Historische Zeitleiste

Oktober

Im Herbst 1765 pachtete der Hofrat Gravius den von der Akademie zuvor selbständig abgewickelten Vertrieb für die von ihr hergestellten Kalender. Produziert und mit dem Echtheitsstempel versehen wurden sie weiterhin von der Akademie. Während die Akademie 1765 im Eigenvertrieb nur 13.000 Taler aus dem Kalendermonopol erwirtschaftete, zahlte Gravius der Akademie bereits im ersten Jahr 16.000 Taler. Bis zum Jahre 1778 steigerten sich die Einnahmen sogar auf 23.000 Taler. Das Kalender-Patent blieb damit bis 1811 die wichtigste Einnahmequelle der Akademie.

George Bancroft

George Bancroft galt spätestens seit Beginn der fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts innerhalb und außerhalb der Vereinigten Staaten als deren führender Historiker. Erworben hatte er sich diesen Ruf durch die ersten drei seines bis 1874 auf zehn Bände anwachsenden Werkes 'History of the United States'. Die philosophisch-historische Klasse der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften war offenkundig so beeindruckt, daß sie Bancroft ohne detaillierte Begründung 1845 einstimmig zum Korrespondierenden Mitglied wählte. Die scheinbare Selbstverständlichkeit dieser Wahl erschließt sich dem nachgeborenen Beobachter freilich nicht so einfach, denn weder der Lebenslauf des Geehrten noch die These seines Hauptwerkes entsprechen gängigen Erwartungen.

Mit seinen unterschiedlichen beruflichen Stationen und Positionen, seiner Verbindung von Gelehrtendasein und Politik war der Lebensweg George Bancrofts selbst für amerikanische Verhältnisse ungewöhnlich. Wiewohl an exzellenten Hochschulen ausgebildet - er hatte Harvard und einige deutsche Universitäten besucht - schlug er keine akademische Laufbahn ein, sondern wirkte zwischen 1823 und 1831 als Lehrer in einer Privatschule in Northampton (Mass.). Bereits zu dieser Zeit unterstützte er aktiv die Politik der Demokraten in Massachusetts, was ihm 1838 den Posten des Kassierers im Hafen von Boston eintrug. Durch seine guten politischen Verbindungen wurde er 1845/46 zum US-Marineminister berufen; zwischen 1846 und 1849 vertrat er die USA als Gesandter in England. Auch ein Wechsel der Parteipräferenz wegen der demokratischen Haltung in Fragen der Sklaverei war seiner politischen Karriere nicht abträglich. Insgesamt sieben Jahre wirkte er ab 1867 für sein Land zuerst als Gesandter in Preußen, von 1871 bis 1874 für das Deutsche Reich. In dieser Zeit knüpfte er mannigfaltige Verbindungen zu deutschen Intellektuellen.

Während der gesamten Zeit widmete Bancroft sich nebenbei seinen historischen Forschungen und Schriften. So enstand im Laufe von vierzig Jahren zwischen 1834 und 1874 die monumentale Geschichte der Vereinigten Staaten. Während Vorläufer und Zeitgenossen auf diesem Gebiet sich vornehmlich mit dem Bürgerkrieg oder einzelnen politischen Ereignissen befaßten, konzipierte Bancroft sein Werk als umfassende Studie der Vergangenheit seines Landes von der kolonialen Gründung bis zum Ende des Unabhängigkeitskampfes. Auf der Grundlage einer riesigen Zahl von Dokumenten und archivalischen Quellen, die teilweise aus Europa herbeigeschafft und übersetzt wurden, sollte eine nationale Geschichte entstehen. Breite und Tiefe des empirischen Materials dienten einem höheren Zweck: Bancroft wollte mit seiner Geschichtsschreibung den Beweis antreten, daß die amerkanische Gesellschaft und ihre politische Verfasssung den Höhepunkt der bisherigen Entwicklung auf der Suche nach dem perfekten Staat darstellen.
Ob die Akademiemitglieder George Bancroft in der Hoffnung gewählt haben, seine Verbindung von Mythos und positivistischer Methode am Beispiel der USA möge auch hierzulande Schule machen und zur Überwindung der kleinstaatlichen deutschen Verhältnisse beitragen, muß mangels dokumentarischer Hinweise offen bleiben.

(1) Archiv der BBAW, Sign.:II-III, 117, Bl. 105-107.

"Wir als Vertreter deutscher Wissenschaft und Kunst erheben vor der gesamten Kulturwelt Protest gegen die Lügen und Verleumdungen, mit denen unsere Feinde Deutschlands reine Sache in den ihm aufgezwungenen schweren Daseinskampfe zu beschmutzen trachten. Der eherne Mund der Ereignisse hat die Ausstreuung erdichteter Niederlagen widerlegt. Um so eifriger arbeitet man jetzt mit Entstellungen und Verdächtigungen. Gegen sie erheben wir laut unsere Stimme. Sie soll die Verkünderin der Wahrheit sein."

