stets hoch schätzte. Die durch meine Stellung bedingte Abhängigkeit von der Preussischen Regierung empfinde ich aber unter den gegenwärtigen Umständen als untragbar."

Quelle: Archiv der BBAW, Signatur: II-IIIa Bd. 28 b, Bl.5.

Carl Sigismund Kunth

Carl Kunth hat eine für seine Zeit außergewöhnliche Karriere durchlebt: wiewohl Autodidakt erwarb er sich den Ruf eines der bedeutendsten Botaniker seiner Zeit (1) und wurde schließlich Hochschullehrer und Mitglied mehrerer Akademien.

Die Voraussetzungen dafür waren alles andere als günstig. Die mehr als bescheidenen Verhältnisse seines Vaters ermöglichten ihm nur den Besuch der Leipziger Rathsschule; an ein weiterführendes Studium war nicht denken. Erst das Wohlwollen seines Onkels, des preussischen Geheimrates Gottlob Johann Christian Kunth, ebnete ihm den Weg in die Großstadt Berlin, wo er 1806 als Registraturassistent im Kgl. Seehandlungsinstitut eine Anstellung fand. Die offenbar nicht übermäßige Arbeitsbelastung ließ ihm genügend Zeit, sich wissenschaftlich zu bilden. Die Pflanzenkunde, die der Berliner Botaniker Karl Ludwig Willdenow vertrat, übte die meiste Anziehungskraft auf ihn aus. Bereits 1813 konnte Kunth eine Probe seiner Kenntnisse geben, als er die erste Auflage seiner "Flora Berolinensis s. enumeratio plantarum circa Berlinum sponte crescentium" publizierte, deren Ordnung dem Linné'schen Vorbild folgte.

Die Bekanntschaft mit Willdenow sollte sich aber noch in einer weiteren Hinsicht als förderlich erweisen. Nach seiner Rückkehr von der fünfjährigen Südamerikareise im Jahre 1804 bat Alexander von Humboldt seinen Lehrer Willdenow um die Auswertung des umfangreichen Pflanzenmaterials. 1810 reiste Willdenow zur Besichtigung des Materials nach Paris, mußte jedoch bald erkrankt zurückkehren und starb bereits zwei Jahre darauf. Der tragische Verlust seines Lehrers eröffnete dem talentierten Botaniker Kunth die Chance, diese Aufgabe zu übernehmen: "Jugendliche Empfänglichkeit und umfassendere Ansichten organischer Entwickelung fanden sich bei Willdenow's ausgezeichneten Schüler, dem jungen Kunth, den ich 1813 nach Paris einlud und der, bald hoch geschätzt von den berühmtesten Botanikern des Landes ... dort 17 Jahre arbeitsam und mit immer steigendem, sich selbst geschaffenem Ruhme lebte." (2)

Schon nach drei Jahren, 1816, erschien der erste von sieben prachtvoll ausgestatteten Bänden der "Nova Genera et Species Plantarum", in denen die botanischen Sammlungen der Südamerikareise von Humboldt und Bonpland wissenschaftlich auswertet worden sind. Geschrieben hat Kunth dieses Werk größtenteils selbst. Bis heute gilt es als das wissenschaftliche Standardwerk über die botanischen Ergebnisse dieser Reise. Dem Opus magnum folgte die "Synopsis plantarum quas, in itinere ad plagam aequinoctialem orbis novi, collerunt Al. de Humboldt et Am. Bonpland. Auctore Carolo Sigism. Kunth" ( Paris, 1822-1825), eine kurzgefaßte Taschenausgabe der siebenbändigen "Nova genera", die weite Verbreitung fand.

Die Berufung zum außerordentlichen Professor für Botanik an die Berliner Universität und die damit verbundene Ernennung zum Vizedirektor des Berliner Botanischen Gartens, deretwegen er 1829 nach Berlin zurückgekehrt war, taten seiner wissenschaftlichen Produktivität keinen Abbruch. Davon zeugen ein "Lehrbuch der Botanik" und das umfassende Werk "Enumeratio plantarum omnium hucusque cognitarum secundum familias naturales disposita, adjectis characteribus, differentiis et synonymis" (1833-1850).

Neben seiner publizistischen Tätigkeit legte Kunth eine umfangreiche Pflanzensammlung an, in der er Exemplare von 55.000 Arten konservierte. Nach seinem Tod wurde sie auf Vermittlung Alexander von Humboldts hin von der Preußischen Regierung aufgekauft und bildete einen wesentlichen Bestandteil des sogenannten Generalherbars des Berliner Botanischen Museums. Heute findet man nur noch wenige Stücke im Herbarium des Botanischen Museums in Berlin-Dahlem mit dem Vermerk "HB Kunth". Die meisten sind dem großen Brand am 1.3.1943 zum Opfer gefallen; erhalten blieben die ausgelagerten oder verliehenen Stücke. Vorhanden sind auch noch die Exemplare von Humboldts Reise, die Willdenow zur Auswertung übergeben worden waren.

Die Pariser Akademie würdigte die wissenschaftliche Arbeit Kunths bereits 1816 als sie ihn zum Korrespondierenden Mitglied wählte. Diesem Schritt folgte die Preußische Akademie vier Jahre später. Mit seinem Wechsel nach Berlin wurde Kunth schließlich zum Ordentlichen Mitglied berufen. Eine Vielzahl von Aufsätzen in den Abhandlungen der Akademie zeugt davon, daß Kuhnt auch hier eine reiche Tätigkeit entfaltet und sein Ansehen in der wissenschaftlichen Gemeinschaft weiter gemehrt hat.

Eine lange Krankheit und die mangelnde Aussicht auf Besserung veranlaßten ihn 1850 zum Suizid. (3) "Das Andenken meines Freundes wird lange gefeiert werden; nicht bloß da, wo sein glänzendes wissenschaftliches Verdienst und sein Einfluß auf den analytisch und systematisch beschreibenden Theil der allgemeinen Pflanzenkunde erkannt werden kann," schrieb Humboldt 1851, "sondern auch bei denen, welcher nach freier, rein menschlicher Ansicht zu schätzen wissen Einfachheit eines gediegenen Charakters, Zartheit der Gefühle und die das Leben verschönernde Anmuth der Sitten." (4)

(1) Humboldt, A. v., Nekrolog auf Carl Sigismund Kunth, Beilage zum Preußischen Staatsanzeiger Nr 128, 9.5.1851.
(2) Ibid.
(3) Vgl. Harnack, A., Geschichte der Königlich Preussischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin, Berlin 1900, Bd. 1.2, S. 826.
(4) Humboldt, A. v., Nekrolog auf Carl Sigismund Kunth, Beilage zum Preußischen Staatsanzeiger, Nr. 128, 9.5.1851.

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