(Aufruf an die Kulturwelt, Oktober 1915).

Namensliste der Unterzeichneten des Aufrufs der 93

Aufruf
Verfaßt hatte den "Aufruf der 93", wie er nach der Anzahl seiner Unterzeichner genannt wurde, der Philologe Ulrich v. Wilamowitz-Moellendorf, ordentliches Mitglied der Akademie und Rektor der Berliner Universität. Zu den Unterzeichnern dieses Schriftstückes, das die gewaltätigen Übergriffe deutscher Truppen gegen die belgische Zivilbevölkerung beim Vormarsch auf Lüttich und die französische Grenze ebenso rundweg bestritt wie eine Verantwortung am Ausbruch des Krieges, gehören auch 43 der zu diesem Zeitpunkt bereits gewählten bzw. später in die Akademie aufgenommenen Mitglieder. (1) Einstein war das einzige Akademiemitglied, das aus seiner Ablehnung des Krieges kein Hehl machte, wofür er von den Behörden unter Beobachtung gestellt wurde.

In dem Aufruf heißt es: "Es ist nicht wahr, daß Deutschland diesen Krieg verschuldet hat. Weder das Volk hat ihn gewollt noch die Regierung noch der Kaiser. ... Es ist nicht wahr, daß der Kampf gegen unseren sogenannten Militarismus kein Kampf gegen unsere Kultur ist, wie unsere Feinde heuchlerisch vorgeben. Ohne den deutschen Militarismus wäre die deutsche Kultur längst vom Erdboden getilgt. Zu ihrem Schutze ist er aus ihr hervorgegangen in einem Lande, das jahrhundertelang von Raubzügen heimgesucht wurde wie kein zweites. Deutsches Heer und deutsches Volk sind eins. Dieses Bewußtsein verbrüdert heute 70 Millionen Deutsche ohne Unterschied der Bildung, des Standes und der Partei. ... Glaubt uns! Glaubt, daß wir diesen Kampf zu Ende kämpfen werden als ein Kulturvolk, dem das Vermächtnis eines Goethe, eines Beethoven, eines Kant ebenso heilig ist wie sein Herd und seine Scholle." (2)

(1) Vgl. dazu W.J. Mommsen, Wissenschaft, Krieg und die Berliner Akademie der Wissenschaften, in: Die Preußische Akademie der Wissenschaften zu Berlin 1914-1945, hg. v. W. Fischer unter Mitarbeit von R. Hohlfeld und P. Nötzold, Berlin 2000: 3ff.
(2) Archiv der BBAW, Sign.: II-VIa Ib Bd. I, Bl. 41-42.

Rudolf Ludwig Karl Virchow

"Unter den Bearbeitern der anatomisch-physiologischen Wissenschaften während der letzten beiden Jahrzehnte nimmt nach dem einhelligen Urtheil der Fachgenossen eine der hervorragendsten Stellen ein Hr. Dr. Rud. Virchow, ordentlicher Professor an hiesiger Universität, Director des pathologischen Instituts hierselbst und Correspondirendes Mitglied der Académie des Sciences zu Paris." (1)
Sein unbestreitbar hohes wissenschaftliches Ansehen hat Virchow nichts genutzt; er wurde 1864 nicht zum Mitglied der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften gewählt. Emil du Bois-Reymond mußte seine ausführliche Laudatio vom 14. November dieses Jahres nach einer Aufforderung der physikalisch-mathematischen Klasse wieder zurückziehen. Es sei keine Stelle für einen - zudem noch praktizierenden - Mediziner vorhanden und die für Anatomie und Physiologie vorgesehenen Stellen seien ausreichend besetzt, so lautete der Bescheid. - Wenn Tod und Ortswechsel die eine Zuwahl bestimmenden Rahmenbedingungen werden, kann es lange dauern, bis der wissenschaftliche Fortschritt seinen Ausdruck auch in der Zusammensetzung einer Akademie findet.

Virchow darf als Paradefall gelten. Er gehörte Mitte der sechziger Jahre des 19. Jahrhunderts jenem Kreis von Medizinern und Physiologen an, die den paradigmatischen Wechsel von der weitgehend naturphilosophisch orientierten zu einer 'wissenschaftlichen Medizin' in Gang gesetzt hatten. Diese rückte das Experiment und physikalisch-chemische Laboranalysen in den Mittelpunkt der pathologischen Abklärung. In der medizinischen Forschung setzte Virchow darauf, die Krankheitsursachen auf der zellulären Ebene des Organismus zu untersuchen und hatte damit Erfolg. Seit den fünfziger Jahren galt: "Die kranke Zelle ist das ens morbi geworden". (2) Nach seiner gescheiterten Wahl drängte sich Virchow freilich der Eindruck auf, für die Herren Akademiker in der physikalisch-mathematischen Klasse sei dies alles "eben Pathologie u. demnach nicht akademisch" (3)

Dabei war Virchow zuvor schon an einigen bedeutsamen Aktivitäten der Akademie beteiligt. Gemeinsam mit Du Bois-Reymond initiierte er wenige Wochen nach dem Tode Alexander von Humboldts 1859 ein Komitee zur Gründung der "Humboldt-Stiftung für Naturforschung und Reisen". Er war zunächst Sekretär des Gründungskomitees und später Mitglied des von der Akademie verwalteten Kuratoriums der Stiftung. Von den ersten Reiseunternehmungen an hat Virchow in diesem Gremium zahlreiche Initiativen eingeleitet; er hat Forschungsreisen zur Erkundung verschiedener Regionen der Erde auf den Weg gebracht und auf diesem Wege der Forschung umfangreiche Materialsammlungen gesichert, von denen die wissenschaftlichen Institute und die Berliner Museen profitierten.

Virchows Interesse an Geschichte und Völkerkunde war bereits früh entwickelt; die erste Publikation über "Das Karthaus von Schievelbein" legte er 1843 im Alter von 22 Jahren vor. (4) Seine Sammlung von Kretinenschädeln und eine 1857 publizierte größere Arbeit über vergleichende Schädellehre markieren die Hinwendung zur Anthropologie und Urgeschichte. Auf seine Pionierrolle für dieses Fachgebiet stützten Hermann von Helmholtz und Emil du Bois-Reymond den im Oktober 1873 unternommenen zweiten und letztlich erfolgreichen Versuch, Virchow als Ordentliches Mitglied für die Akademie zu gewinnen. Dieses Forschungsgebiet, "welches zum Theil erst seit wenigen Jahren entstanden, in neuerer Zeit einen schnell wachsenden Umfang und eine nach vielen Richtungen tief eingreifende Bedeutung erlangt hat" sei durch Virchows Forschungen zur "Vorgeschichte Norddeutschlands, und durch eine große Menge sorgfältiger Arbeiten namentlich die vergleichende Schädellehre" besonders gefördert worden. "Es liegt in der Natur dieses Gebietes, daß sich ... nur schwer ein hoher Grad wissenschaftlicher Strenge erreichen läßt, daß Vermuthungen und Analogien mehr als anderswo die Stelle festgegründeter Theorien vertreten müssen." (5) Der wissenschaftlichen Strenge gleichwohl Bahn gebrochen zu haben, wird Virchow als wichtiges Verdienst zugerechnet.

Virchow war, und deshalb polarisierte seine Person, kein Bewohner des Elfenbeinturmes, sondern Citoyen im besten Sinne; in Berlin jedem bekannt und für seine entschiedenen Ansichten und Taten geliebt oder gehaßt. Politisch galt der junge Virchow als Radikaler, der, aufgewachsen in Hinterpommern, dem wirtschaftlich und gesellschaftlich rückständigsten Teil Deutschlands, die politischen Bestrebungen der pommerschen adligen Großgrundbesitzer und die Bismarcks bekämpfte. (6) Er war aktiv beteiligt an den bewaffneten Aufständen im März 1848 und gehörte zu den Begründern der Liberalen Fortschrittspartei. Als Abgeordneter im Berliner Stadtrat vertrat er die Ideen der Liberalen und war seit ihrer Parteigründung von 1861 bis zu seinem Tode 1902 einer ihrer Abgeordneten im Preußischen Landtag, in einzelnen Legislaturperioden auch im Reichstag. Mit seinem Namen verbinden sich die intensiven Bemühungen um die medizinische Versorgung der Bevölkerung (7), die Parlamentsdebatten über das Verhältnis von Kirche und Staat sowie von Wissen und Glauben, als Teil dessen, was als "Kulturkampfes" in die deutsche Geschichte eingegangen ist.
Was so mühsam und kränkend begonnen hatte, wurde dann glücklicherweise noch besonders gut: Die Akademie ehrte ihr bedeutendes Mitglied mit einer goldenen Plakette, die Virchow während der Feierlichkeiten im Preußischen Abgeordnetenhaus am Vorabend zu seinem 80. Geburtstag überreicht wurde. (8) Aber ohne Komplikationen ging auch das nicht ab.

(1) Vorschlag des Hrn. Professor Dr. Virchow zum ordentlichen Mitglied der Akademie, Archiv der BBAW, Sign.: II-III-25, Bl. 62.
(2) Rudolf Virchow an Emil du Bois-Reymond, 28.8.1864, Staatsbibliothek Berlin, Preussischer Kulturbesitz, Slg. Darmstaedter, 3. Virchow, R., Kasten 2, Bl. 69 f; abgedruckt in: Wenig, K.: Rudolf Virchow und Emil du Bois-Reymond. Briefe 1864-1894, Marburg 1995:74.
(3) Ebd. (4) Vgl. Vgl. Erwin H. Ackerknecht: Rudolf Virchow. Arzt-Politiker-Anthropologe, Stuttgart 1957:1-5; Manfred Vasold, Rudolf Virchow: Der große Arzt und Politiker, Stuttgart 1988:9-21.
(5) Ebd.
(6) Vgl. Ackerknecht a.a.O.:2. (7) Vgl. dazu die von Rudolf Virchow und Rudolf Leubuscher herausgegebene und nur in zwei Jahrgängen erschienene Zeitschrift "Die medicinische Reform", Berlin 1848/49.
(8) Archiv der BBAW, Sign.: II-III-25, Bl. 246.

Virchow-Plakette
Die physikalisch-mathematische Klasse der Akademie beschloß in ihrer Sitzung am 28.3.1901, "daß zum 80. Geburtstag Virchows im Oktober eine Plakette angefertigt werden soll. Bei gleichem Anlaß auch bei Mommsen." (1) Über das Plenum gelangte der Vorschlag in den Gesamt-Geld-Verwendungs-Ausschuß. Der freilich hatte erst einmal Bedenken.

Besonders hervorgehoben wurde, so die Zusammenfassung Wilhelm Waldeyers, "daß Gefahr bestände den eigenartigen Charakter, welchen die Ehrung Mommsens durch Stiftung einer Plakette Seitens der Akademie haben sollte, zu verwischen, wenn nun schon bei der nächsten Gelegenheit eines 80. Geburtstages, und sei es auch für ein so hervorragendes Mitglied der Akademie wie R. Virchow, dieselbe Ehrung bewilligt werde. Die Akademie habe s[einer] Z[eit] Mommsen die Plakette gestiftet nicht so sehr für seine außergewöhnlichen Leistungen als Forscher und Gelehrter, sondern insbesondere in dankbarer Anerkennung seiner Thätigkeit für und innerhalb der Akademie, der er so zu sagen sein ganzes Leben gewidmet habe. Stifte man nun wieder ein solches Erinnerungszeichen, so sei es schwer später bei ähnlichen Gelegenheiten davon abzulassen, und es sei aus dem angeführten Grunde nicht erwünscht mehreren oder allen Octogenarii eine solche Auszeichnung zu bieten. Hinzu komme in diesem Falle, daß am 70. Geburtstage R. Virchows letzterem eine große goldene Medaille gewidmet worden sei, wenn auch nicht Seitens der Akademie. Es trat dann der Vorschlag hervor den Akademikern zu empfehlen, Herrn R. Virchow zu seinem 80. Geburtstage ein Album mit den Photographien seiner akademischen Collegen zu widmen; dieser Vorschlag fand allseitige Zustimmung. Damit war die Angelegenheit für den Ges. GVA erledigt." (2)

Aber eben nur für den Ausschuß! In der anschließenden Sitzung des Plenums der Akademie entbrannte eine lebhafte Diskussion. Da ein neuer Vorschlag, vorlag wurde die Angelegenheit an die physikalisch-mathematische Klasse zurückverwiesen. Die zeigte sich allerdings wenig zum Einlenken bereit, wie das Protokoll vom 23.5.1901 belegt: "Die Herren Munk, Klein, von Richthofen, Engelmann und Schwarz sprachen sich für Herstellung einer solchen Plakette aus. Herr Schulze und der Unterzeichnete [Waldeyer-Red.] berichtigen die Anschauung, als ob der Ges-GVA, indem er auch auf das Meritorische der Sache einging, seine Competenzen überschritten habe, und ferner, daß bei der bisherigen Behandlung der Frage irgend eine Stellungsnahme der phil[osophisch]-hist[orischen] Classe gegen die Stiftung einer Virchow-Plakette zu Tage getreten sei." (3)

Über die Einwände der physikalisch-mathematischen Klasse informiert, schritt das Plenum am 6.6.1901 erneut zur Abstimmung über den vom Physiologen Wilhelm Engelmann eingebrachten Antrag, eine Virchow-Plakette zu stiften. "Von 36 Anwesenden wurden 36 Stimmzettel - Hr. v. Bezold hatte Zettelabstimmung beantragt - abgegeben; davon lauteten 21 auf Ja!, 11 auf Nein!, 4 waren unbeschrieben. Die Akademie wird demnach zum 13. October d. J. dem 80sten Geburtstage Rudolf Virchow's, dessen Plakette auf ihre Kosten herstellen lassen." (4)
Der Geldverwendungsausschuß brauchte dann nur noch die Summe - bis zu 1000 Mark setzte man für die Herstellung an - zu beschließen.

(1) Archiv der BBAW, Sign: II-III, 32, Blatt 187.
(2) Ibid
(3) Ibid:Blatt 191.
(4) Ibid:Blatt 194.

König Friedrich II verlangte am 16.10.1777 in seinem Brief an die Akademie: "Da Unser beständiges Ziel der Fortschritt der philosophischen Aufklärung ist, so wünschen Wir, daß die Klasse für spekulative Philosophie als Preisfragen nur solche Themen ausschreibt, die interessant sind und eine Nützlichkeit haben, und daß sie anstelle der letzthin ausgeschriebenen Preisfrage, die nicht recht verständlich ist, das folgende Thema übernähme: 'Ob es nützlich sein kann, das Volk zu hintergehen'."

Est-il utile de tromper le peuple. Ist der Volksbetrug von Nutzen? Concours de la classe de philosophie spéculative de l'Académie des Sciences et des Belles-Lettres de Berlin pour l'anné 1780. Eingeleitet und hrsg. v. Werner Krauss, Berlin 1966:4.

Volksbetrug
Die Fragestellung hatte der Aufklärer d'Alembert 1769 Friedrich II schmackhaft gemacht. Es ist nicht überliefert, wie stark das Entsetzen der Akademiker gewesen ist, anstelle der bisherigen großen philosophischen Themen, wie etwa die Bedeutung der Leibniz-Wolffschen Philosophie, nun eine entschieden politisch und noch dazu besonders heikle Preisaufgabe für das Jahr 1780 stellen zu müssen. Doch der König, der sich beim Antritt seiner Regentschaft selbst zum Akademiepräsidenten ernannt hatte, wollte den Fragen des Lebens offenkundig schleinigst auch innerhalb der Akademie Platz schaffen.

Die Betrugsfrage war unter den französischen Auklärern seit längerer Zeit heftig diskutiert worden. Berühmheiten wie Diderot oder d'Holbach hatten sich zu Wort gemeldet und den 'Volksbetrug' als Mittel der Politik verworfen. Friedrich II selbst hatte sich 1740 in seinem 'Antimachiavel' gegen das Recht des Herrschers ausgesprochen, aus Staatsraison Gesetze übertreten und unlautere Mittel in der Politik einsetzen zu dürfen. (1)

Es kann in diesem gesellschaftlichen Kontext nicht überraschen, daß die Preisfrage einen großen Widerhall fand: 42 Schriften gingen ein, eine Vielzahl davon in französischischer Sprache verfaßt; unter den Autoren so illustre Namen wie Condorcet, Linguet und Brissot. In einem ersten Arbeitsgang wurden diejenigen Schriften aussortiert, in denen die Aufgabe als Kritik an einer real existierenden Regierung verstanden worden war - so direkt sollte die Konfrontation von Leben und Akademie offenbar doch nicht sein! Bei der Beurteilung der verbliebenen 33 Schriften standen die Akademiemitglieder in so fern vor einem Dilemma, als die eine Hälfte der Bewerber den Volksbetrug ablehnte, während die andere einen instrumentellen Umgang mit Wahrheit und Lüge nicht nur für möglich, sondern auch für politisch klug hielt.

Wenngleich die Wissenschaft nicht dafür gerühmt wird, daß sie in unklaren Verhältnissen zum Kompromiß als Lösung greift, entschloß sich die Akademie pro und contra zu preisen. Unter den Befürwortern des Volksbetruges wurde die Arbeit des Philosophen Friedrich Castillon ausgezeichnet; als beste ablehnende Antwort die von Rudolf Zacharias Becker, dem Erziehers des Barons Dachröden mit dem Preis bedacht.

Wenig begeistert von diesem Ausgang der Konfrontation zwischen den unmittelbaren Beratungsbedürfnissen der Politik und den Leistungen der Akademie scheint der König gewesen zu sein. Jedenfalls hat er sich kein weiteres mal in die Formulierung einer Preisfrage eingemischt und auch sein Interesse an den Angelegenheiten der Akademie schwand zunehmend.

(1) Hans-Heinrich Müller: Eine heikle Preisfrage, Berlinische Monatsschrift, Bd. 5, H. 11: 11-13.

Preisaufgaben: Das Weltwissen hervorlocken
Die Königliche Akademie der Wissenschaften hatte mit ihrem neuen Statut vom 24. Januar 1744 unter anderem die Aufgabe erhalten, "jährlich ein Praemium von etwa fünfzig Ducaten zu Ausarbeitung einer wichtigen und dem Lande nützlichen Materie aus den Wissenschaften oder Litteratur auszusetzen und das Problema durch die Zeitungen bekannt zu machen. Es werden zu dieser Ausarbeitung zwar sonderlich auswärtige Gelehrte eingeladen, jedoch aber sollen auch die Abhandlungen einheimischer Gelehrten, nicht weniger Mitglieder der Academie angenommen werden.
Die zu Erhaltung ieses Praemii eingekommene Stücke sollen in der jährlich zu haltenden Versammlung aller Glieder verlesen, wem der Preis zuerkannt worden, öffentlich angezeiget und dabey diese Regel beobachtet werden, dass, wenn die Abhandlung eines auslänndischen und hiesigen Gelehrten in gleichem Grade der Gründlichkeit und Schönheit stehen, in solchem Fall dem Fremden allemal der Vorzug zu geben sey."

§ XX des Akademiestatuts von 1744, zit. n.: A. v. Harnack, Geschichte der Königlich Preussischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin, Berlin 1900, I:268.

Bereits mit 35 Jahren wurde Girolamo Lucchesini Ehrenmitglied der Akademie. Wissenschaftliche Verdienste werden es allerdings kaum gewesen sein, welche die Mitglieder zu dieser Wahl bewogen haben.

Lucchesini erhielt in Modena und in Pavia eine klassisch-philologische wie auch eine naturwissenschaftliche Ausbildung. Während einer Kavalierstour durch Frankreich und Deutschland wurde er Friedrich II empfohlen, der ihn 1780 zum Kammerherrn ernannte, um sich seiner Dienste als literarischer Berater zu versichern.

Nach des Königs Tod übernahm er unter Friedrich Wilhelm III mehrfach außenpolitische Aufgaben, bei denen er außerordentliches Geschick bewies. Er verstand es als privater Gesandter in Warschau, den Einfluß Rußlands zugunsten der preußischen Interessen zu schwächen und 1790 ein polnisch-preußisches Bündnis in die Wege zu leiten. 1793 zum Wirklichen Geheimen Etats- und Kriegsminister ernannt, übernahm er weitere außenpolitische Aufgaben und Vermittlungsmissionen in Wien und Paris. Er fädelte die Vertragsverhandlungen Preußens mit Napoleon ein und nahm mit ihm nach der Schlacht von Jena und Auerstedt (1806) Friedensverhandlungen auf, die 1806 mit Zustimmung des preußischen Königs in den französisch-preußischen Präliminarfrieden von Charlottenburg mündeten. Nach der Ablehnung des von Lucchesini und Zastrow abgeschlossenen Waffenstillstandes von 16.11.1806 durch Friedrich Wilhelm III erfolgte am 3.1.1807 seine Demission. Mit einer preußischen Pension versehen wurde er 1807 in seiner Heimatstadt Lucca Oberhofmeister der Herzogin Elisa Bacciochi, einer Schwester Napoleons.

Wenngleich die Akademie Lucchesini erst 1786 als Ehrenmitglied aufgenommen hat, hätte ihm Friedrich II, wenn es der Wunsch seines Vertrauten gewesen wäre, nach dem Tode d'Alemberts Ende Oktober 1783 sogar das Präsidentenamt übertragen. (1) Lucchesini mochte sich für und in der Akademie aber nicht stärker engagieren. Zwar reichte er 1799 auf Verlangen des Königs den Entwurf eines neuen Akademiestatuts ein; dieser blieb im Kabinett aber ebenso liegen wie zuvor schon die Revision der Statuten von 1746. Ob das politische Interesse an einer Organisationsänderung nicht so brennend war, sodaß es mit der Durchführung von Planungsüberlegungen sein Bewenden haben konnte, oder ob die Politik eine umfassende Revision nicht überstürzen wollte, ist schwer zu beurteilen - jedenfalls kam es erst 1812 zu einer durchgreifenden, auch die Aufgabenstellung der Akademie betreffenden Reform. Und so hatte der Marchese Girolamo Lucchesini keine weitere Gelegenheit mehr, in der Akademie deutliche Spuren zu hinterlassen.

(1) So jedenfalls beurteilt Harnack die Lage. Vgl. A. v. Harnack, Geschichte der Königlich Preussischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin, Berlin 1900, I:390.

titelte die Vossische Zeitung bei der Veröffentlichung des Berichtes über den Vortrag, den das Ordentliche Mitglied der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften, der Bautechniker und Statiker Heinrich Müller-Breslau, "am 28.10.1915 in der physikalisch-mathematischen Klasse über "Elastizitätstheorie des starren Luftschiffes" gehalten hatte. Kurz und knapp wird dem Leser darin erläutert, Müller-Breslau habe gezeigt, "daß die Versteifung eines solchen Fahrzeuges zu den hochgradig statischen unbestimmten Stabwerken mit veränderlicher Gliederung gehört. Ihre genaue Untersuchung verlangt die Aufstellung einer außerordentlich großen Zahl von Elastizitätsgleichungen, die eine jede einzelne eine große Zahl von Unbekannten enthält. Hierzu tritt noch die große Zahl der zu untersuchenden Belastungsfälle. Der bekannte Statiker untersucht die verschiedenen Bedingungen und zeigt einen Weg, der gestattet, die Genauigkeit der zunächst auf Grund einer Abschätzung der in die Ringebenen fallenden Seitenverschiebungen der Ringknotenpunkte ermittelten Näherungswerte der Spannkräfte und Formänderung stufenweise beliebig zu steigern." (1)
Daß die Öffentlichkeitsarbeit der Akademie, denn der Bericht erwies sich als lediglich leicht abgewandelte Pressemitteilung, nicht auf das Verständnis aller Leser rechnen konnte - es aber offenbar auch gar nicht wollte - zeigen die Folgen. Unmittelbar nach der Veröffentlichung meldete sich besorgt und fürsorglich das Reichsmarineamt, das im Kriegsjahr 1915 unbedingt verhindern wollte, daß Wissenschaftler unbedacht kriegswichtige Informationen in Umlauf bringen.

(1) Vossische Zeitung, 5.11.1915, Nr. 567, Abend-Ausgabe, Beilage.

Reaktion des Reichsmarineamtes
In der dem Vortrag folgenden Sitzung der physikalisch-mathematischen Klasse am 11.11.1915 machte der Sekretar Wilhelm Waldeyer den Inhalt eines Briefes bekannt, den der Staatssekretär des Reichsmarineamtes drei Tage zuvor an die Akademie geschrieben hatte. In diesem Schreiben weise das Ministerium die Akademie darauf hin, "dass Vorträge, wie der des Herrn Müller-Breslau über die Elasticitätstheorie des starren Luftschiffes ... wenn sie in die Öffentlichkeit gelangten, in der jetzigen Kriegszeit bedenkliche Folgen haben könnten". Es "wünscht Auskunft darüber, vor welchem Hörerkreis der Vortrag gehalten worden sei und betont, dass der Vortrag nicht im Druck veröffentlicht werden dürfe." (1)

Ohne Zögern und Einspruch erfüllte die Akademie die Forderungen und versuchte das Reichsmarineamt auch im Hinblick auf die Erkenntnistiefe ihrer Pressemitteilungen zu beruhigen: "Die kurzen Angaben, welche den hiesigen Zeitungen über die Verhandlungen der Akademie der Wissenschaften, wie seit langem üblich, zugehen, sind auch diesmal ergangen und auch in den Zeitungen mitgetheilt worden; sie sind aber im vorliegenden Falle so gehalten, dass auch ein Sachverständiger Nichts Benutzbares daraus entnehmen kann." (2)

In den Sitzungsprotokollen der Klasse selbst ist nur der Titel des Vortrages verzeichnet; in den Sitzungsberichten der Akademie wurde gegen die Gepflogenheiten der Text abgedruckt, den die Akademie als Information an die Presse gegeben hatte. Ein vollständiger Vortragsabdruck erfolgte an keiner Stelle; das Mitglied Müller-Breslau hatte auch gar kein Manuskript eingereicht.

(1) Archiv der BBAW, Sign.: II-V, 133, Bl. 39-40.
(2) Ibid:Bl. 40.
(3) Sitzungsberichte der Akademie von 1915, Berlin 1915:731.

Gustav Hertz

"Gustav Hertz ist einer der bedeutendsten Experimentalphysiker. Am Beginn seiner wissenschaftlichen Laufbahn, in der Zeit seiner Assistententätigkeit am Physikalischen Institut der Berliner Universität, führte er zusammen mit James Franck jenen grundlegenden Versuch über die quantenhafte Anregung von Atomen durch Elektronen durch, welcher zugleich als Fundamentalversuch der modernen Quantenphysik anerkannt wurde und 1925 durch Verleihung des Nobelpreises an Franck und Hertz gemeinsam seine Würdigung fand", heißt es im Zuwahlantrag der Klasse für Mathematik, Physik und Technik der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin (DAW) vom 24.11.1954. (1)

Hertz studierte Mathematik und Physik in Göttingen und München. Nach Absolvierung seines einjährigen Militärdienstes übersiedelte er an die Berliner Universität, wo er 1911 über das ultrarote Absorptionsspektrum der Kohlensäure promovierte. In seiner Zeit als Assistent am Physikalischen Institut entwickelte sich eine intensive Zusammenarbeit und Freundschaft mit James Franck. Zusammen konzipierten sie in den Jahren 1912/13 mehrere Elektronenstoßversuche, mit denen sie die von John Townsend aufgestellte Theorie der Stoßionisation prüfen wollten. Doch die Experimente brachten sehr viel weitergehende Erkenntnisse!

Bei Messungen an einer Dreielektrodenröhre, die mit Quecksilberdampf bei niedrigem Druck gefüllt war, stellten Hertz und Franck überrascht fest, daß der gegen die wachsende Spannung gemessene Stromverlauf eine Reihe äquidistanter Maxima bzw. Minima aufwies. Der Abstand zwischen diesen Extremwerten war eine typische Größe für die chemische Natur des Gases, die mit der Anregung von Spektrallinien übereinstimmte. Franck und Hertz deuteten dies als Beleg dafür, daß Gasatome beim Zusammentreffen mit Elektronen nur diskrete, also quantenhafte Energiebeträge aufnehmen können. Als andere Forscher einige Jahre später erkannten, daß die Anregungsspannung dem Abstand zweier Energieniveaus im Bohrschen Atommodell entspricht, wurde der "Franck-Hertz-Versuch" zum experimentellen Beweis des Bohrsche Atommodells, er eröffnete die Möglichkeit einer experimentellen Bestimmung des Planckschen Wirkungsquantums und gab eine neue Methode an die Hand, die zuvor rein optisch-spektroskopischen betriebene Untersuchung von Atomen zu ergänzen. Für diese Leistung wurde Franck und Hertz 1925 gemeinsam der Nobelpreis für Physik zuerkannt.
Seine berufliche Laufbahn hatte Hertz nach sehr erfolgreichen Jahren im Entwicklungslabor der Philips AG über eine Professur in Halle 1928 an die TH Berlin-Charlottenburg geführt. Dort widmete er sich energisch dem Neubau des Institutsgebäudes. Forschend befaßte er sich vor allem mit Problemen der Gasdiffussion. Mit der von ihm konstruierten Trennkaskade für gasförmige Isotopengemische konnte er 1934 die Neon-Isotope 20 und 24 trennen und schweren Wasserstoff zum ersten mal rein darstellen.

Im Zuge der Durchführung der von den Nationalsozialisten verabschiedeten Rassengesetze wurde Hertz 1935 gezwungen, sein Lehramt aufzugeben. Gleichwohl verließ er Deutschland nicht, sondern zog sich aus der Lehröffentlichkeit in die Leitung des Forschungslaboratoriums der Siemens AG in Berlin zurück. Dort beschäftigte er sich mit Feldemission, Gasentladungs- und Halbleiterphysik sowie dem Ultraschall. Die hohe Nützlichkeit seiner wissenschaftlichen Forschung wurde aber nicht nur im Nationalsozialismus erkannt, sondern führte ihn nach Kriegsende im Verein mit einer Vielzahl weiterer Physiker und Chemiker in die Sowjetunion. Dort arbeitete er in der Atomforschung sehr erfolgreich an der großtechnischen Umsetzung seines Diffusionsverfahrens zur Anreicherung des Uran-Isotops 235. 1951 erhielt er hierfür den Stalinpreis der UdSSR.

Briefmarken mit Gustav Hertz

1954 in die DDR zurückgekehrt, war Hertz bis zu seiner Emeritierung (1961) Direktor des Physikalischen Instituts der Universität Leipzig und über seine Ämter als Vorsitzender des "Rates für die friedliche Anwendung der Atomenergie beim Ministerrat der DDR" und Mitglied zahlreicher wissenschaftlicher Gesellschaften und Akademien (Halle, Göttingen, Leipzig, Moskau) sowie Vorsitzender und Ehrenvorsitzender der Physikalischen Gesellschaft in der DDR einflußreich in der wissenschaftlichen Gemeinschaft wie auch in der Politik. Angesehen und hochgeehrt - 1955 war er mit dem Nationalpreis der DDR und 1959 mit der Helmholtz-Medaille der Akademie ausgezeichnet worden - starb Hertz im Oktober 1975.

(1) Archiv der BBAW: Sign.: Akademieleitung, Personalia, Nr. 175, OM Hertz, Gustav, Bd. 1. (2) Ibid.

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